Gesellschaft
«Die Produktion will es billig – und viel Haut»

Fremdschämen pur – Was läuft schief beim «Bachelor»?

Schockierendes trägt sich beim Bachelor Schweiz zu. (Bild: Screenshot 3plus)

Halb nackt auf dem roten Teppich, Zicken bis zum Abwinken. Vor allem skandalös soll es sein, wenn im Schweizer TV «3plus» «die Liebe» gesucht wird. Das führt zu einer Reihe von äusserst peinlichen Szenen. zentralplus machte sich auf die Suche nach Romantik – und ehrlichen Antworten.

Ivana (22) bringt dem Bachelor Kondome mit.

Yanika (20) sagt über Jennifer: «Ich fand es ein wenig billig, als sie halb nackt aus dem Auto gestiegen ist.»

Leonora (22) aus Luzern kühlt den hotten Typen mit Eiswürfeln ab.

So sah die erste Folge aus mit den «Ladys», die in Thailand mit «Hilfe» von «3plus» die wahre Liebe suchen. Oder nach ein paar zusätzlichen Followern auf «TikTok» und «OnlyFans».

Der Bachelor heisst Kenny, zwei Luzernerinnen sind dabei (zentralplus berichtete) – der Rest ist wie immer. Das Schweizer Format hat noch immer den fulminanten Fremdschämen-Faktor der ersten Jahre – mit Vujo («Ihri Auge hend blinket») Gavric.

«Bachelor»-Anfänge im Geiste der 2000er

Das Format begann, geprägt von den Nuller-Jahren, von American Pie und Christina Aguileras «Dirrty» und damit mit Männlichkeitsbildern amerikanischer Studentenverbindungen, sowie kombiniert mit einer hypersexualisierten Weiblichkeit, die ständig herumbitcht in Konkurrenz um männliche Aufmerksamkeit.

Die Autorin dieses Artikels hat viel Trash-Erfahrung, um dies vorwegzunehmen. Besonders Reality-TV-Formate, in welchen «nach der Liebe gesucht wird», Bachelorette und Bachelor, schaut sie seit Jahren. Jedoch nur noch in den deutschen Versionen. Denn das Schweizer Format ist schlicht unerträglich, wenn man auch nur einen Hauch Empathie für die Teilnehmerinnen mitbringt.

«Trash-TV ist aber auch ein Werte-Imprägnator.»

Anja Rützel, Journalistin und Autorin

Trash appelliert an unsere niederen Instinkte, das ist keine Überraschung. Und oft sind die Formate an sich und deren Teilnehmer in ihrer Grundaussage extrem konservativ. «Trash-TV ist aber auch ein Werte-Imprägnator», sagt Autorin Anja Rützel in ihrem Buch «trash-tv». Mit besonders reaktionärem Frauenbild beim «Bachelor».

Dabei ginge es auch anders. Schaut man sich das deutsche Pendant an, die gerade beendete Staffel mit Bachelorette Sharon Battiste zum Beispiel, wird einem das Elend der Schweiz noch bewusster. Battiste war witzig, thematisierte ihren kreisrunden Haarausfall und öffnete sich im Verlauf der Folgen. Man hatte das Gefühl, dass sich da Menschen wirklich verlieben – und nicht einfach nur geil aufeinander sind. Und dass das Format, im Rahmen seiner Möglichkeiten, in der aktuellen Zeit angekommen ist. Youtuber und Journalistinnen zeigten sich begeistert.

Schweizerinnen machen «Shaky-shaky»

Bei Battiste wurden romantische, aber züchtige Szenen aus Klassikern der Filmgeschichte nachgespielt. In der Schweiz wird «sexy Auto gewaschen» – und der Kameramann hält die Linse ganz nah unter die kaum verhüllten Hintern. Baby, nasty, bitch – bitch move. Die Musikwahl der Redaktion tut das Übrige. «Hallo, Ladys, ich hoffe, ihr seid bereit, um etwas Shaky-shaky zu machen», ruft Kenny und bald schrubbt jemand im Tanga den Boden.

In der Schweiz «stehlen» sich Frauen aus ihrer Villa, «brechen beim Bachelor ein» und legen sich ungefragt halbnackt in seinem Bett zum Rummachen zu dritt bereit. Eine irre Aktion, die keinesfalls ohne Anstiftung, Begleitung und Mitarbeit der Redaktion möglich wäre.

In der Schweiz reibt man in Bikinis den Hintern am Genital des Bachelors und lässt danach den Blick so abschätzig wie nur möglich über die Körper der anderen Frauen gleiten. Man findet alle anderen falsch und wahlweise zu künstlich oder zu natürlich. Es geht um Konkurrenz, nicht um Chemie oder Wellenlänge, sondern darum, wer mehr «geleistet» hat. Also härter gezickt oder getwerkt. Oder wer konsequenter übergriffig war.

«Wir teilen die Ansicht, dass die Sendung weniger Klasse hat als das Deutsche Pendant, nicht.»

«CH Media»

Man findet für jeglichen Mist im Fernsehen Leute, die es mit sich machen lassen. Die für etwas Sendezeit Känguruh-Hoden essen («Ich bin ein Star, holt mich hier raus») oder sich auf intime Handlungen mit Typen einlassen, die sie verachten («Temptation Island»).

Doch weshalb tut die Schweizer Produktionsfirma das? Warum ist das Format in der Schweiz so viel trashiger? Warum fehlt die echte, berührende Ebene hier komplett?

«Wir teilen die Ansicht, dass die Sendung weniger Klasse hat als das deutsche Pendant, nicht», heisst es bei «CH Media». Mit dieser Meinung steht das Verlagshaus jedoch ziemlich alleine da. Das wird in der Berichterstattung klar. Selbst dem «Blick» ist die Sendung «peinlich». Und das will etwas heissen.

Caroline Ehrensberger, ehemalige Teilnehmerin des Formats in beiden Ländern, war in der Schweiz regelrecht geschockt, sagte sie in einem Gespräch mit der «Schweizer Illustrierten»: «Im ersten Moment hatte ich wirklich Angst, dass alle Schweizerinnen so schlimm sind wie diese Kandidatinnen.» Und viele Follower hätten ihr geschrieben, «dass sie sich für die Schweizer Frauen schämen.»

Selbst schuld, wer mitmacht?

«Niemand wird zu etwas gezwungen.» Fragt man bei ehemaligen Teilnehmerinnen nach, fällt immer und immer wieder dieser Satz. Ob man sich freizügig zeige, ob man Sex vor der Kamera habe – man werde nicht gezwungen. Eine interessante Verteidigungshaltung, wenn man bedenkt, dass Zwang zu so etwas sofort rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen müsste. Und dass bereits die Motivation zu entsprechenden Handlungen durch ausgebildete Personen mit Macht über die «Karriere» des Gegenübers sehr problematisch ist.

«Das Team will Drama.»

ehemalige Kandidatin

«Die wussten, dass sie so weiterkommen im Business», sagt eine ehemalige Teilnehmerin zu zentralplus über freizügige Mitkandidatinnen. Jede Person, die sich im Fernsehen präsentiere, wisse, worauf sie sich einlasse. Davon ist sie überzeugt.

Eine andere ehemalige Teilnehmerin hingegen betont: «Ich denke, dass die Produktionscrew geschult ist und genau weiss, welche Mädchen sich auf Dinge einlassen und welche Nein sagen würden.» Allgemein geben nur wenige Ex-Kandidatinnen Auskunft – und alle nur unter Versicherung, dass sie anonym bleiben. Gross ist die Angst, strafrechtlich dafür verfolgt zu werden.

Was bisher trotzdem durchgesickert ist: Kaum jemand mache mit, um die grosse Liebe zu finden. Zudem sei es so, dass der Bachelor oder die Bachelorette jeweils nur vier bis fünf Personen auswählen könne, die sie oder er dabeihaben wolle. Das Team wähle den Rest danach aus, wer für «Stimmung» sorge.

Die Produktionscrew stachle Streitereien an, stelle Fragen so, dass die Antwort möglichst skandalös nutzbar sei. Man werde manipuliert und es brauche Zeit, das zu durchschauen.

Die Schweizer Handschrift

Bei «CH Media» bleibt der Grossteil der Fragen unbeantwortet. Betont wird jedoch, es handle sich um ein internationales TV-Format mit vorgegebenen Strukturen. Diese können jedoch in «engen Grenzen auf das jeweilige Land angepasst werden, weshalb unsere Sendungen unsere eigene Schweizer Handschrift tragen.»

Es wird im Schweizer Format also in diesen «engen Grenzen» so viel sexuelle Anzüglichkeit herausgeholt wie möglich. Schon in der ersten Folge werden «zum Kennenlernen» von der Redaktion hauptsächlich Fragen zu sexuellen Pannen, Fetischen, zu Sexshop-Einkäufen und Schönheitsoperationen gestellt. Anschliessend sollen sich die Frauen gegenseitig als Lügnerinnen bezeichnen.

Und damit zum nächsten Punkt; dass die Schweizer Handschrift offenbar bedeutet, so viel «Bitchfight» wie möglich herauszuholen. Es ist nicht schwer, hinter den «Statements» der «Ladys» die Fragen der Produktionscrew zu erahnen. Ob die andere sie geärgert habe, warum sie besser als die anderen sei, wen sie am billigsten finde.

«Die sexuellen Andeutungen kommen leider von der Produktion. Die will es billig – und viel Haut.»

ehemalige Bachelor-Teilnehmerin

«Die sexuellen Andeutungen kommen leider von der Produktion. Die will es billig – und viel Haut. Ohne Stil. Frag mich nicht warum, mir war das teilweise auch too much», erzählt eine ehemalige Teilnehmerin. Die Spiele seien oft übertrieben uns stillos. Trotzdem betont auch sie: «Du wirst zu nichts gezwungen.» Als hätte man diesen Satz allen eingebrannt.

«Das Team will Drama», sagt die Ex-Kandidatin ebenfalls. Wer dafür sorge, bekomme Aufmerksamkeit. So wie Anja Rützel schreibt, ist diese Art des Fernsehens der «Befreiungsschlag gegen das traditionelle Prominenz-durch-Leistung-Prinzip». Hier muss man kein Talent beweisen – hier gibt es «fame» und Geld für Gezicke im Bikini.

Frauenfeind auf der Suche nach Liebe

Dass sich auch in der Schweiz andere Personen bewerben würden, wenn man das Format etwas anders gestalten würde, davon sind einige ehemalige Teilnehmerinnen überzeugt. Doch offenbar ist das nicht der Plan. Das zeigt sich an den Kandidatinnen und Kandidaten aus deutschen Formaten, die nun häufiger beim Schweizer Bachelor und Bachelorette auftauchen.

Menschen aus Formaten wie «Are you the one» oder «Ex on the beach», bei welchen es teilweise massiv unter die Gürtellinie geht. «Durch Reality Shows erlangen Personen grosse Bekanntheit.» Das sei für die TV-Sender spannend, heisst es bei «CH Media». Und so musste sich die letzte Schweizer Bachelorette Yuliya Benza (zentralplus berichtete), eigentlich recht sympathisch, mit Salvatore und Marcel herumschlagen. Zwei Typen, die durch haufenweise deutsche Trash-Formate tingeln, wo besonders der eine einzig und allein durch seine manipulative, widerlich herablassende und frauenfeindliche Art aufgefallen ist.

«Wichtigstes Kriterium ist, dass sie sich vor allem verlieben wollen.»

«CH Media»

Vonseiten der Produktionsfirma «CH Media» heisst es, dass auch bereits bekannte Kandidaten aus andern Formaten «ein sehr gründliches, intensives und mehrstufiges Castingverfahren durchlaufen. Wichtigstes Kriterium ist, dass sie sich vor allem verlieben wollen.»

Diese Antwort zeigt, dass den Verantwortlichen keine Lüge zu blöd ist. Denn niemand ist so naiv, einem Marcel abzunehmen, er sei für die Liebe da. Es ist klar, hier geht es nur darum, möglichst viele Aufreger zu generieren.

Die Entscheidung ist gefallen

Wer über die sogenannte «Schweizer Handschrift» entscheidet, darüber schweigt sich «CH Media» aus. Das macht keinen grossen Unterschied, da sich die wenigen erhaltenen Antworten nicht wirklich ehrlich lesen. Klar ist, dass sich die Verantwortlichen bei diesem Format für Sex und Drama und gegen Romantik entschieden haben – das Offensichtliche jedoch öffentlich abstreiten.

Schade ist das für die wenigen Teilnehmerinnen, die tatsächlich auf der Suche nach Liebe in die Sendung gehen. Erstaunlicherweise scheint das diesmal die Kandidatin aus Luzern zu sein, die in Unterwäsche auf den roten Teppich trat. Sie verliess die Sendung nach der Folge mit dem sexy Videodreh. Und schien nicht besonders traurig.

Verwendete Quellen
  • Schriftliches Interview mit «3plus» bzw. «CH Media»
  • Schriftliches Interview und Chats mit mehreren ehemaligen Bachelor-Teilnehmerinnen
  • Recherche in Boulevard-Medien
  • Die ersten Folgen der aktuellen Staffel des Schweizer «Bachelors»
  • «trash-tv», Buch von Anja Rützel
  • Jahrelanger Konsum der deutschen «Bachelor»- und «Bachelorette»-Staffeln
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