Gesellschaft
Zu Besuch in der Selbsthilfegruppe

«Ist er ein Narzisst?» Wo Frauen in Zug Hilfe kriegen

Haben den Verein «Opfer von Narzissten» ins Leben gerufen: Martina Müller (links) und Chris Oeuvray (rechts). (Bild: zvg)

In Zug treffen sich regelmässig Frauen, die in Beziehungen mit einem Narzissten waren oder noch sind. Wir haben uns bei einer Selbsthilfegruppe dazugesetzt.

«Ich will herausfinden, ob mein Mann ein Narzisst ist.»

Die Stimme der Frau bricht zusammen. Sie hat Tränen in den Augen.

Sechs Frauen sitzen hier, an einem Tisch in der B&B-Sportsbar in Zug. Es ist Dienstagabend. Wie jede zweite Woche finden hier Opfer von Narzissten zusammen. Die Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen haben Martina Müller und Chris Oeuvray (zentralplus berichtete). Beide standen in ihrer Vergangenheit in Beziehungen mit Narzissten. Dieses Jahr haben sie in Zug den Verein «Opfer von Narzissten» gegründet. Oeuvray hat letztes Jahr zudem einen Thriller über toxische Beziehungen geschrieben (zentralplus berichtete).

Zurück zur Frauengruppe am Tisch: Chris Oeuvray fragt die Frau, ob sie die vier Kriterien kenne, die einen Menschen als Narzissten diagnostizieren. Sie zählt in Ruhe auf: Egoistisch. Die Frau nickt und wischt sich die Tränen mit der Hand weg. Egozentrisch. Dominant. Fehlende Empathie. Bei jedem der vier Punkte nickt die Frau zustimmend, greift nun zum Taschentuch. Sie befindet sich mit ihrem Mann in der Trennungsphase. Doch diese ist oftmals die schwierigste. Sie muss irgendwie die Zeit überbrücken, bis sie nächstes Jahr ins Ausland kann. «Ich will einfach nur weit weg von meinem Mann sein», sagt die Frau unter Tränen.

Demütigen, bis es am Selbstwertgefühl nagt

Jede der Frau hier war oder ist in einer Beziehung mit einem Narzissten. Die einen lösen sich gerade von diesen, befinden sich in zermürbenden Gerichtsprozessen. Andere verliebten sich vor Jahren in einen Narzissten und wollen das nun aufarbeiten. Um nicht wieder in einer sogenannte Co-Abhängigkeit zu enden. Sich wieder in einen Narzissten zu verlieben – und am Ende emotional und finanziell am Ende zu sein.

«Er stichelte, stichelte und stichelte – bis ich selber unsicher wurde.»

Eine Frau in der Selbsthilfe-Gruppe

Denn Narzisstinnen destabilisieren ihren Partner. Eine Frau erzählt, wie ein Mann sie sprichwörtlich als Göttin verehrt hat. «Bis er begonnen hat, zu sticheln. Immer wieder, immer heftiger.» Am einen Tag machte er ihr Komplimente für ihr Aussehen, tags darauf folgte die Kritik. Was sie da denn wieder angezogen habe, ihr Busen komisch aussehe. «Er stichelte, stichelte und stichelte – bis ich selber unsicher wurde.» Die Frauen rundum nicken. Auch sie kennen das.

«Hier muss ich mich nie rechtfertigen für das, was ich erlebt oder wie ich mich gefühlt habe», sagt eine Frau. «Auch ich habe meinem Mann jahrelang gedient. Das war selbstverständlich.»

Bis die Stimmung kippt

«Dienen», ein Wort das mehrmals in dieser Gruppe fällt. Viele Menschen, die in einer Beziehung mit einem Narzissten sind, stecken ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Beispielsweise fand es eine Frau normal, wenn ihr Mann ihr nichts auf den Geburtstag schenkte. Obwohl ihr der Tag so wichtig war. Ihr Ex habe damals gesagt, sie wisse ja, dass er sich «nichts daraus mache».

Anfangs umgarnen Narzisstinnen ihre Opfer, bis Kontrolle und Demütigung den Alltag bestimmen. In dieser Gruppe erzählten Frauen, dass sie bemerkten, dass ihre Wohnung oder auch ihr Autoschlüssel mit Wanzen ausgestattet worden sei. Eine andere Frau wurde über ihr Smartphone getrackt. Wenn sie sich beispielsweise mit ihrer Freundin in einer Bar getroffen hatte, meldete er sich prompt bei ihr. «Na, warum da?»

Auch an diesem Abend schrecken die Frauen immer mal wieder auf. Etwa, wenn die Tür zur Bar aufgeht. Kommt er etwa?

Wieder von einem Narzisst angezogen

Eine der Frauen hat sich zum ersten Mal in diese Runde gesetzt. Vor Jahren pflegte sie eine Beziehung mit einem Narzisst, wie sie heute weiss. Es folgte eine langjährige Beziehung mit einem Mann, der mit einem Narzisst nichts gemeinsam hatte. Nach der Trennung verabredete sie sich mit neuen Männern. Von keinem habe sie sich richtig hingezogen gefühlt, bis auf einen. Bis dieser eine Aussage von sich gab, die sie verletzte – und die sie schon einmal gehört hat. Jahre zuvor. Von dem Narzissten.

«Das Fatale ist, dass dieser emotionale Missbrauch und Terror für Betroffene wahnsinnig zermürbend, von aussen jedoch unsichtbar ist.»

Martina Müller

«Mir wurde kalt und warm zugleich. Ich habe realisiert, dass ich das Ganze von damals aufarbeiten muss. Um Ängste abzubauen, wieder glauben und vertrauen zu können. Mich auf eine gesunde Beziehung einlassen zu können.» Andere würden nicht verstehen, wie es in ihr aussehe. «Denn ich lache, ich strahle.»

Die Frauen rundum nicken wieder zustimmend. «Ich muss lernen, mich selber zu lieben», ergänzt eine andere Frau in der Runde. «Nur dann kann ich auch Liebe von einem anderen Partner annehmen. Ich habe es satt, Menschen anzuziehen, die mich schlecht behandeln.»

Narzissmus: Mehr als Selbstverliebtheit

Das hat auch Martina Müller zu Beginn der Selbsthilfegruppe gesagt. «Das Fatale ist, dass dieser emotionale Missbrauch und Terror für Betroffene wahnsinnig zermürbend, von aussen jedoch unsichtbar ist.»

Seit einiger Zeit hat man das Gefühl, dass Narzissten Hochkonjunktur hätten. Vielleicht wird aber auch einfach mehr über das Thema gesprochen. Und mehr Menschen, die in toxischen Beziehungen sind, realisieren dies auch. Chris Oeuvray spricht die #MeToo-Bewegung an. Die Bewegung, durch die sich weltweit Frauen im Zuge des Weinstein-Skandals auf sozialen Medien zu sexualisierten Übergriffen äusserten. «Durch diese Bewegung haben auch Opfer mit anderen Schicksalsschlägen gelernt, sich vermehrt als Opfer zeigen zu dürfen, sich nicht dafür zu schämen.»

«Es geht bei diesen Treffen auch nicht darum, über Ehemänner oder Ex-Partner abzulästern.»

Chris Oeuvray

Martina Müller ergänzt: «Die Gesellschaft neigt dazu, jeden Menschen, der selbstverliebt auftritt oder gerne im Mittelpunkt steht, als Narzissten abzustempeln.» Wenn die vier Kriterien jedoch nicht alle erfüllt seien, sei es keine Narzisstin. Womöglich aber eine anstrengende Person. «Narzissmus ist eben nicht nur ein bisschen Selbstverliebtheit. Narzissmus bedeutet Psychoterror.»

Auch Männer können unter Narzisstinnen leiden

Wer in die Runde blickt, sieht nur Frauen. «Natürlich können Frauen genauso Narzisstinnen sein und Männer darunter leiden.» Nur sei bei Männern die Scham grösser, darüber zu reden. «Es geht bei diesen Treffen auch nicht darum, über Ehemänner oder Ex-Partner abzulästern», sagt Chris Oeuvray. «Sondern wir fragen nach, was die Frauen jetzt brauchen.»

Jede Frau in dieser Runde erzählt von sich so viel, wie sie möchte. Man kann sich aber auch einfach dazusetzen und zuhören. «Mir hat es enorm geholfen, dass es einen Namen für diese Menschen gibt, die andere unterdrücken», sagt eine Frau.

Nach dem jemand etwas von sich preisgegeben hat, fragt Oeuvray nach: «Wie können wir dir helfen? Was brauchst du von uns?» Bei vielen ist es wohl dies: gehört und verstanden zu werden.

Frauen sprechen sich gegenseitig Mut zu

Die Frauen blicken aber auch nach vorne. Sie sprechen über die Freude, nach der Trennung endlich wieder das anzuziehen, auf was sie Lust haben. Oder einfach nur, dass sie das Fernsehgerät in der Hand haben, entscheiden, was sie jetzt sehen wollen. Ohne dass permanent jemand anderes entscheide, drohe oder kritisiere.

Oeuvray fragt die Frau, die sich weit weg von ihrem Partner sehnt, in einem Haus im Ausland, wie sie sich in ein paar Jahren fühlen wird. «Glücklich. Frei. Losgelöst.» Oder wie es eine andere Frau auf den Punkt bringt: «Ich will die Liebe nicht mehr am falschen Ort suchen.»

Hinweis: Das nächste Mal trifft sich die Selbsthilfegruppe am 28. Dezember in der B&B-Sportsbar in Zug. Start ist um 19 Uhr.

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