Gesellschaft

Hunderte Menschen im «Free Shop Ukraine»
In Steinhausen stehen Geflüchtete für Unterhosen Schlange

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Helfer Gleb und Initiator Steffen Jakob vor dem Free Shop in Steinhausen. (Bild: wia)

Zwei Privatpersonen haben einen Gratisladen für ukrainische Geflüchtete gegründet. Der «Free Shop» ist heute aus nicht mehr wegzudenken. Hunderte strömen dorthin, um das Nötigste zu ergattern. Derweil kritisieren die Organisatoren den Kanton.

Auf der Zugerstrasse in lässt ein Autofahrer in einem edlen «Chlapf» die vermutlich inexistenten Muskeln via Gaspedal spielen. Er braust vorbei an der Bushaltestelle, findet jedoch keine Beachtung von den vielen Menschen, die dort stehen. Die meisten der Wartenden sind Geflüchtete, die gerade vom «Free Shop Ukraine » kommen, nachdem sie sich dort mit dem Wichtigsten eingedeckt haben, was es zum Leben braucht.

Schreibblöcke für Schulkinder, vielleicht ein paar Bananen, Spaghetti, im besten Fall ein paar passende Schuhe. Der Laden befindet sich unweit der Bushaltestelle Eichholz und ist zweimal in der Woche geöffnet. So auch an diesem Dienstagnachmittag.

Von der Ad-hoc-Idee zur Institution

Was vor fünf Wochen als kleines Projekt eines Ehepaars ins Leben gerufen wurde, ist mittlerweile eine richtige Institution geworden, wie wir bald merken werden.

Hunderte Menschen reisen jeweils am Dienstag- und Donnerstagnachmittag hierher. Als wir vor Ort ankommen, ist der Laden seit rund einer Stunde offen. Organisator Steffen Jakob, den wir zwischen den Menschenschlangen herumwuselnd antreffen, schätzt, dass an diesem Tag bereits rund 270 Menschen hier gewesen seien.

Der bärtige Zuger fällt als einer der wenigen Männer vor Ort auf. Insbesondere, als er kurz seine Stimme erhebt. «Zwischendurch muss das sein», sagt er lakonisch. «Wir müssen ab und zu durchgreifen. Etwa, wenn sich die Menschen zweimal hineinschleichen oder aber beginnen, sich selber an Lebensmitteln zu bedienen und mehr zu nehmen, als ihnen zusteht.»

Wie offenbar jedes Mal ist der Ansturm auf die Gratislebensmittel und -kleider enorm.

Mit jedem Mal lerne man jedoch dazu. Nun gibt es beim Ein- und Austritt einen Stempel, damit die Kundinnen nicht zweimal vorbeikommen. Die Lebensmittel und Hygieneartikel werden mittlerweile hinter einer Theke gelagert und nur vom Personal nach Bedarf herausgegeben. Ebenso die begehrten Schulartikel. Während Jakob erzählt, mäandert er durch Menschenmengen, durch Tischreihen, auf denen Bananenschachteln voller Kindershirts und Hosen stehen.

Menschentraube vor der Unterwäsche

Vor einem der Tische stehen auffallend viele Frauen an. Dort liegen sorgfältig nach Grösse geordnet neue Unterhosen. Das Bedürfnis scheint riesig zu sein. Kein Wunder. Viele der Frauen und Kinder sind nur gerade mit dem geflüchtet, was sie am eigenen Leib trugen, vielleicht mit ein paar zusätzlichen Wäschestücken in einem kleinen Rollkoffer.

Auch wenn ein Paar Unterhosen für unsere Verhältnisse günstig sind, ist der Betrag für Sozialhilfebezüger nicht zu unterschätzen. Will man mit den rund 15 Franken (monatlich sind es 458 Franken), die Schutzbedürftige S am Tag erhalten, neben Shampoo, Zahnpasta und Essen auch noch Kleider kaufen, kann es schnell knapp werden.

«Viele der Menschen glauben etwa, der Laden sei vom Kanton offiziell organisiert.»

Steffen Jakob, Organisator des «Free Shop Ukraine»

Mehrere freiwillige Helferinnen wägen ab, welche Unterhose wem passen könnte und geben diese einzeln heraus. Geduldig warten die Geflüchteten, bis sie an der Reihe sind. Neben Schweizern sind es Ukrainerinnen selber, welche vor Ort mithelfen. Jakob deutet auf eine Frau. Es handle sich um eine Ukrainerin, die beim ersten Mal als Kundin hier gewesen sei, seither jedoch mithelfe. «In ihrer Heimat hat sie als Psychologin gearbeitet.»

Ukrainische Helferinnen können Situationen schlichten

Dass auch Ukrainerinnen zu den 40 Helfern zählen, bringe viel. «Sollte es mal zu Problemen kommen, können sie die Situation schnell bereinigen», sagt der Organisator. «Viele der Menschen glauben etwa, der Laden sei vom Kanton offiziell organisiert. Dass sie missmutig werden, wenn es für sie etwa keine Lebensmittel mehr übrig hat, ist daher verständlich.» Die Landsleute sorgen dann für Aufklärung.

Besonders begehrt sind Kinderschuhe, aber auch Taschen.

Hier und da gebe es auch schwarze Schafe, sagt Steffen Jakob. «Leute, die es halt überall gibt und die eine Situation ausnützen. Das ist in mehrerlei Hinsicht gefährlich. Denn sie schaden nicht nur dem Betrieb hier, sondern auch den Menschen, die wirklich bedürftig sind. Ausserdem verschlechtert sich dadurch das Image der ukrainischen Geflüchteten zu Unrecht.»

Bald gibt es deutlich mehr Platz

Aktuell ist alles etwas chaotisch, mehrere durch Festbänke getrennte Menschenschlangen führen zu unterschiedlichen Ständen. Das werde sich jedoch bald ändern, erklärt Jakob, während wir in den ersten Stock des Gebäudes aufsteigen.

In einer Halle stapeln sich unzählige mit Kleidern gefüllte Kartonkisten. Im Hintergrund reihen sich Kinderwägen und Kindersitze. «Diese hat uns ein Unternehmen gespendet. Wir geben sie nur heraus, wenn Leute explizit danach fragen oder wenn sie offensichtlich gebraucht werden», betont Steffen Jakob.

Im Obergeschoss warten Kisten darauf, ausgepackt zu werden.

Noch herrscht in der ersten Etage des Gebäudes jedoch Stille. «In der kommenden Woche werden wir hier die Kleiderabteilung aufbauen, Lebensmittel werden weiterhin unten herausgegeben.» Jakob hofft, dass mit der räumlichen Trennung etwas mehr Ruhe einkehren wird in den «Free Shop».

Diese benötigen Steffen Jakob und seine Frau eigentlich dringend. Wann die beiden ihren letzten freien Tag hatten? Sie wissen es nicht mehr. Mit dem «Free Shop» in Steinhausen verdient das Paar kein Geld. Daneben haben die beiden noch andere Jobs.

Migros kann nicht mit abgelaufenen Lebensmitteln helfen

Der Einsatz für den «Free Shop» zehrt jedoch nicht nur wegen der Arbeitslast an den Nerven. Nicht selten sind die beiden frustriert. «Wir bräuchten dringend Lebensmittel, denn das Bedürfnis ist gross.» Der Organisator erzählt von einer Frau, die an diesem Tag bereits um 10 Uhr vor dem Laden gestanden sei. Drei Stunden zu früh also. Bloss: «Von den Grossverteilern, die wir angefragt haben, erhielten wir nur Absagen. Es heisst, abgelaufene Lebensmittel dürfen sie nicht weitergeben.»

Die Herausgabe von Lebensmitteln muss sehr kontrolliert passieren.

Eine Aussage, die uns Marcel Schlatter vom Migros-Genossenschafts-Bund bestätigt. Er sagt weiter: «Aus unseren Produktionsbetrieben haben wir insbesondere dringend nachgefragte Hygieneartikel und Erste-Hilfe-Materialien mit verschiedenen Partnern in die Krisengebiete geschickt.» Weil man jedoch überzeugt sei, dass durch vom Bund koordinierte Massnahmen am meisten bewirkt werde, sehe man davon ab, private Spendenaktionen zu unterstützen.

Man arbeite jedoch mit karitativen Organisationen zusammen, so etwa mit der Schweizer Tafel. Tatsächlich unterstützt diese ab kommender Woche gemäss den Organisatoren auch den «Free Shop Ukraine» in Steinhausen.

Nichtsdestotrotz. Es brauche Lebensmittel – und zwar sofort. Steffen Jakob zählt auf: «Wir brauchen alles Mögliche. Konserven, Mehl, Pasta, Reis, Zucker und Getreide. Besonders Dosenthunfisch und Buchweizen finden grossen Anklang.»

Unverständnis gegenüber den Behörden

Wenn Jakob über den Betrieb spricht, schwingt Enttäuschung in seiner Stimme mit. Darüber, dass der Kanton nicht aktiv Lebensmittel spende und dafür sorge, dass die Bedürftigen das Mindeste erhalten würden.

Tatsächlich äusserte sich der zuständige Regierungsrat kürzlich sehr dezidiert zum Thema (zentralplus berichtete). Wohl sei man für die Auszahlung der Sozialhilfegelder zuständig. Nicht aber für das Verteilen von Lebensmittel, wie der Direktor des Innern erklärte.

«Die Spenden werden immer weniger. Doch jetzt aufzuhören kommt nicht infrage.»

Steffen Jakob sieht das anders. «Wenn Private hören, dass der Kanton nicht direkt hilft, hören irgendwann auch diese auf zu spenden», befürchtet er. Schon jetzt weiss das Paar nicht mehr, womit es die ganzen Einkäufe zahlen soll. «Denn die Spenden werden immer weniger. Doch jetzt aufzuhören, kommt nicht infrage. Wir sind bereits zu gross», so der Zuger.

Jakob sagt: «Die Menschen kommen von überall her. Letzthin ist sogar jemand mit dem Zug aus Genf angereist*. Niemand nimmt einen solchen Weg auf sich, wenn er es nicht wirklich nötig hat.»

*Ukrainerinnen mit Schutzstatus S dürfen die öffentlichen Verkehrsmittel in der Schweiz gratis nutzen.

Verwendete Quellen
  • Besuch «Free Shop Ukraine» in Steinhausen und persönliches Gespräch mit Steffen Jakob
  • Telefongespräch mit Regierungsrat Andreas Hostettler
  • Schriftlicher Kontakt mit dem Migros-Genossenschafts-Bund
  • Webseite Free Shop Ukraine
Weitere Quellen
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1 Kommentare
  1. Hegard, 22.04.2022, 10:45 Uhr

    Tipisch Politiker, wier sind bereit??
    Da sollte man von Anfang Soziale Einrichtungen miteinbeziehen.(Essen+Kleider)
    Was nicht nur die Flüchtlinge,sondern auch dem Staat Finanziel unterstützt.
    Zudem als Erinnerung,das solche Einrichtungen das ganze Jahr auf Spenden angewiesen sind!Da sie auch das ganze Jahr Hilfe leisten

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