Gesellschaft
Tourismusdirektor zum «Chinesen-Bashing»

Fehlt es in Luzern an Toleranz?

Marcel Perren, der Direktor von Luzern Tourismus.

(Bild: rob)

Chinesen in Luzern: Das ist diese Saison ein schwieriges Thema. Immer lauter wird über die Gäste aus dem Reich der Mitte geschimpft. zentral+ sprach mit dem Tourismusdirektor Marcel Perren über das in Mode gekommene «Chinesen-Bashing». Dieser kritisiert die fehlende Toleranz einiger Luzerner.

zentral+: In Luzern ist eine Debatte entstanden um die vielen Chinesen, die als Touristen zu uns kommen. Wie sehen Sie das?

Marcel Perren: Ich bin nun seit bald neun Jahren Tourismusdirektor. Für mich ist es dieses Jahr das erste Mal, dass in diesem Ausmass kritische Stimmen gegenüber asiatischen Reisegruppen zu hören sind. Es ist auch schon vorgekommen, dass gegen Ende Saison von Teilen der Bevölkerung eine gewisse «Müdigkeit» gegenüber den Touristen festzustellen war.

zentral+: Haben Sie Verständnis, dass nicht alle Freude haben an den vielen Gästen aus China?

Perren: Bei einigen scheint die Toleranz zur Zeit nicht so gross zu sein. Ich wünsche mir natürlich schon, dass sowohl die Gäste wie auch die Einheimischen sich wohl fühlen. Wichtig ist, dass die Luzerner Freude daran haben, dass Touristen zu uns kommen. Das wirkt sich auch auf die Gäste und ihr Wohlbefinden aus.

zentral+: Finden Sie die Leute etwas kleinkariert?

Perren: Nein, bisher hatte ich nie das Gefühl, dass es Ressentiments gegenüber Touristen gibt. In Luzern ist man traditionell sehr offen gegenüber Reisenden aus aller Welt eingestellt. Dieses Jahr bin ich schon etwas erstaunt über die Reaktionen einiger Personen. Das sagen übrigens auch Kollegen aus der Branche.

zentral+: Chinesen seien laut, sie rülpsen, spucken auf den Boden und benehmen sich gegenüber dem Personal unhöflich. Haben Sie das selber schon erlebt?

«Bisher hatte ich nie das Gefühl, dass es Ressentiments gegenüber Touristen gibt. Hier ist man traditionell sehr offen gegenüber Reisenden aus aller Welt eingestellt.»

Marcel Perren, Direktor Luzern Tourismus

Perren: Dinge wie rülpsen oder spucken beobachtet man äusserst selten. Ich selbst habe ein oder zwei mal so etwas erlebt. Angesichts der 100’000 Übernachtungen, die wir letztes Jahr von chinesischen Gästen verzeichnen konnten, ist das verschwindend wenig. Die Chinesen sind nicht überdurchschnittlich unanständig. Es kann vorkommen, dass Touristen auf der Kapellbrücke vielleicht mal etwas drängeln. Aber wir müssen uns bewusst sein: Da geht es um ein weltweites Wahrzeichen, die Gäste sind fasziniert und möchten das unbedingt sehen.

zentral+: Dennoch sorgen die Chinesen für Verärgerung. Ist es auch eine Frage der schieren Menge?

«Die Chinesen sind nicht überdurchschnittlich unanständig.»

Perren: Da muss man bei den Fakten bleiben: 8,2 Prozent der Übernachtungsgäste in Luzern sind Chinesen. Das ist nicht übermässig viel, aber die Wahrnehmung ist anders. Viele denken, dass es sich bei allen der insgesamt 26,8 Prozent asiatischen Übernachtungsgästen in Luzern um chinesische Gäste handelt.

zentral+: Aber manche benehmen sich schon etwas rüpelhaft.

Perren: Ich habe Verständnis dafür, wenn das zuweilen als störend empfunden wird. Aber man muss auch sehen, dass wir in der Schweiz im Vergleich zu China bezüglich Platzverhältnisse im Paradies leben. Sie kommen aus Millionenstädten, in denen ein permanentes Gedränge herrscht.

zentral+: Trotzdem stören sich manche daran, dass die Chinesen sich nicht für unsere Kultur und Gepflogenheiten zu interessieren scheinen.

Perren: Für die meisten Gäste aus China ist das die erste grössere Reise, die sie machen. Häufig bereisen sie mehrere Länder in wenigen Tagen. Die meisten stammen aus der Mittelschicht und sind offen und interessiert, sie bereiten sich auch intensiv auf die Reise vor. Aber natürlich sind sie nicht so reisegewohnt wie wir.

«Für die meisten Gäste aus China ist das die erste grössere Reise, die sie machen.»

zentral+: Kürzlich sorgte die Meldung, dass Chinesen in Extrazügen – abgeschottet von den Einheimischen – auf die Rigi gefahren werden, international für Schlagzeilen. Auch in China war zu lesen, dass wir Mühe mit ihnen bekunden. Ist das nicht Gift für den Tourismus hier?

Perren: Ich habe mich diesbezüglich bei unserem Repräsentanten in China erkundigt. Bei den Gästen ist die ganze Diskussion bisher kein Thema. Aber natürlich müssen wir achtsam sein. Die Welt ist ein Dorf geworden, gerade mit Social-Media. Es ist darum wichtig, dass wir uns dessen bewusst sind und aufpassen, was für ein Bild wir abgeben.

zentral+: Was tut Luzern Tourismus, um allfällige Probleme in den Griff zu bekommen?

Perren: Wir machen die Reiseveranstalter darauf aufmerksam, was die chinesischen Gäste hier beachten sollten. Dass sie zum Beispiel nicht einfach so kreuz und quer über die Strassen gehen sollten, weil das gefährlich ist. Solche Dinge kommunizieren wir. Auch die Tour Guides werden instruiert und geschult. Zudem bieten wir interkulturelle Kurse für Tourismusfachangestellte an. Das scheint mir sehr wichtig zu sein, denn: Je mehr man über die andere Kultur weiss, desto grösser wird die Toleranz.

zentral+: Was müssten wir über Chinesen wissen?

Perren: Hotelbetreiber müssen zum Beispiel wissen, dass die Nummer 4 eine Unglückszahl ist und man Chinesen nicht ein Zimmer mit dieser Nummer gibt. Auch sollte immer ein Wasserkocher im Zimmer sein und zum Frühstücksbuffet etwas Warmes wie etwa eine Nudelsuppe angeboten werden.

zentral+: Wie steht es mit chinesisch lernen – sprechen Sie diese Sprache?

Perren: lacht. Ich kann Hallo sagen und noch ein paar andere Brocken, mehr nicht.

zentral+: Wie sieht die Zukunft aus: Werden wir uns auf grosse Massen an chinesischen Touristen einstellen müssen?

«Ein bisschen mehr Gäste aus China werden es in Zukunft sein, aber es wird keinen Ansturm geben.»

Perren: Nein. Gemäss den Prognosen von Oxford Economics werden es nächstes Jahr in der Schweiz 6,6 Prozent mehr sein, im 2017 4,7 Prozent und im Jahr darauf 4,3 Prozent mehr. Das entspricht einem moderaten Wachstum. Die Besucherzahlen aus China werden zunehmen, aber es ist nicht mit einem Ansturm zu rechnen. Zudem müssen Chinesen ab Oktober einen biometrischen Pass beantragen, wenn sie reisen wollen. Das könnte zu einem Rückgang an Gästen führen, weil der bürokratische Aufwand möglicherweise abschreckend ist.

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