Gesellschaft
Soziale Stadtführungen standen vor dem Aus

Guides gesucht: So geht’s dem Verein «Abseits Luzern»

Knapp 14'000 Menschen haben die «Abseits»-Guides in den letzten Jahren durch die Gassen Luzerns geführt. (Bild: zvg)

Bei den «Abseits»-Führungen zeigen Menschen am Rande der Gesellschaft ihren Blick auf die Stadt. Aber wie lange noch? Weil der Verein zu wenig Guides hat, stand er im Sommer vor dem Aus. Wir haben nachgefragt.

Eine Stadt, wie man sie sonst nicht zu sehen kriegt. Abseits der schicken Museggtürme und der Kapellbrücke. Wo man die Geschichten und Schicksale von Menschen, an denen so mancher im Alltag eher vorbeihastet, kennenlernt: Genau darum geht's dem Verein Abseits (zentralplus berichtete).

Auf den Stadtführungen zeigen Menschen am Rande der Gesellschaft – vom trockenen Alkoholiker bis zur ehemaligen Heroinkonsumentin – die Stadt Luzern aus ihrer Perspektive. 2016 gegründet, haben die Guides von Abseits Luzern mittlerweile mehr als 13'000 Personen durch die Stadt geführt.

In diesem Sommer dann die Hiobsbotschaft. «Aktuell haben wir ein echtes Problem», sagte Marco Müller, der Präsident und Initiator des Projekts, damals (zentralplus berichtete). «Wenn wir nicht innerhalb der nächsten Monate neue Guides finden, können wir schon bald keine Touren mehr anbieten.»

Verein Abseits hat drei neue Guides gefunden

Vier Monate sind seither vergangen. Wir wollten wissen: Wie steht's um die Zukunft des Vereins und den sozialen Stadtführungen? Marco Müller sagt auf Anfrage: «Wir haben aus vielen Personen, die sich gemeldet haben, drei Personen gefunden.» Insgesamt 15 Personen sind beim Verein vorstellig geworden. Darunter auch Querdenker oder eine pensionierte Sozialarbeiterin, die nicht wirklich ins Raster passten.

Schliesslich sollen bei den Führungen Menschen ihren Blick auf die Stadt zeigen, die selbst etwas abseits im Leben gestanden sind. Und das als Direktbetroffene von Themen wie Armut, Sucht und oder soziale Ausgrenzung. Interessierte können sich beim Verein nach wie vor melden. Sechs feste Guides wären das Wunschziel Müllers.

Guides gehen nun ins «Training»

Der Verein schult nun die drei Personen. Diese arbeiten an ihrer Biografie, feilen mit Fachpersonen gemeinsam aus, was sie auf den Touren aus ihrem Leben erzählen wollen – und was nicht. «Der Teil mit der Biografiearbeit ist meistens der aufwändigste», so Müller. «Schliesslich haben die meisten der künftigen Guides eine immense Geschichte zu erzählen, die sie so weit reduzieren und verdichten müssen, dass sie sie auf der Tour erzählen können.»

In einem weiteren Teil lernen die Guides soziale Institutionen der Stadt kennen, wie beispielsweise die Gassechuchi, das Drop-In und die Wärchbrogg. In einem dritten Teil spielen die Guides die Tour durch, überlegen sich, wo sie hinstehen, wo sie lauter reden müssen wegen des Verkehrs oder wo sie sich bei Regen Unterschlupf suchen können. Dann steht die Probetour an – quasi die Hauptprobe – nach deren Gelingen die Guides «richtige» Stadtführungen durchführen können. «Bei manchen dauert die Schulung bis zur ersten Tour drei Monate, bei anderen ein halbes Jahr», so Müller. Der Verein gibt den künftigen Guides die Zeit, die sie brauchen.

Die Anforderungen an die Guides sind hoch

Müller verrät schon ein wenig mehr über die neuen Abseits-Guides. Eine Person war lange Zeit arbeitslos, wurde ausgesteuert und lebt seither von Sozialhilfe. Eine andere Person leidet an psychischen Krankheiten und kriegt eine 100-prozentige-IV. Die dritte Person ist pensioniert, hat mehrere Aufenthalte in verschiedenen ambulanten und stationären Einrichtungen hinter sich und weiss auch über Themen wie Altersarmut Bescheid.

«Ich bin verhalten zuversichtlich, dass wir den Verein und unsere Arbeit weiterführen können.»

Marco Müller, Präsident und Initiator

Die Anforderungen an die Guides sind hoch. Sozialkompetent müssen sie sein, vor anderen hinstehen und erzählen können. Sie müssen stabil genug in ihrem Leben stehen und eine allfällige Krankheit oder Sucht so weit im Griff haben, dass sie zuverlässig und pünktlich zur Arbeit erscheinen.

Touren steigern Selbstwertgefühl der Betroffenen

Die Guides kriegen aber auch viel zurück. Natürlich einen Lohn und Trinkgeld. Doch vor allem können sich die Menschen persönlich weiterentwickeln. «Die Führungen bietet Guides eine tolle Perspektive», sagt Müller. «Sie kriegen eine Tagesstruktur und bauen ihr Selbstwertgefühl auf, weil sich andere Menschen für ihre Geschichte und ihren Weg interessieren.»

Doch auch städtische Einrichtungen und die Menschen, die an den Führungen teilnehmen, würden durch die Touren viel Gutes abgewinnen. Denn die Guides rücken bei jeder Stadtführung drei bis fünf soziale Institutionen der Stadt ins Rampenlicht. «Dadurch wird das Wirken dieser tollen Institutionen sichtbarer und bekannter.» Müller weiter: «Und Menschen, die keine Berührungspunkte mit Themen wie Überleben auf der Gasse, Armut und Sucht haben, schärfen durch die Abseits-Touren ihr Bewusstsein über diese Themen.»

So steht's um die Zukunft des Vereins Abseits

Mit den drei neuen Guides hat der Verein Abseits bald 5 Guides und einen Joker. «Die drei neuen Gesichter bei Abseits verleihen unserem Verein sicherlich eine neue Perspektive und neuen Schub», sagt Müller. «Ich bin verhalten zuversichtlich, dass wir den Verein und unsere Arbeit weiterführen können.»

Verhalten zuversichtlich, weil es bei den Menschen am Rande der Gesellschaft immer wieder Rückschläge geben kann. Sei es eine Depression, eine Alkoholerkrankung oder eine persönliche Krise, welche die Guides aus der Bahn werfen. Oder einen erfreulicheren Grund für einen Abgang, wie etwa eine feste Anstellung. «Mit dieser Fragilität von den Guides wird der Verein Abseits immer leben müssen», sagt Müller dazu. «Deswegen bleibt es ein schmaler Grat.»

Doch fürs Erste ist Müller erleichtert. In den letzten sechs Jahren hat der Verein mehr als 1000 Touren durchgeführt und knapp 14'000 Gästen Luzern von einer anderen Seite gezeigt. Die Nachfrage ist auch nach sechs Jahren nicht zu stoppen. «Wir könnten doppelt so viele Touren anbieten, wenn wir mehr Guides haben.»

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