Gesellschaft
Covid-19 und die Isolation

Es wird einsam in den Luzerner Altersheimen

Die soziale Isolation dient dem Schutz der älteren Mitmenschen, sie ist aber schwer zu ertragen. (Bild: Fotolia, Dmitry Berkut)

Dass ältere Menschen vom Corona-Virus stärker bedroht sind als junge, ist bekannt. Dies bedeutet, dass man die Besuche beim Grosi einstellen soll. Auch wenn es weh tut.

Die Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit sind klar: Sind Sie älter als 65 Jahre oder haben eine Vorerkrankung, dann meiden Sie Menschenmassen, Gruppentreffen, reduzieren Sie Besuche in Heimen und Spitälern auf ein Minimum und vermeiden Sie auch unnötige private Treffen.

Doch was heisst unnötig? Und wie verhalte ich mich als Tochter, Enkel, Freundin einer Person aus der «Risikogruppe»? Viele Menschen sind verunsichert, bleiben lieber zu Hause und machen einen Bogen um andere Menschen.

Das Ziel ist klar: die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und ältere sowie chronisch kranke Personen vor einer Ansteckung zu schützen. Schweizweit werden ab Montag die Schulen schliessen. Im Kanton Tessin sind zusätzlich Spitäler und Altersheime nicht mehr für Besucher offen.

Auch in Luzern laufen die Telefone heiss. «Es melden sich vor allem Angehörige, die verunsichert sind», so Marco Müller, Leiter des Alterszentrums Kirchfeld in Horw. Kein Wunder – immer mehr Massnahmen werden umgesetzt.

Im Kirchfeld wie auch im Viva Luzern Dreilinden wurden alle externen Veranstaltungen bis Ende März abgesagt und das Restaurant ist nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Die grösste Herausforderung jedoch sei das Abstandhalten bei den Bewohnern.

«Viele Seniorinnen und Senioren haben Angst vor einer Vereinsamung und sie könnten den Rückzug auch als übertrieben beurteilen.»

Heidi Stöckli, Pro Senectute

Die Verantwortlichen der Altersheime empfehlen, den Kontakt zu älteren Menschen auf ein Minimum zu reduzieren. «Doch es ist eine Gratwanderung», so Müller. Einerseits seien soziale Kontakte für die Menschen äusserst wichtig, anderseits habe der Schutz der Gesundheit oberste Priorität.

Dilemma um Vereinsamung

Auch Pro Senectute Luzern erhält vermehrt Anfragen rund um die Empfehlungen des BAG. «Diese Empfehlungen bezüglich sozialer Kontakte sind ernst zu nehmen», betont Heidi Stöckli.

Sie schlägt vor, soziale Kontakte auf telefonischem oder auf digitalem Weg zu pflegen. Die Versorgung könne mit Online-Bestellungen oder dem Pro-Senectute-Mahlzeitendienst sichergestellt werden. «Aber es ist ein Dilemma», gibt Stöckli zu: «Viele Seniorinnen und Senioren haben Angst vor einer Vereinsamung und sie könnten den Rückzug auch als übertrieben beurteilen.»

Für gewisse Menschen führe eine solche Abgrenzung zu einer verstärkten Vereinsamung und besonders schwierig sei die Situation, weil unklar sei, wie lange ein solcher Zustand anhalten werde. «Am besten wägen beide Parteien gemeinsam sorgfältig ab, wie sie es handhaben wollen», so Stöckli.

«Für die Bewohnerinnen und Bewohner war die Isolation sehr schwierig, vor allem als sie ihr Zimmer nicht verlassen durften.»

Marco Müller, Leiter des Alterszentrums Kirchfeld in Horw

Bei der Betreuung von Enkeln durch Grosseltern rät Pro Senectute: Auch im Familien- und Bekanntenkreis ist penibel auf die Hygieneregeln zu achten. Die Betreuungspflichten müssen abgesagt werden, wenn eine der Parteien Symptome aufweist.

Im Alterszentrum Kirchfeld gab es vor wenigen Monaten einen Norovirus-Ausbruch und die Auswirkungen sind für Marco Müller klar: «Für die Bewohnerinnen und Bewohner war die Isolation sehr schwierig, vor allem als sie ihr Zimmer nicht verlassen durften. Es ist ganz schwierig, wenn regelmässige Kontakte wegfallen. Vor allem für die Psyche sind soziale Kontakte wichtig.

Auch Jasmin Höliner, Betriebsleiterin Viva Luzern Dreilinden, hat Erfahrung mit dem Norovirus. «Isolation ist immer eine einschneidende Massnahme.» So etwas wirke sich stark auf die Stimmung aus. Die Bewohnerinnen und Bewohner seien unruhiger. 

Und für die Mitarbeitenden seien die Anforderungen viel höher, solche Stimmungen zusätzlich zum medizinischen Mehraufwand aufzufangen. «Deshalb versuchen wir so lange wie möglich den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten», so Höliner. Sie empfehle, dass sich enge Angehörige für die Besuche abwechselten und sich an die Empfehlungen vom Bund hielten.

Solidarität zeigt sich

Im Kirchfeld mussten Hände-Desinfektionsmittel und Schutzmasken bereits an einem geschützten Ort eingeschlossen werden, damit sie nicht zum privaten Gebrauch mit nach Hause genommen werden, so Müller. Hört man davon und von all den Hamsterkäufen, kann man schnell an der menschlichen Solidarität zu zweifeln beginnen.

Doch es gibt auch ein paar positive Entwicklungen. In Mehrfamilienhäusern werden Aushänge gemacht, in welchen Menschen ihren gefährdeteren Nachbarn anbieten, für sie einzukaufen und weitere Dinge zu erledigen.

Und auch auf Facebook wurde am Freitagvormittag die Gruppe «Lozärn hüft gärn» gegründet, die, nach Basler Vorbild, Menschen verbinden will, die Hilfe anbieten oder benötigen.

Heidi Stöckli von der Pro Senectute begrüsst solche Eigeninitiativen: «Es ist schön zu sehen, dass die Solidarität in der Bevölkerung so gelebt wird. Denn schon kleine Hilfsangebote können eine grosse Auswirkung haben.» Sie wolle jedoch dazu mahnen, auch bei solchen Kontakten die Hygiene-Massnahmen penibel einzuhalten.

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