Gesellschaft
Lieferengpässe bei Medikamenten

Heroin-Ersatz: Lage in Luzern bleibt ungemütlich

Kerstin Gabriel Felleiter, die Chefärztin Ambulante Dienste der Luzerner Psychiatrie. (Bild: )

In Luzern kam es vor einigen Monaten zu Lieferengpässen bei einem der wichtigsten Medikamente zur Behandlung von Heroin-Süchtigen. Jetzt zeichnet sich das nächste Problem ab.

Die Verunsicherung war gross: Im letzten Jahr kam es monatelang zu massiven Lieferengpässen bei einem der wichtigsten Medikamente zur Behandlung von Heroin-Süchtigen. Auch in Luzern (zentralplus berichtete).

In der Schweiz ist es so: Wer süchtig nach Heroin ist, kann sich behandeln lassen. Und hat, neben einer Entzugsbehandlung, die Möglichkeit einer Substitution. Dabei werden Opiate kontrolliert an die Betroffenen abgegeben, damit diese nicht an Entzugserscheinungen leiden und der Drang nach Heroin gelindert wird. So kann vielen Süchtigen ein normales, selbständiges Leben ermöglicht werden.

In Luzern werden die meisten im Drop-in behandelt. Hier sind insgesamt über 200 Menschen in einer solchen Behandlung. Häufig wird hier das Ersatzmedikament «Sevre-Long» verabreicht, ein retardiertes Morphinpräparat.

Medikamentenwechsel können zu Rückfällen führen

Weil das Medikament so rar wurde, mussten in Luzern Patientinnen auf andere Medikamente umgestellt werden. Das ist nicht ganz ohne, wie Kerstin Gabriel Felleiter, die Chefärztin Ambulante Dienste der Luzerner Psychiatrie, im November 2021 gegenüber zentralplus warnte. Zum einen, weil Patienten durch Medikamentenwechsel verunsichert werden können. Zum anderen, weil bei jeder Patientin wieder die richtige Dosis gefunden werden muss, was vereinzelt zu Entzugserscheinungen führen kann. «Jede Verunsicherung – sei es durch Angst vor einem Lieferstopp der Substitutionsmedikamente oder durch den Wechsel eines Medikaments – erhöht die Gefahr eines Rückfalls drastisch», sagte Felleiter damals.

Einige begannen deshalb damit, sich auf der Gasse umzusehen und Heroin zu besorgen, um auf der «sicheren Seite» zu sein. Sprich: Um gar nicht erst in den Entzug zu kommen. 

Auch der Bund erkannte das Problem: Es wurde ein weiteres Ersatzmedikament namens Kapanol zugelassen. Mitte März hat der Bund zudem sein Pflichtlager für Opioide freigegeben.

Lage hat sich in Luzern mittlerweile beruhigt

Hat sich die Lage mittlerweile entspannt? Wir fragen bei der Chefärztin nach. Sie gibt Entwarnung. «Die Lage hat sich seit der Zulassung von Kapanol mittlerweile beruhigt», sagt Kerstin Gabriel Felleiter. Es sei bei diesem Medikament in den letzten Monaten zu keinen weiteren Lieferengpässen gekommen. Und wenn es zu leichten Verzögerungen kommt, würde das Pharma-Unternehmen vorab darüber informieren. «Das gibt deutlich Sicherheit.»

«Die Patienten wussten, dass sie bei Fragen oder Unsicherheiten auch ein zweites Mal kommen konnten. Das hat viele sehr beruhigt.»

Kerstin Gabriel Felleiter, Chefärztin Ambulante Dienste Luzerner Psychiatrie

Auch die Medikamentenwechsel bei den Patientinnen haben gut geklappt – anders, als anfänglich befürchtet. «Wir haben den Grossteil unserer Patienten, die zuvor auf Sevre-Long angewiesen waren, auf Kapanol umgestellt. In der Tendenz war das sehr unkompliziert, wir konnten nur sehr wenige Nebenwirkungen oder Verschlechterungen feststellen.»

Einerseits sei das auf die engmaschige Begleitung der Patientinnen durch das Team des Drop-in. zurückzuführen «Die meisten Patienten suchen das Drop-in einmal täglich auf», so Gabriel Felleiter. «Doch sie wussten, dass sie bei Fragen oder Unsicherheiten auch ein zweites Mal kommen konnten. Das hat viele sehr beruhigt.»

Lieferengpässe bei anderem Medikament

Und zum anderen liegt es auch am Medikament selbst. «Das Medikament ist ein vergleichbarer Ersatz für Sevre-Long», fasst Gabriel Felleiter zusammen. Wir gut die Vergleichbarkeit ist, wusste man aber im Vorfeld nicht ganz genau. Die Umstellung ist daher evaluiert und ausgewertet worden, die Ergebnisse sind aktuell zur Publikation eingereicht.

Gabriel Felleiter zieht einen Vergleich zu Generika. Das sind sogenannte Nachahmerpräparate von Arzneimitteln, die schon auf dem Markt sind. Sie wirken zwar gleich – sind sich aber nur ähnlich und nicht identisch. Deswegen kann es bis zu 20 Prozent Wirkstoffschwankungen kommen.

Die Angst, dass Heroinabhängige, die sich in Substitutionsbehandlungen mit Opioiden befinden, aufgrund der Lieferengpässe von Sevre-Long wieder rückfällig werden, ist also verflogen. Allerdings sind Lieferengpässe von Medikamenten häufiger geworden und es zeichnet sich ein nächste Problem ab: «Seit zwei, drei Monaten gibt es Lieferengpässe bei einem anderen Ersatzmedikament namens Subutex, Buprenorphin», sagt Gabriel Felleiter. «Auch das ist schwierig zu ersetzen, weil es nur ein bis zwei Ausweichmöglichkeiten gibt.» Glücklicherweise sind aber auf dieses Medikament viel weniger Patientinnen angewiesen, als es bei Sevre-Long der Fall war.

Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Kerstin Gabriel-Felleiter
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