Gesellschaft
Neue Wohnform in Luzern geplant

Industriestrasse Luzern: Leben wie Hausbesetzer – nur legal

GWI-Präsident Pascal Hofer erzählt, welche neuen Wohnformen an der Industriestrasse Luzern künftig auf die Bewohnerinnen warten. (Bild: jwy)

An der Industriestrasse in Luzern ist künftig nicht nur Platz für normale Wohnungen, sondern auch fürs Hallenwohnen. Was ist das? zentralplus auf den Spuren einer neuen und ziemlich aufregenden Wohnform.

Die Überbauung an der Industriestrasse Luzern wird konkret. Im Frühling wird das Baugesuch der fünf beteiligten Baugenossenschaften eingereicht. Die Kooperation Industriestrasse hofft, 2023 mit den Bauarbeiten beginnen zu können.

Insgesamt entstehen 151 Wohnungen (zentralplus berichtete). Gestaltet werden sie sehr unterschiedlich. Besonders: Die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Industriestrasse Luzern GWI plant in zwei Neubauten sogenanntes Hallenwohnen.

Was das bedeutet, erklärt Präsident Pascal Hofer gegenüber zentralplus: «Wir wollen der künftigen Bewohnerschaft die Möglichkeit geben, ihren eigenen Wohnraum zu verwirklichen.»

Modulare Raumaufteilung

Heisst: Die zukünftigen Bewohnerinnen gestalten die Wohnungsgrundrisse selber. «Die Grundstruktur der Liegenschaft ist fix, die Einteilung modular, sodass es sehr einfach ist, beispielsweise eine Zimmerwand ein- oder auszubauen oder eine Galerie zu erstellen.»

«Es ist eine Wohnform, die sehr organisch funktionieren kann.»

Pascal Hofer, GWI Luzern

Dies bedinge eine intensive Zusammenarbeit zwischen den künftigen Bewohnern. In zwei Gebäuden an der Industriestrasse Luzern werden Hallenwohnungen realisiert. «Das Ziel ist, dass der Wohnverbrauch pro Person bei 30 bis 35 Quadratmetern liegt. Das ist jedoch nicht abschliessend.» 

Klingt alles abstrakt? Darum Hofer konkreter: «Es könnten sich beispielsweise zwei Paare fürs Hallenwohnen entscheiden. Diese erarbeiten ihre Grundrisse und leben ganz gut so miteinander.» Erwarte ein Paar dann Nachwuchs, verändert sich die Wohnung mit. «Durch dieses Konzept ist es sehr einfach, bei Bedarf eine Zimmerwand hochzuziehen, um sich so mehr Privatsphäre zu verschaffen. Es ist eine Wohnform, die sehr organisch funktionieren kann.»

Ein Konzept aus der Besetzer-Szene

Das Hallenwohnen kommt ursprünglich aus der Besetzer-Szene. Diese besetzte Abbruchhäuser – häufig Hallen mit hohen Decken – und baute diese zu Wohnungen um. Die Bewohnerinnen zogen Trennwände, kreierten Nischen, verbanden Plattformen mit Treppen und Leitern, die ein Leben auf mehreren Ebenen ermöglichten. Das klingt wild.

Konzepte, wie sie die GWI an der Industriestrasse Luzern umsetzt, sind in der Schweiz nicht neu. Es gibt sie schon im Warmbächli in Bern, das sich in einem alten Lagerhaus einer Schokoladenfabrik befindet. Auch die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich wagte das Experiment Hallenwohnen. Die ersten Mieter zogen vor rund einem Jahr ein.

Reibungslos verlief das ganz und gar nicht. Aline Diggelmann, die Kommunikationsverantwortliche der Genossenschaft Kalkbreite, erzählt: «Die Hallen sollten ursprünglich im kompletten Rohbau vermietet werden. Aber die Ansprüche, die ein solcher Ausbau mit sich bringt, waren für Laien zu hoch.»

Ein Konzept, das nicht ganz ohne ist

Sie präzisiert: «Es würde bedeuten, schon etliche Zeit im Voraus einen detaillierten Plan einreichen zu können und das Budget dafür geplant zu wissen.»

Das sei zum Zeitpunkt, als die Baubewilligungen eingereicht wurden, schlicht eine Überforderung gewesen. Die Gruppen waren da erst dabei, sich zu finden. 

Also habe die Genossenschaft den Bewilligungsprozess übernommen. «Die Bäder und Küchen wurden geplant, ebenso ein Maximum an bewilligbaren Wänden und Böden. Die Aneignung lag später darin, aus den zur Verfügung gestellten Ausbaumöglichkeiten diejenigen auszuwählen, die man haben wollte.»

«Hallenwohnen zeichnet sich durch Nischen, Kabäuschen und Kojen aus.»

Aline Diggelmann, Genossenschaft Kalkbreite

Besonders problematisch waren die Raumhöhen. «Hallenwohnen zeichnet sich durch Nischen, Kabäuschen und Kojen aus. Behördliche Vorschriften verlangen hingegen ein Mindestmass an Raumhöhe, um Missbrauch von Mietfläche zu vermeiden», erzählt Diggelmann. Die besagten Liegenschaften in Zürich weisen eine Höhe von ungefähr 1,5 normalen Stockwerken auf.

Blick von der Industriestrasse Luzern her auf die geplanten Neubauten beim EWL-Areal. (Visualisierung: EWL Areal AG) (Bild: )

Nasszellen und Küchen sind schon definiert

Damit diese Probleme in Luzern nicht auftauchen, hat die GWI Vorkehrungen getroffen. «Die Nasszellen sowie die Küchen sind bereits klar definiert. Schliesslich müssen sowohl die Stromanschlüsse als auch alle sanitären Anlagen reibungslos funktionieren», erklärt Hofer.

«Sollten wir keine Interessenten haben, müssen wir die Wohnungen halt ‹normal› realisieren.»

Pascal Hofer, GWI Luzern

Auch sei es aus baulicher Perspektive nicht sinnvoll, zu viele unterschiedliche Nutzungen auf einem Stockwerk unterzubringen, sagt Hofer. «Sonst hätten wir irgendwann ein Kostenproblem, zum Beispiel wegen den Brandschutzvorschriften. Darum beschränken wir uns auf die Wohneinheiten.»

Ist in Luzern überhaupt ein Bedürfnis da für diese aussergewöhnliche Wohnform? «Wir denken schon, sonst würden wir das nicht machen. Das Schöne ist jedoch: Wir verbauen uns nichts. Sollten wir keine Interessenten haben, müssen wir die Wohnungen halt ‹normal› realisieren», sagt Hofer.

Auch Clusterwohnungen sind geplant

Neben den Hallenwohnungen sind auch Clusterwohnungen angedacht. Es handelt sich dabei um ganze Stockwerke, also «Clusterstockwerke», die mehrere Familien mieten. Oder eine generationenübergreifende Gruppe, die sich als Verein organisieren und nah beieinander leben möchte. Durch Vereinsstruktur kann sich die Gruppe verändern und der Mietvertrag muss nicht wegen Personenwechseln angepasst werden.

Die unterschiedlichen Parteien haben bei dieser Wohnform ihre «normalen» Wohnungen und Rückzugsorte. Doch gibt es einige Räume, welche die Bewohnerinnen gemeinsam nutzen. Es handelt sich also um eine Mischung aus WG und Kleinstwohnung.

«Wir sind nach wie vor überzeugt von der Wohnform des Hallenwohnens.»

Aline Diggelmann, Genossenschaft Kalkbreite

Noch gibt es gemäss Hofer keine Interessenten fürs Hallen- und Clusterwohnen. «Das wäre etwas zu früh. Zunächst müssen wir unseren Anteil an der Überbauung des Industriestrasseareals an der GV vorstellen und die Bau- wie auch die Mietkosten absegnen lassen. Wir hoffen natürlich auf eine gute Resonanz.»

In der Kalkbreite ist man nun, nach der Überwindung einiger Stolpersteine, jedenfalls zufrieden. «Wir sind nach wie vor überzeugt von der Wohnform des Hallenwohnens und froh darüber, einen gangbaren Weg gefunden zu haben», erklärt Diggelmann.

Verwendete Quellen
  • Artikel «Luzerner Zeitung»
  • Telefongespräch mit Pascal Hofer
  • Mailverkehr mit Genossenschaft Kalkbreite
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