Gesellschaft
Wie der bekannte Luzerner Obdachlose lebte

«Felisch ist kein armer Siech gewesen»

«Er war lustig und hatte viel Kraft»: Der Luzerner Obdachlose Felisch. (Bild: zvg)

Sie hat die letzten sechs Jahre an der Seite von Felisch, dem «Tüechlimaa», verbracht: Veronika Stofer erzählt, wie sie sich unverhofft kennenlernten, wieso sich der Obdachlose nicht helfen lassen wollte – und wie er schliesslich im Spital verstarb.

Es war im Jahr 2013, als Felisch sie um etwas Münz fragte. So wie er das täglich bei dutzenden Personen auf seinen Touren in der Neustadt und beim Bahnhof tat.

Doch dabei blieb es nicht: Ob sie mit ihm einen Kaffee trinke, fragte er. Sie wich aus, er blieb hartnäckig. So ging das eine Weile, bis sie schliesslich einwilligte und sich mit Felisch an der «Määs» traf. «Sonst hatte er ja überall Hausverbot», erzählt sie.

So lernten sie sich kennen: Felisch, der bekannteste Obdachlose in Luzern, und Veronika Stofer, die zu seiner wichtigsten Bezugsperson der letzten Jahre wurde. «Er hat sich mit seinem Charme nicht mehr abwimmeln lassen», erzählt sie und lacht.

Er kam bei ihr auf ein Glas Wein vorbei, dann immer regelmässiger und schliesslich war Felisch Dauergast. Die letzten sechs Jahre ist er bei ihr ein- und ausgegangen, hat bei ihr gegessen und verbrachte viel Zeit mit ihr. Eine Art platonische Beziehung hätten sie gelebt.

Bis der «Tüechlimaa», wie er wegen seiner Kleidung genannt wurde, am 10. August nach einem Zusammenbruch im Spital starb, er wurde 38 Jahre alt (zentralplus berichtete). Die Anteilnahme war und ist in Luzern riesig.

Der Kampfgeist hat abgefärbt

Die Luzernerin, die gerade in den Ferien weilt, erzählt offen über die Zeit mit Felisch und hat trotz des Verlustes und schwierigen Zeiten ihren Humor nicht verloren. Es scheint, als hätte der Kampfgeist von Felisch auf sie abgefärbt. Immer wieder kam es vor, dass er ein paar Monate nicht mehr auftauchte – und plötzlich stand er wieder auf der Matte.

Dass ein Obdachloser bei ihr gelebt hat, brachte ihr Probleme ein: mit den Nachbarn, im Quartier und schliesslich mit der Vermieterin. Veronika Stofer wurde vor zwei Jahren aus der Genossenschaft, der das Haus gehört, ausgeschlossen, um ihr zu kündigen.

«Bei mir hüpfte er die Treppe rauf und fragte: ‹Was gibt’s Znacht?›»

Doch noch heute wohnt die 60-Jährige in der Wohnung in einem Luzerner Quartier und wehrt sich auf juristischem Weg gegen ihren Rauswurf. «Riesige Lämpen» habe sie gehabt. «Aber bin immer zu Felisch gestanden, das war mir wichtig.»

Er hüpfte die Treppe hoch

Veronika Stofer, die als Stadtführerin und Kartenlegerin arbeitet, schwärmt vom Menschen Felisch: «Bei mir war er ganz jemand anders als draussen: wach, klar, sehr intelligent, schnell in den Bewegungen.» Sie hätten lange und gute Gespräche geführt, er sei über alles im Bild gewesen, habe nie geflucht oder sei laut geworden. «Er war sehr intuitiv und konnte sehen, was andere denken.»

Er habe das Vertrauen zu ihr langsam aufgebaut – anfangs sprach er kaum ein Wort, hielt sich auf dem Balkon auf. Dann immer öfter in der Stube und auf dem Sofa.

«Felisch brauchte keine Hilfe, wenn schon, hat er mir geholfen.»

Auf der Strasse ist Felisch in seinen Tüchern fast unbeweglich über die Strasse geschlurft und wirkte oft zugedröhnt. «Bei mir hüpfte er die Treppe rauf und fragte: ‹Was gibt’s Znacht?›», lacht Stofer.

Niemand habe ihr geglaubt: «Felisch ist mir nie vorgekommen wie ein typischer Drögeler, wie ein Ührli ist er abends zwischen acht und zehn Uhr aufgetaucht.» Er sei eigentlich ein häuslicher Mensch gewesen, auch wenn er den ganzen Tag auf der Gasse verbrachte. «Er schätzte Kerzen und schöne Musik.»

Er hatte viel Kraft

Sie betont: «Felisch ist kein armer Siech gewesen. Er war zufrieden, lustig und hatte so viel Kraft. Wenn man ihn verstanden hat, wusste man, dass in seinen Geschichten immer ein Funken Wahrheit steckt. Aber er hat sie halt spinnerisch verpackt.»

Er habe oft von seinem alten Leben als Fussballer und Snowboarder erzählt, sei sehr kreativ gewesen und habe Comics gezeichnet. «Er war ein grosser Schauspieler», sagt sie.

Auf alles eine Antwort

Veronika Stofer kämpfte selbst mit Problemen und Depressionen. «Felisch brauchte keine Hilfe, wenn schon, hat er mir geholfen», sagt sie. Er habe ihr Atem- und Körperübungen gezeigt, war bei ihr und hat ihr Tee gekocht. «Mit ihm bin ich zur Ruhe gekommen und konnte positiver denken.»

Felisch habe auf alles eine Antwort gewusst – ob bei Bagatellen oder wichtigen Themen. «Er hat mir gesagt: Schau zuerst zu dir, sonst kannst du auch nicht zu anderen schauen.» Kurz vor seinem Tod habe er ihr das nochmals eingetrichtert.

Felisch, aufgenommen 2013 für eine Fotoreportage. (Bild: zvg/Martin Weibel)

100 Franken am Tag erbettelt

Sie hat ihm ab und zu neue Kleider und Schuhe gekauft. «Es hat lange gedauert, bis er sich wieder mal etwas anderes anzog», sagt sie. Aber die Schuhe seien jeweils schnell kaputt gewesen.

«Seine Tücher, der Dreck, sein Gestank sind auch ein Selbstschutz gewesen.»

Er habe sie nie übers Ohr gehauen, habe nie geklaut, obwohl Laptop, Schmuck und Geld rumlagen. «Nur wenn er mal hässig auf mich war, hat er eine 20er-Note genommen, sie aber wieder zurückgebracht.»

Mehr als 100 Franken habe Felisch an guten Tagen eingenommen und davon gut gelebt, sagt sie. Wenn sich Leute über sein Betteln nervten, sei er extra freundlich gewesen. «Er hat der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten, so wie er aufgetreten ist», sagt Stofer. Seine Tücher, der Dreck, sein Gestank seien auch ein Selbstschutz gewesen, damit ihm niemand zu nahe komme. «Er muss einmal wahnsinnig verletzt worden sein. Er hat nie erzählt, was es war», sagt sie.

Gestank störte sie nicht

Felischs Gestank und sein dreckiges Äusseres war für viele eine Zumutung, Veronika Stofer störte es jedoch nicht. «Ich habe mich so wohl gefühlt um ihn, dass ich nicht mal mehr die dreckigen Hände bemerkt habe.» Er habe die Grenzen ausgelotet, um zu testen, wie weit die Akzeptanz ging.

Mit der Zeit forderte aber auch sie, dass er öfter duscht und frische Kleider anzieht. «Wir haben lange darüber geredet, er wollte es nicht hören», erzählt Veronika. Doch er habe dann angefangen, die Haare zu schneiden, habe geduscht und die Kleider gewechselt und trug auch kein Tuch mehr auf dem Kopf.

Sein Zustand verschlechterte sich

Schliesslich warf eine Verletzung am Fuss mit lang anhaltender Entzündung und Wasserstau bis ins Knie Felisch zurück. Veronika Stofer erinnert sich, wie er im Juni 2018 zu ihr gekommen sei – schlotternd und nahe an der Verwahrlosung. Sie gingen zum Arzt, doch das verschriebene Antibiotikum habe er nicht genommen. Sein Zustand verschlechterte sich weiter. «Ich vermute, dass sein Körper das nie mehr richtig verarbeitet hat.»

Im Winter darauf hatte er geschwollene Hände und Füsse – Felisch wurde immer schwächer. Er litt an einer Lungenentzündung, habe öfters gehustet und bekam Atemnot. Im Juli dieses Jahr wurde er mit der Ambulanz ins Spital eingeliefert. «Er wollte nicht bleiben und ist wieder abgehauen», erzählt sie.

«Für mich ist Felisch noch hier.»

So ging das hin und her, er landete wieder im Notfall, aber wollte sich nicht helfen lassen und ist wieder ausgebüxt. «Wenn ich dabei war, war er ruhig, sonst liess er sich nicht mal Blut nehmen», sagt sie. Das Spital sei eine Riesenbelastung gewesen für ihn. Die Situation belastete auch sie. «Er hat immer gefragt, wie es mir geht, egal wie schlecht es ihm geht.»

Das erste Mal eine Umarmung

Schliesslich ist Felisch Anfang August im Bahnhof Luzern zusammengebrochen (zentralplus berichtete). Davon erholte er sich nicht mehr bis zu seinem Tod. «Zwei Nächte vor dem Zusammenbruch musste ich bei ihm bleiben, er wollte eine Umarmung, vorher hat er sechs Jahre keine Nähe zugelassen», erzählt Veronika Stofer.

Felisch wurde ins künstliche Koma versetzt. «Er wollte sich nie helfen lassen, er hat dem Spital und den Ärzten nicht vertraut», erzählt Stofer. In der Nacht, bevor Felisch um vier Uhr morgens verstarb, war sie noch bei ihm. Ende August ist er im Kanton Obwalden, wo er aufgewachsen ist, beerdigt worden.

Das Trauern kommt noch

Wie geht’s ihr jetzt nach all dem? «Für mich ist Felisch noch hier, ich habe noch nicht getrauert. Vielleicht kommt das noch.» Überall wo sie sei, scheine auch er zu sein.

An der Beerdigung war sie nicht, sie habe ein Gesteck mit Rosen auf das Grab schicken lassen. «Er hat selbst einmal gesagt, man gehe nicht an Beerdigungen, er fand das blöd.»

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