Gesellschaft
Neustart in alter Coca-Cola-Fabrik

Heilsarmee Luzern setzt auf neues Lokal mit Kultur und Café

Andreas Fuhrer führt die Factory der Heilsarmee Luzern an der Bruchstrasse. (Bild: ida)

Die Heilsarmee Luzern will einen «radikalen Neustart» wagen und mit alten Klischees brechen. Fragt sich nur, wie das genau funktionieren soll.

Kirchenbänke sucht man hier vergebens. Auch das Kruzifix scheint gut versteckt zu sein. Dafür stehen Gitarren bereit, Mikrofone und grosse Musikboxen, eine Jukebox (von The Rolling Stones und Madonna bis hin zu Nena) sowie eine Bartheke mit einer integrierten Klangmaschine. Diese ist auf einen bestimmten Akkord gestimmt – den «Gsus». Spricht man es English aus, erkennt man die versteckte Botschaft dahinter: Jesus.

Wir stehen mitten im Lokal an der Bruchstrasse 59, in der ehemaligen Coca-Cola-Fabrik. Hier feiert die Heilsarmee Luzern ab diesem Freitag offizielle Eröffnung der «Factory» – einem Ort der Begegnung, Kreativität und Spiritualität (zentralplus berichtete).

Hier gibt's zum Konzert kein Bier

Andreas Fuhrer, der gemeinsam mit seiner Frau Anne-Marie die «Factory» führt, steht hinter der Theke und bereitet uns einen Kaffee zu. Bier gibt's hier nicht. Auch wenn wir nicht gefragt haben, klärt uns Fuhrer gleich auf: Die Heilsarmee lebt in Abstinenz. Ob die Luzernerinnen an Konzerte kommen, wo kein Bier über die Theke gereicht wird? Fuhrer lacht. «Ich bin gespannt.» Vielleicht kämen einige sogar gerade deswegen.

Im Lokal an der Bruchstrasse erinnern Ölflecken auf dem Boden und den Coca-Cola-Harassen im Eingangsbereich an die geschichtsträchtige Vergangenheit. Jetzt sollen hier Konzerte steigen, sowie zu Kunstausstellungen und «Kreativkursen» geladen werden. Fuhrer schweben Ideen wie Töpfer- und Filzkurse vor. Und auch der Glaube kommt im Lokal der christlichen Freikirche nicht zu kurz: So trifft man sich jeden zweiten Sonntag zum Gottesdienst.

«Wer den klassisch gelebten christlichen Glauben bevorzugt, der ist in einer normalen Kirche wohl besser aufgehoben», sagt Andreas Fuhrer. So können die Gottesdienstbesucherinnen hier auf Sofas sitzen. Wer Lust hat, kann dazwischen mal eine Zigarette an der frischen Luft rauchen oder währenddessen einen Pinsel in die Hand nehmen und malen. Während des Gottesdiensts wird musiziert und getanzt – eher zu Jazz als zu Orgelmusik. Letzthin habe gar ein Hund in die Ecke gepinkelt, sagt Fuhrer und schmunzelt. Er nimmt's gelassen.

Den Glauben hip machen – doch reicht das?

Versucht die Heilsarmee, den Glauben hip zu machen? Schliesslich hat auch sie mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen. Selten besuchten Passanten das frühere Lokal gleich ums Eck an der Dufourstrasse.

«Hip? So würde ich es jetzt nicht formulieren – aber man kann es so sagen», sagt Andreas Fuhrer. Zu Zeiten von Kirchenaustritten suchen viele Kirchen nach neuen Formen. Sich nur einen modernen Anstrich zu verpassen, reicht nicht, dass weiss Fuhrer. Das Setting der Factory – eine Mischung aus Café, Loft und Kunstatelier –, ermögliche es aber, dass sich ganz viele unterschiedliche Menschen an einem Ort wohlfühlen könnten.

Die Heilsarmee – 1865 entstanden – ist eine Freikirche. Sie ist wie viele ältere Organisationen der Kirchen in einer anderen Zeit und einer anderen Gesellschaft entstanden. «Dass die Heilsarmee über 150 Jahre auf dem Buckel hat, das merkt man», sagt Fuhrer. Daran erinnern heute nicht zuletzt auch das Militärische, die Uniformen.

Fuhrer ist Major – auch wenn das eigentlich keine Rolle mehr spielt. Vom Neustart der Heilsarmee ist er überzeugt. «Die meisten Menschen können sich für das Kulturelle und Kreative begeistern. Und von unserem Kirchensein wird es ein grosser Teil sein, gemeinsam guten Kaffee zu trinken und gemeinsam zu essen.»

Deswegen auch der «Ort der Begegnung». «Was die Welt heute an einer Kirche braucht – gerade auch zu Zeiten der Corona-Pandemie – ist eine Kirche, bei der es ums Leben geht.» Auch wenn sich die Heilsarmee ein neues Image verschaffen will, die Mission bleibt. Nämlich die Menschen zu erreichen, die eher am Rande der Gesellschaft stehen. Auch im Bruchquartier gebe es diese.

«Das können Paradiesvögel sein, Menschen, die eher auf der Strasse leben oder die alte Brasilianerin aus dem Quartier, die sich einsam fühlt.» Diese Menschen sollen aber nicht am Rand stehen, nicht in ihrer eigenen Bubble bleiben, sondern mit dem Bäcker ums Eck und der Architektin aus dem Quartier in Kontakt kommen. Willkommen sei jeder. «Schwierig wird es vielleicht für Menschen, die von Natur aus intolerant sind.»

Es muss nicht zwingend über Gott gesprochen werden

Das offene Schaufenster sei ein grosser Vorteil. Viele, die neugierig vor dem Schaufenster stehenbleiben, betreten das Lokal. «Und dabei kommen auch viele, die der Kirche sehr kritisch gegenüberstehen. Wenn sie hier sind, wollen sie wissen, was die Heilsarmee eigentlich genau ist. Und plötzlich beginnen die Menschen hier über Gott zu sprechen.»

Auch das sei ein Ziel: «Wir wollen einen Raum bieten, in dem Menschen Gott begegnen können – die aber niemals eine Kirche aufsuchen würden.» Die Factory kann also durchaus als Marketing für die Kirche betrachtet werden, von deren Produkt Fuhrer überzeugt ist.

«Wir sind aber kein Lockvogel, wollen niemandem unsere Überzeugungen aufdrängen», betont er. «Das Wichtigste ist es, den Menschen Freude zu bereiten. Sei das im Rahmen von Nachbarschaftshilfe, ihnen Trost zu spenden oder in einer schwierigen Zeit einen guten Abend zu bieten. Und auch wenn an einem solchen Abend kaum über Gott gesprochen wird: Wenn wir Freude verbreiten, dann ist das schon Teil eines Auftrags von uns.»

Hinweis: An diesem Freitag, 3. September startet die dreitätige Eröffnungsfeier der neuen Factory. Mehr Infos findest du hier.

Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.