Gesellschaft

Umgang mit Ukraine-Flüchtlingen
Hamit Zeqiri: «Solidarität ist heute viel stärker spürbar»

  • Lesezeit: 6 min
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Hamit Zeqiri, Geschäftsführer von Fabia Luzern. (Bild: Marjana Ensmenger)

Hamit Zeqiri ist vor knapp 30 Jahren vom Kosovo in die Schweiz geflüchtet. Heute arbeitet er als Geschäftsführer des Luzerner Migrationszentrums Fabia. Zwischen seiner damaligen Situation und dem aktuellen Umgang mit Flüchtlingen aus der Ukraine sieht er einige Unterschiede.

Als Hamit Zeqiri im Jahr 1994 als 23-Jähriger vom Kosovo in die Schweiz flüchtet, freut er sich über die Chance, die sich ihm in diesem Land fernab von seinem Zuhause bietet. In der Schule hatte er viel über die Schweizer Politik gelernt, beispielsweise über die Basisdemokratie.

Dass nicht alles genauso kam, wie er sich das ausgemalt hatte, zeigte sich in den ersten Monaten nach seiner Flucht. Zeqiri war mit Vorurteilen und Ablehnung konfrontiert.

Was sich seither alles verändert hat, auch oder aufgrund des Russland-Ukraine-Krieges, erzählt Hamit Zeqiri, Geschäftsführer von Fabia Luzern, im Gespräch.

zentralplus: Hamit Zeqiri, Sie erzählen in einem Interview bei SRF, dass Sie ein anderes Bild von der «humanitären Tradition» in der Schweiz hatten, als Sie 1994 in die Schweiz flüchteten. Wie haben Sie die Aufnahme damals erlebt?

Hamit Zeqiri: Nicht ganz so freundlich, wie das heute die Ukrainer und Ukrainerinnen erleben. Ich hatte ein enorm positives Bild von der Offenheit der Schweizer Bevölkerung – auch aufgrund des politischen Systems –, wurde dann aber mit etwas anderen Vorurteilen und sogar Ablehnung konfrontiert.

zentralplus: Wie sind Sie damit umgegangen?

Zeqiri: Ich versuchte zu verstehen, weshalb sich die Menschen so verhalten und sich entsprechend positionieren. Ein Türöffner für diese Fragen war mein Studium an der Hochschule für soziale Arbeit in Luzern. Während dieser Zeit habe ich viel Recherchearbeit betrieben und zahlreiche Gespräche geführt. Das war für mich der erste Schritt, selber einen Beitrag zur sozialen Integration zu leisten. Daran anschliessend stellte sich mir dann die Frage, was ich mit diesem Erkenntnisgewinn tun möchte.

zentralplus: Und deshalb sind Sie bei Fabia Luzern gelandet?

Zeqiri: Vorher war ich in den Kantonen Zug und Schwyz tätig, seit sieben Jahren leite und begleite ich nun die Geschäftsstelle genau in solchen Fragen.

«Vergleicht man den Russland- mit dem Krieg, der in den 90er-Jahren in Ex-Jugoslawien herrschte, gibt es mehrere Unterschiede.» 

zentralplus: Können Sie sich erklären, weshalb Sie damals schlechter aufgenommen wurden, als es heute bei Flüchtlingen aus der Ukraine der Fall ist?   

Zeqiri: Vergleicht man den Russland-Ukraine-Krieg mit den Kriegen, die in den 90er-Jahren in Ex-Jugoslawien herrschten, gibt es mehrere Unterschiede.

zentralplus: Die da wären …?

Zeqiri: Mitte der 90er-Jahre befand sich die Schweiz, wie viele andere Länder Europas, in einer Rezession. Darüber hinaus waren die Rollen von Täter und Opfer nicht derart klar definiert und auch der Startpunkt des Krieges war anders. Hinzu kommt, dass die heutige Berichterstattung auch omnipräsenter ist und den Menschen ein «klareres» Bild von den Verhältnissen vor Ort vermitteln. Das Bedrohungsgefühl im aktuellen Krieg ist in vielerlei Hinsicht grösser und fundamentaler. Aber auch die empfundene Nähe spielt eine wichtige Rolle.

zentralplus: Hat sich die Schweiz also hinsichtlich «humanitärer Tradition» verändert?

Zeqiri: Aus meiner Sicht haben wir sicherlich viel von vorhergegangenen Krisen gelernt. Nehmen wir die Sprache als Beispiel. Wir werden heute von Drittpersonen fast schon gedrängt, Deutschkurse für Flüchtlinge aus Kriegsgebieten anzubieten. Diesbezüglich hat sicherlich ein Umdenken stattgefunden. Neu ist in diesem Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Krieg die Tatsache, dass sich Menschen politisch interessieren, die bisher wenig mit Politik am Hut hatten.

Hamit Zeqiri Fabia Luzern
Hamit Zeqiri beobachtet auch Diskrepanzen bei der Solidarität der Menschen.

zentralplus: Sie haben erwähnt, dass auch die empfundene Nähe eine wichtige Rolle spielt. Welches Bild zeigt sich diesbezüglich im Vergleich zu früher?

Zeqiri: Solidarität ist heute nicht nur in der Schweiz, sondern auch global viel stärker spürbar. Und hier spreche ich nicht nur davon, Menschen mit einem Schutzstatus S aufzunehmen, sondern auch davon, sie mit den entsprechenden Massnahmen und Rahmenbedingungen optimal zu integrieren. Dennoch dürfen wir auch in Zukunft kritisch hinterfragen, weshalb wir in dieser Situation so handeln und in einer anderen Krise völlig anders gehandelt haben.

zentralplus: Sie sprechen den Krieg in Afghanistan und in Syrien an.

Zeqiri: Genau. Was mir in diesem Zusammenhang etwas fehlt, ist die selbstkritische Wahrnehmung. Ich beobachte auch eine Diskrepanz, sich in gewissen Krisen hochsolidarisch zu zeigen, wohingegen man in einer anderen Krise wenig Verständnis für eine ähnliche Situation eines Menschen hat.

zentralplus: Vielleicht hat das auch mit der Angst vor etwas Neuartigem zu tun.

Zeqiri: Das kann ich mir gut vorstellen, obwohl wir nicht vergessen dürfen, dass es Migration gibt, seit es Menschen gibt. Das gehört gewissermassen zur Geschichte des Menschen dazu. Allerdings unterscheidet sich Migration natürlich je nachdem, aus welchen Gründen man migriert.

«Viele Flüchtlinge sind aufgrund traumatischer Erlebnisse zuerst einmal nicht in der Lage, eine Sprache zu erlernen.» 

zentralplus: Was würden Sie sagen, hilft bei einer erfolgreichen Integration?  

Zeqiri: Eine Kernfunktion übernehmen die Rahmenbedingungen, welche die Aufnahmegesellschaft schafft um die Integration zu ermöglichen. Die Akzeptanz, das Erlernen der Sprache, Erwerbsmöglichkeiten und soziale Integration sind wesentliche Elemente. Allerdings darf man auch hier nicht ausser Acht lassen, dass viele Flüchtlinge aufgrund der grossen Belastungen und traumatischen Erlebnissen zuerst einmal nicht in der Lage sind, in den ersten Monaten eine Sprache zu erlernen. Deshalb ist es wichtig, dass man den individuellen Lebenslauf von Menschen in den Fokus rückt. Nicht alle haben dieselben Ressourcen zur Verfügung, um sich in einem Land zu integrieren. Auch in der jetzigen Krise zeigt sich, dass eine Differenzierung wichtig ist und Menschengruppen nicht stigmatisiert werden dürfen.  

zentralplus: Das wäre dann aber auch ein Thema, das von Politikern aufgenommen werden muss.

Zeqiri: Es ist und bleibt entscheidend, wie wir mit dem Phänomen des strukturellen Rassismus oder mit Alltagsrassismus umgehen. Hier kommt auch die Politik ins Spiel. Sie muss das Thema in ihren Diskurs aufnehmen. Letztlich ist dieser nicht «made in Switzerland», sondern in allen Teilen der Welt anzutreffen.

zentralplus: Wie sieht es denn in der Schweiz bezüglich Integrationsstrategien aus?

Zeqiri: Natürlich ist es lobenswert, wenn wir Integrationsstrategien entwickeln, diese dann umsetzen und merken, dass sie funktionieren. Gerade diese Krise zeigt aber auch, dass es einer übergeordneten globalen Strategie bedarf, die sich um eine nachhaltige Verteilung der Flüchtlinge kümmert. Hinsichtlich Integrationsstrategien darf man aber durchaus sagen, dass die Schweiz diesbezüglich sicherlich gute Integrationsleistungen erbracht hat und sich damit weit über die Schweiz hinaus zeigen kann.

zentralplus: Fabia Luzern feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen: Was wünschen Sie sich für die nächsten zehn Jahre?

Zeqiri: Ich bin mir sicher, dass wir uns auch in zehn Jahren mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen werden. Ich wünsche mir deshalb, dass wir das bis dahin gesammelte Wissen umsetzen und daraus wiederum neue Strategien ableiten, damit noch weniger Migrantinnen und Migranten durch die Maschen des Systems fallen und noch besser integriert werden.

Fabia Luzern wird 60 Jahre alt – das wird gefeiert

Vor genau 60 Jahren wurde in Luzern die Vorgängerorganisation von Fabia Kompetenzzentrum Migration gegründet. Damals mit dem Namen Arbeitsgemeinschaft für die Betreuung der ausländischen Arbeitskräfte im Kanton Luzern, später Arbal. Die Initiative zur Gründung war vom Kantonalen Katholischen Frauenbund ausgegangen. Alle interessierten Kreise sollten die Organisation mittragen und so waren Kanton, Gemeinden, Seelsorge, Industrie, Gewerbe, Gewerkschaften, Landwirtschaft und Verbände bei der Gründung vertreten. Im Jahr 1998 wurde die Arbal zu Fabia.

Anlässlich der 60-Jahre-Jubiläums wird Fabia eine Sensibilisierungskampagne zu Migration und Integration im Kanton Luzern umsetzen. Ziel ist ein dokumentarischer Kurzfilm sowie eine Broschüre, unter anderem basierend auf Interviews mit zugezogenen Menschen sowie mit Personen ohne Migrationserfahrung. Präsentiert wird der Kurzfilm an der Jubiläumsfeier am 2. Juni.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Hamit Zeqiri
  • Medienbericht SRF
  • Website Fabia Luzern
Weitere Quellen
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