Gesellschaft
Verband für ältere Erwerbslose

Heidi Joos: Wo sie Ungerechtigkeit wittert, da kämpft sie

Heidi Joos gründete vor zehn Jahren den Verein «Avenir 50 plus». (Bild: ida)

Sie engagiert sich für ältere Erwerbslose, Ausgesteuerte und Sozialhilfeempfängerinnen – und das gratis. Zuletzt hat sie mit einer Corona-Mahnwache und einer Nacht in der Arrestzelle der Luzerner Polizei Schlagzeilen gemacht. Doch wer ist Heidi Joos?

Die Unterlagen stapeln sich auf ihrem Arbeitstisch. Es sind Bankauszüge und Verträge, die wild durcheinander liegen. Wir sind im Büro von Heidi Joos. Hier an der Hirschmattstrasse 13 in Luzern, im 5. Stock, ist die Geschäftsstelle des Vereins «Avenir50plus Schweiz».

Der Verband setzt sich seit mehr als zehn Jahren für Menschen ein, die in der Öffentlichkeit wenig Gehör finden: Menschen über 50 Jahre, die ihren Job verloren haben. Menschen, die ausgesteuert sind, die auf Leistungen der Invalidensicherung oder des Sozialamts warten. Joos und ihr Team beraten schweizweit kostenlos Menschen, führen Job-Coachings durch und organisieren Selbsthilfegruppen. Zudem vertritt der Verband deren Interessen gegenüber Politik, Behörden und Arbeitgebern.

Joos zeigt auf den Papierstapel und beginnt zu erzählen. Vor wenigen Tagen habe sich ein Mann bei ihr gemeldet. Fristgerecht habe dieser vor anderthalb Jahren anlässlich der Aussteuerung aus der Arbeitslosenversicherung bei den Behörden einen Antrag auf Überbrückungsleistung gestellt. Doch er warte immer noch auf den Entscheid.

Ziel des Gesetzgebers war es ursprünglich, dass Menschen, die im Alter über 60 ausgesteuert werden, nahtlos eine Leistung erhalten. Sodass diese weder auf das Sozialamt gehen noch frühzeitig das Altersvermögen aufbrauchen müssen. Das Gesetz sei jedoch im Detail so kompliziert, dass die vielfältigen Abklärungen das in der Praxis oft verhindern, so Joos.

«Avenir50plus»: Eine Stimme für ältere Menschen mit und ohne Arbeit

Der Mann habe nun nach all der Zeit von den Behörden erneut einen dreiseitigen Fragebogen erhalten. Er wollte bereits den Bettel hinwerfen und auswandern. Er habe keine Kraft mehr, erneut Unterlagen einzureichen, die er teilweise bereits eingereicht hatte. Doch Joos überredete ihn, nicht aufzugeben.

«Sich nur beim Bier mit einer Faust im Sack über den altersdiskriminierenden Arbeitsmarkt zu beklagen, das ist nicht mein Ding.»

Die Luzernerin hat selbst erlebt, was es heisst, als Führungskraft mit 50 Jahren auf der Strasse und trotz steter Weiterbildung vor verschlossenen Türen zu stehen. Sie versuchte es mit zusätzlichen Ausbildungen, arbeitete als Selbstständige.

Schliesslich schloss sich die heute 68-Jährige vor über zehn Jahren mit weiteren Betroffenen zusammen. «Sich nur beim Bier mit einer Faust im Sack über den altersdiskriminierenden Arbeitsmarkt zu beklagen, das ist nicht mein Ding», sagt Joos. «Etwas verändern schon eher.»

Wo sie Ungerechtigkeit wittert, setzt sie sich ein

Sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen, habe sie schon immer angetrieben. Das war schon als Kind so. Sie sei ein neugieriges Kind gewesen und habe sich stets gefragt, warum es die einen zu etwas bringen, die anderen nicht. Sie wuchs selbst in bescheidenen Verhältnissen auf. Früh habe sie gemerkt, wie matchentscheidend finanzielle und stabile familiäre Hintergründe seien. Inwiefern man gefördert wurde, hing auch davon ab, ob man ein Mädchen oder ein Junge war.

«Viel weiter sind wir auch nach 60 Jahren nicht», sagt Heidi Joos. Noch immer verdienen Frauen weniger als Männer. Und auch der Luzerner Regierung gehören seit sieben Jahren nur Männer an.

In den 80er-Jahren sass Joos für die «POCH» – die «Progressiven Organisationen» – im Luzerner Stadt- und Kantonsparlament. Mit 24 Jahren wurde sie als erste Frau in die Bau- und Stadtplanungskommission gewählt. Dass sie jemals in ein Parlament schafft, damit hatte sie nicht gerechnet. «Ich stand auch viel auf der Strasse, sammelte Tausende Unterschriften für die 40-Stunden-Woche, gegen die Stadtzerstörung und hörte den Sorgen und Nöten der Menschen zu. Mag sein, dass dies geholfen hat.»

Arbeitsmarkt 50plus: «Zeit für einen Kulturwandel»

Wenn Joos die letzten zehn Jahre reflektiert, dann habe sich für Ältere auf dem Arbeitsmarkt nicht viel zum Positiven verändert. «Wer einmal draussen ist, der kommt nur schwer wieder in Arbeit. Oft nur mit grossen Lohneinbussen oder in prekären Arbeitsverhältnissen.»

Der Hauptpferdefuss seien immer noch die Pensionskassenbeiträge, die für Ältere höher sind als für Jüngere. In Krisen- oder Umbruchzeiten, wie wir sie heute haben, zähle der kurzfristige Profit. «Hat ein KMU die Wahl zwischen einem Jüngeren oder einem Älteren mit höheren Sozialnebenkosten, so ist die Frage schnell beantwortet», sagt Joos.

Altersdiskriminierung wäre zwar aufgrund der Bundesverfassung verboten, aber ohne gesetzliche Bestimmungen liesse sich dieses Recht nicht anwenden. Avenir 50 plus Schweiz gehörte zu den Mitbegründern des Vereins «Allianz gegen Altersdiskriminierung», der 2019 eine Volksinitiative für einen gesetzlichen Schutz vor Altersdiskriminierung lancieren wollte. «Etwas, das die EU-Länder schon lange kennen. Bedauerlicherweise wurden unsere Aktivitäten aufgrund der Corona-Krise gestoppt», so die Geschäftsführerin von Avenir50plus Schweiz.

In ihrer Kritik am Arbeitsmarkt verweist sie auf Vorbilder im Norden. Diese Länder hätten bereits um die Jahrtausendwende herum Konzepte in Hinblick auf die Alterung der Gesellschaft erarbeitet. Norwegen initiierte Kampagnen zur besseren Integration von Älteren, Schweden führte ein Recht auf Arbeit bis 68 Jahre ein, andere Länder kennen einen Kündigungsschutz für Ältere.

«Nur die Schweiz versäumte es, den Kulturwandel einzuläuten», so Joos. «Sie wählte stets den Weg des geringsten Widerstands, indem sie ihre Personalprobleme über die Zuwanderung löste. Und solange man sich in Bern weigert, die Hausaufgaben im Hinblick auf ein längeres und gesundes Arbeitsleben zu lösen, werden wir auch die Heraufsetzung des Rentenalters bekämpfen.»

Zeitintensive Fälle bei Avenir50plus

Heidi Joos arbeitet Vollzeit für den Verband. Die meiste Zeit investiert sie in die Beratung von Betroffenen. «Wir sind die einzige Fachstelle, die sich derart umfassend für diese Schicksale einsetzt. Weder Sozialämter noch Regionale Arbeitsvermittlungsstellen kennen Ombudsstellen. Noch schlimmer trifft es die Ausgesteuerten. Für die fühlt sich kein Departement in Bern zuständig.» Die Finanzen des Verbands reichen nicht aus, um das Team zu entlöhnen. Heidi Joos lebt selbst mit dem Existenzminium.

In die Fälle, die sie betreut, steckt sie unglaublich viel Energie und Zeit. So erzählt sie von einer Frau, die längere Zeit in einer Führungsfunktion arbeitete, bis sie von einer Autoimmunkrankheit eingeholt wurde.

«Die Frau wartete sieben Jahre auf den definitiven IV-Entscheid», so Joos. «In dieser Wartezeit musste sie vorerst das Vermögen aufbrauchen, dann rutschte sie in die Sozialhilfe und verschuldete sich. Die Sozialämter tun leider nicht überall, wozu sie verpflichtet wären.»

«Wenn Behörden manchmal realisieren, dass jemand dahintersteht und Druck macht, kommt Bewegung in die Sache.»

Dem «Kleinkrieg mit Ämtern» seien viele nicht gewachsen. Wie in diesem Beispiel häufen sich die Probleme. Der Frau wurde zusätzlich ihre Wohnung nach 30 Jahren gekündet. Die Einsprachen bei der Verwaltung und beim Eigentümer blieben erfolglos. Günstige Wohnungen seien rar, eine zu bekommen für Menschen mit Schulden noch schwieriger.

Doch der Verband konnte der Frau helfen. Joos sagt dazu: «Wenn Behörden manchmal realisieren, dass jemand dahintersteht und Druck macht, kommt Bewegung in die Sache.»

Angst kennt sie keine

Druck aufbauen, darin ist Joos gut. Im Interesse einer Veränderung, wie sie selbst betont. Auch schon wurde sie als «streitlustig» betitelt. Sie schmunzelt. «Das Leben mitgestalten, statt nur Sand im Getriebe sein, darum geht es doch.» Sie nimmt kein Blatt for den Mund steht für Werte ein, die ihr wichtig sind. Auch wenn sie Klartext rede, sei sie stets bemüht, sich auch in das Gegenüber einzufühlen. «Je nach Perspektive, die wir auf die Welt haben, zeigt sich uns eine andere Wahrheit.»

«Mein Gott jedoch war und ist in mir. So bin ich nie allein.»

Angst habe sie keine, sagt sie. «Auch nicht vor Autoritäten.» Das verenge nur den Blickwinkel. «Was mich geprägt und gestärkt hat, war das Gottesbild, das meine Mutter mir im Kleinkindalter vermittelte. Gemäss Meister Eckhart, einem damals umstrittenen Theologen des dreizehnten Jahrhunderts, ist Gott in der Vorstellung in uns und nicht ausserhalb von uns, wie das der offiziellen Kirchenmeinung entsprach. Stellt man sich Gott ausserhalb vor, lebt man von ihm getrennt. Mein Gott jedoch war und ist in mir. So bin ich nie allein.»

Sie ist und bleibt eine, die das Wort ergreift

In den letzten Jahren hat Joos vor allem mit einem Schlagzeilen gemacht: mit einer Corona-Mahnwache am Luzerner Bahnhofplatz im Mai 2020. In Zusammenhang mit einer Polizeikontrolle wurde sie im Anschluss daran verhaftet und musste eine Nacht in der Arrestzelle verbringen (zentralplus berichtete).

Auf dem Polizeiposten musste sich die damals 66-Jährige zuerst oben- und dann untenrum entkleiden. Sie ist überzeugt, dass die Leibesvisitation nur dazu diente, sie zu schikanieren, zu demütigen und zu erniedrigen. Einen Rüffel gab's auch vom Bundesgericht. Dieses hielt in einem Urteil fest, dass die bisherige Praxis der Luzerner Polizei in Sachen Leibesvisitationen nicht menschenrechtskonform ist. Joos hat mit ihrem Widerstand eine Praxisänderung bei der Polizei erkämpft (zentralplus berichtete).

Joos wehrt sofort ab, als sie auf dieses Thema angesprochen wird. Ihr liege viel daran, dass nicht Privates mit der Verbandsarbeit verbandelt werde. Die Kritik an der Lockdown-Politik sei ihre persönliche Meinung. «Die Lockdown-Politik vergrösserte die Kluft zwischen Arm und Reich. Die im Hintergrund forcierte Digitalisierung der Wirtschaft trägt das ihre dazu bei. Für mich war es wichtig, mit der stillen Mahnwache auszudrücken: Ich stehe nicht hinter einer Politik, die Existenzen vernichtet und die Armen noch ärmer macht», sagt Joos heute.

Insbesondere kritisiert sie, wie «man mit Menschen umgeht, die anderer Meinung sind». In einer Demokratie gehe es doch darum, miteinander im Dialog zu bleiben und voneinander zu lernen.

Heidi Joos bleibt dran

Heidi Joos blickt zu ihrem Bürotisch, auf dem die Unterlagen auf sie warten. Ob sie noch eine Nachtschicht vor sich hat, um die Eingabe fristgerecht abzuschliessen? «Ich hoffe nicht. Aber am Montag muss alles raus.»

Mit Behörden wird sie sich wohl noch lange auseinandersetzen. Und weiter politisches Lobbying betreiben. Dass die Mühlen in der Politik langsam mahlen, das weiss die Alt-Kantonsrätin. «Wir bleiben jedenfalls dran. Ich mache das, solange ich die Kraft dazu habe.»

Verwendete Quellen
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.