Gesellschaft
Der Tod von Felisch löst Betroffenheit aus

«Häbid tuusig Dank»: Der freundliche Bettler bewegt Luzern

Felisch, aufgenommen 2013 für eine Fotoreportage. (Bild: zvg/Martin Weibel)

Der «Tüechlimaa» ist gestorben: So konsequent sich der Obdachlose unserer Gesellschaft verweigerte, so gross ist jetzt die Anteilnahme. Er gehörte zur Luzerner Neustadt und hinterlässt eine Lücke.

Meistens hielt er sich vor dem Coop in der Luzerner Neustadt auf. Öfters auch im Bereich des Bahnhofs – oder irgendwo dazwischen. In seine Tücher gehüllt stand er da – oft teilnahmslos, manchmal ging er zögerlich auf Passanten zu. In der Hand hielt er meist eine Dose Bier.

Felisch, bei vielen als «Tüechlimaa» bekannt, hat während fast zehn Jahren zum Luzerner Stadtbild gehört. Nun ist er in der Nacht auf Samstag gestorben, er hat sich nicht mehr von einem Zusammenbruch erholt (zentralplus berichtete).

Wenn solche eine Figur von einem Tag auf den anderen verschwindet, hinterlässt sie eine Lücke. Auch wenn sich bei den meisten der Austausch darauf beschränkt hat, Felisch mal einen Fünfliber oder eine Zigi zu schenken.

Wie gross die Lücke ist, davon zeugen die Hunderten von Kommentaren, die seit Sonntag hinterlassen wurden. Geschichten, Begegnungen, Beobachtungen – Felisch hat niemanden kalt gelassen, der in Luzern unterwegs war.

«Ich erinnere mich gern an einen Abend, an dem es mir psychisch sehr schlecht ging und er vorbehaltlos für mich da war und auf mich geschaut hat. Dadurch weiss ich, dass er ein sehr warmherziger und fürsorglicher Mensch war.»

«Ich durfte dich kennenlernen und kann sagen, dass dein Aussehen ganz und gar nichts über dein Inneres ausgesagt hat. Du warst immer anständig, höflich und warst immer ehrlich zu mir.»

«Philipp, das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, hast du mir erzählt, dass du in einem bekannten Laden in der Stadt ein Hausverbot erhalten hast! Das war das letzte Mal, dass ich dir einen Fünfliber in die Hand gedrückt habe!»

Er drängte sich nie auf

Stets ist von einem liebenswürdigen, freundlichen und anständigen Menschen die Rede. Die Leute zeichnen das Bild eines einfühlsamen Menschen, der sich Zeit nahm und sich nie aufdrängte. Felisch lebte in seiner eigenen Welt, die man nicht verstehen musste.

«Er hat sich immer sehr höflich bedankt und mir alles Gute gewünscht. Ich werde ihn vermissen.»

«You were always so kind to me and your English was perfect! You were a very intelligent, loving person and I will miss seeing you.»

«Du bisch immer en sehr korrekte Mönsch gsii. Ein Mensch, mit dem man immer gern geredet hat und gern mal Geld gab.»

«Ihm habe ich immer gern etwas gegeben. Ob Geld, Essen oder zu Trinken, er hat sich immer gefreut.»

Felisch, aufgenommen von Martin Weibel 2013 für eine Fotoreportage. (Bild: Martin Weibel)

Das Leben davor und danach

Viele hatten ihre ganz eigene Geschichte und Begegnung mit Felisch. Sei es bei einem kurzen Schwatz – oder noch von viel weiter zurück. Bevor Felisch sein Umfeld und sein Leben an die Drogen verlor.

«Lieber Philipp, ich werde dich sehr vermissen, schade, dass Du mich schon verlässt. Immer wenn ich ihm ein Bier im Coop geholt habe, sagte er zu mir, ich dürfe mir mit dem Rest was für mich kaufen.»

«Phibu mein ehemals bester Kollege. Ich bin in Trauer, aber auch glücklich. Denn vielleicht geht es ihm jetzt besser! Er war einmal ein Top-Fussballer, Jasser, Käser, Lebemensch usw. Oder einfach ein Superfreund, der immer für mich da war! Bis zu dieser besagten Zeit. Wo er sich vom ehemaligen Umfeld trennte, um einen anderen Weg zu gehen.»

Es gab ein Davor und ein Danach in Felischs Leben. Eins als Käser und Fussballer, der ein intaktes Umfeld hatte. Und jenes als «Tüechlimaa», das jetzt abrupt endete.

Das Fränkli schon parat gehabt

Menschen, die ihr Leben auf der Strasse verbringen, sind ausgestellt, nahbar und bilden einen Gegenpol zu unserer heutigen Gesellschaft. Wo alle ihrem fixen Rhythmus nachgehen und sich ihren Weg bahnen, stand da dieser Mann in Tüchern.

«Ich hoffe, dass er nun seinen Frieden findet, fernab von dieser kalten Welt, in der scheinbar nur noch Profit, Macht und Karriere zählen.»

«Er wollte nicht mehr, er war glücklich so. Er wollte einfach sein Leben ohne Zwänge.»

«Mir kamen wirklich die Tränen. Ich bin zwar schon bald 80, aber er hat immer so freundlich um einen ‹bitizeli Münz gefragt. Und immer so freundlich gedankt. Und noch freundlicher einen guten Tag gewünscht und ‹häbid tuusig Dank. Wenn ich am Bahnhof war, habe ich immer schon s Fränkli parat gehabt für ihn.»

Er blieb ein Rätsel

Felisch hat die Passanten mit seiner Andersartigkeit für einen Moment aus ihrem Leben gerissen. Aber wie oft hat man ihn ignoriert, weil man scheinbar gerade etwas Wichtigeres zu tun hatte. Weil man nicht die Geduld aufbrachte, das Portemonnaie hervorzukramen.

Jetzt, wo er weg ist, besinnen sich viele zurück. Es fehlt der Mensch, den man kaum kannte.

«‹Das nächste mal gerne, habe ich ihm gesagt, als er mich das letzte Mal um etwas Geld gebeten hat.»

«Man macht sich immer erst Gedanken, wenn es viel zu spät ist.»

Felisch blieb ein Rätsel. Es ging ihm zusehends schlechter, zumindest von aussen betrachtet. Er blieb ein Mysterium, weil es die Vorstellung von vielen übersteigt, dass man sich für ein Leben auf der Strasse entscheidet.

Oft schwingt in den Abschieds-Worten die Hoffnung mit, dass er erlöst ist und an einem besseren Ort sein möge.

«Wer weiss, was ihm alles passierte und warum er so wurde. Man sollte erst in den Schuhen von den anderen stecken und dann urteilen. Ich hoffe, es geht ihm nun gut.»

«Gute Reise ‹Hüettu›. So haben wir Dich immer genannt.»

«Blibsch en Legende in Luzern. Der freundlichste Obdachlose mit Herz warst Du. Die ganze Stadt trauert um dich, Tüechlimaa.»

«Ich behalte dich wie alle andern Stadtoriginale, die uns voraus gegangen sind, stets in Erinnerung.»

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