Gesellschaft
Aktionen in Läden und im ÖV

Gruppe von Maskenkritikern will in Luzern ein Zeichen setzen

Die meisten Kunden halten sich an die Maskenpflicht – eine Gruppe von Luzernern widersetzt sich aber aktiv. (Bild: Archivbild: Emanuel Ammon/Aura)

Auf Telegram haben sich mehrere Gruppen formiert, die sich bewusst über die Maskenpflicht in Läden und im öffentlichen Verkehr hinwegsetzen. Sie sind auch in Luzern aktiv. zentralplus hat mit einem der Massnahmenkritiker darüber gesprochen, was das soll – und warum er nicht nur die Ansteckung anderer, sondern auch eine Busse riskiert.

Der Aufruf ist eindeutig: «Versucht euch zu organisieren, macht miteinander ab, geht ohne Maske in Geschäfte, in den Bahnhof und in den ÖV und sensibilisiert die Leute, wie gesundheitsschädlich diese sind.» Auf Telegram wird derzeit in mehreren Gruppen dazu aufgerufen, die Maskenpflicht zur Bekämpfung der Coronapandemie zu verletzen.

Dem Chat ist zu entnehmen, dass in Luzern bereits mehrfach solche Gruppen unterwegs waren. Bilder aus Bussen und Migros-Läden zeugen davon – und wer dabei war, bekommt für seinen «Mut» Anerkennung und wird ermuntert, weiterzumachen. Aktiv in dieser Szene ist Jonas Infanger*. Er ist Administrator mehrerer solcher Gruppen und war bei verschiedenen Aktionen dabei. Warum tut er das – ausgerechnet jetzt, wo die Zahl der Infektionen wieder steigt und sich die dritte Welle der Pandemie abzeichnet?

Kein Polterer, sondern ein freundlicher junger Mann

Wir kontaktieren den Mann über Telegram, legen offen, dass wir für ein Lokalmedium arbeiten und etwas über die Ziele dieser Aktionen erfahren möchten. Der 18-Jährige schreibt umgehend zurück – und noch am gleichen Tag kommt es zu einem längeren Telefongespräch.

Ruhig und freundlich beantwortet Infanger unsere Fragen. «Wie es im Moment läuft, so kann es einfach nicht sein», findet er. «Es geht bei diesen Massnahmen nicht um die Bekämpfung von Corona, sondern um Macht und Geld.» Wie kommt der junge Mann auf so eine Behauptung? Wir versuchen es herauszufinden.

Im Gespräch zeigt sich: Die Kurswechsel in der Kommunikation des Bundes dürften einiges dazu beigetragen haben. «Anfangs der Pandemie, im März 2020, hiess es, wir sollen keine Maske tragen, weil die Einwegmasken nichts nützen», sagt er. Nur wenige Monate später sei das anders gewesen. «Die Behörden meinten plötzlich, auch eine Textilmaske schütze vor einer Ansteckung.» Inzwischen sei es angeblich nur die FFP2-Maske, die wirklich Schutz biete. «Ich bin nun überzeugt, dass gar nichts nützt und die Masken auch gar nicht diesem Zweck dienen», so Infanger.

Zweifel an den Aussagen der Behörden

Dem widerspricht David Dürr, Leiter der Dienststelle Gesundheit und Sport in Luzern. «Es ist wissenschaftlich belegt, dass das Tragen einer Schutzmaske dazu beiträgt, eine weitere Ausbreitung der Pandemie einzudämmen, auch wenn sie keinen 100-prozentigen Schutz garantiert», sagt er auf Anfrage. Das Maskentragen diene in erster Linie dem Schutz von anderen Personen, da eine infizierte Person auch ohne Symptome ansteckend sein kann. «Wenn auf engem Raum also alle eine Maske tragen, wird jede Person vor den anderen geschützt», so Dürr.

«Es geht bei diesen Massnahmen nicht um die Bekämpfung Corona, sondern um Macht und Geld.»

Infanger glaubt dem Gesundheitsexperten nicht. In seinem Telegram-Chat werden Videos geteilt, die sich an «wache Menschen» richten. Es wird behauptet wird, die Masken seien «giftiges Zeug» und es werden Patienten zitiert, die angeblich Ohrenschmerzen, einen Hörsturz oder eine Nasennebenhöhlenentzündung durch die Masken bekommen hätten. Wer diese Patienten sein sollen und woher diese «Erlebnisberichte» stammen, ist unklar.

Den 18-Jährigen haben solche Videos dennoch überzeugt. David Dürr versichert, dass die Masken nicht gesundheitsschädlich sind. «Diese Aussage ist falsch. Das Tragen einer Schutzmaske ist grundsätzlich gesundheitlich unbedenklich für Personen ab zwölf Jahren und hat keine negativen Auswirkungen – insbesondere auch nicht auf die Atmung.»

In Infangers Telegram-Gruppen wird diesen Beteuerungen keinen Glauben geschenkt. Insgesamt sind rund 200 Leute dabei. «Für jeden Kanton gibt es eine Gruppe. Wir gehen ohne Maske in die Stadt, in die Läden und an die Bahnhöfe. Wir wollen damit zeigen, dass die Maske nichts nützt», sagt Infanger dazu. Teilweise würden auch Flyer verteilt.

In Gruppen unterwegs – um Aufmerksamkeit zu erregen

Sind die Maskenverweigerer in Gruppen unterwegs, um eine Übermacht zu demonstrieren? Infanger bestreitet das. Es gehe darum, dass es mehr auffalle, wenn mehrere Menschen keine Masken tragen – und um diese Aufmerksamkeit gehe es ihm. Zu negativen Reaktionen sei es bislang nicht gekommen. «Wir werden nicht beschimpft. Im Gegenteil, die Leute haben Freude gehabt», behauptet Infanger.

«Wir wollen keinen unnötigen Ärger, aber trotzdem unseren Widerstand ausdrücken.»

Ob das wirklich so war? Ein VBL-Chauffeur habe eine Durchsage abgespielt, in der auf die Maskenpflicht hingewiesen wurde, räumt Infanger ein. «Wir sind dann etwas später ausgestiegen.» Die direkte Konfrontation suche er nicht, er wolle «nur ein Zeichen» setzen.

Von tätlichen Übergriffen im öffentlichen Verkehr, zu denen es beispielsweise letzte Woche in Zürich kam, distanziert er sich. «Gewalt kommt für uns nicht infrage. Wenn jemand droht, die Polizei zu holen, dann gehen wir. Wir wollen keinen unnötigen Ärger, aber trotzdem unseren Widerstand ausdrücken.»

Kein Anstieg zu beobachten

Die Polizei greift von sich aus nur ein, wenn sich Personen ohne Masken an Bushaltestellen oder in einer belebten Fussgängerzone aufhalten, wo die Sicherheitsabstände nicht eingehalten werden. Für die Einhaltung der Maskenpflicht in Bussen und Zügen sind hingegen die Verkehrsbetriebe zuständig (zentralplus berichtete).

«Wenn sich ein Passagier weigert, die Maske anzuziehen, ein Attest zu zeigen oder das Verkehrsmittel zu verlassen, wird teils die Polizei beigezogen», sagt dazu Urs Wigger, Mediensprecher der Luzerner Polizei. Das komme aber selten vor. Meist wirke die soziale Kontrolle, wenn andere Passagiere die Betroffenen bitten, die Maske anzuziehen.

Dies bestätigt VBL-Sprecher Sämi Deubelbeiss. «Der allergrösste Teil unserer Fahrgäste hält sich sehr gut an die Maskenpflicht», sagt er. Seit der Einführung der Maskenpflicht im Juli habe es keinen Polizeieinsatz wegen Maskenverstössen gegeben. Weder die Luzerner Polizei noch die VBL stellen in den letzten Wochen einen Anstieg von Verstössen gegen die Maskenpflicht fest, wie beide auf Anfrage sagen.

Migros ist mit ihren Kundinnen zufrieden

Die Maskenverweigerer machen ihre «Aktionen» teils auch in Geschäftsläden – so etwa in einer Luzerner Migros-Filiale. Von den Mitarbeiterinnen habe keine etwas gesagt, meint Infanger. Die Migros sagt dazu auf Anfrage, dass die Kunden gemäss den internen Vorgaben durchaus mit Plakaten und Durchsagen, aber auch mit persönlicher Ansprache auf die Maskenpflicht aufmerksam gemacht werden.

«Trägt jemand keine Maske, wird er auf die geltende Maskentragpflicht hingewiesen. Hat die Person keine Dispens und keine Maske dabei, muss er oder sie eine Maske am Kundendienst kaufen oder es darf nicht eingekauft werden. Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht», sagt Sprecher Marcel Schlatter auf Anfrage.

«Es gibt viele Leute, die uns unterstützen, die aber nicht den Mut haben, selber aufzustehen.»

Man erhalte von beiden Seiten – also von «Maskenverweigerern» und «Maskenstrebern» – von Zeit zu Zeit Zuschriften und Hinweise, dass dieses oder jenes scheinbar nicht funktioniere. «Das zeigt mir, dass unser Verkaufspersonal die Verordnungen pflichtgetreu, aber auch mit Augenmass und Verhältnismässigkeit umsetzt. Einen Anstieg stellen wir nicht fest», so Schlatter weiter.

Gemäss Infanger benutzt die Gruppe Arztzeugnisse aus dem Internet, in die sie die Namen der Mitglieder eintragen. «Das ist in einem Fall bereits akzeptiert worden», erzählt Infanger. Auch wenn Polizei, Migros und VBL betonen, dass die Maskenpflicht weiterhin sehr gut eingehalten wird, ist der 18-Jährige dennoch überzeugt: «Es gibt viele Leute, die uns unterstützen, die aber nicht den Mut haben, selber aufzustehen.»

Bussen will er nicht bezahlen

Eine Busse gab es für die Gruppenmitglieder bisher nicht. Und wenn, dann würde Infanger sie nicht bezahlen. Er glaubt, die Covid-Verordnung sei rechtlich nicht bindend. Darauf verlassen sollte man sich allerdings nicht. Seit Februar sind im Covid-19-Gesetz explizit Ordnungsbussen für Verstösse gegen die Coronamassnahmen aufgeführt. Zuvor lief das Sanktionssystem über Geldstrafen und ordentliche Verfahren bei der Staatsanwaltschaft und die Polizei konnte zeitweise tatsächlich nicht direkt Bussen aussprechen (zentralplus berichtete).

Wir wollen von dem jungen Mann wissen, was er jemanden sagen würde, der Angst vor Ansteckung hat, wenn er ohne Maske unterwegs ist. Er zögert zunächst. Dann sagt er: «Diejenigen, die gefährdet sind, muss man schützen. Aber nicht uns Jungen.» Dass das Tragen der Maske nicht die Jungen, sondern vor allem die gefährdeten Mitmenschen schützen soll, blendet er aus – weil er eben nicht glaubt, dass sie einen Nutzen haben.

Er ist kein Coronaleugner. In seinem Umfeld litt niemand an einem schweren Verlauf der Covid-Erkrankung. Deshalb ist er davon überzeugt, dass das Virus weniger gefährlich ist, als die Behörden behaupten – und dass die Massnahmen dagegen mehr Schaden anrichten.

Welches Kalkül steckt hinter alldem?

Der 18-Jährige lebt in einem eher ländlich geprägten Kanton, der an Luzern angrenzt. Er sagt von sich selber, er sei nie politisch gewesen, «weder links noch rechts». Aber die Coronakrise und die damit verbundenen Massnahmen haben ihn politisiert. Heute nimmt er unter anderem an Kundgebungen des Vereins «Stiller Protest» teil, der ein sofortiges Ende der Massnahmen fordert (zentralplus berichtete). Der junge Mann ist davon überzeugt, das Richtige zu tun, wenn er sich gegen die Maskenpflicht einsetzt.

zentralplus wollte herausfinden, was diese Szene von Maskenkritikern zu ihren Aktionen antreibt. Und was ist das Fazit? Zusammengefasst könnte man die Haltung des Maskenkritikers folgendermassen beschreiben: Er stellt die Zahlen zur Übersterblichkeit infrage und ist deshalb davon überzeugt, dass er mit seinem Tun niemanden gefährdet. Er misstraut den Statistiken des Bundes, zweifelt die Testergebnisse und die Bussenhoheit der Polizei an und ist davon überzeugt, dass hinter allem Kalkül steckt. Und dass man sich dagegen zur Wehr setzen muss

*Name von der Redaktion geändert.

Hinweis: Die Redaktion ist vom Recherchekollektiv «Element Investigate» auf die Telegram-Gruppen aufmerksam gemacht worden. Dieses beschäftigt sich nach eigenen Angaben mit Recherchen zu Korruption, Polizeigewalt, Coronarebellen, Antisemitismus und Rechtsextremismus.

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