Gesellschaft
Für Ukrainer wichtige Gratis-Essensabgabe in Luzern

«Es ist hart, jemanden ohne Essen wegzuschicken»

Boris Rossi (rechts) organisiert gemeinsam mit Freunden die Essensabgabe beim RäZel in Luzern (Bild: ida) (Bild: ida)

Zweimal pro Woche wird in der Zwischennutzung RäZel an der Horwerstrasse in Luzern Gratis-Essen an Bedürftige verteilt. Besonders viele Ukrainerinnen kommen. Der Ansturm darauf ist gewaltig. Und die Verzweiflung der Menschen vor Ort gross.

Sie warten schon. Rund 30 Frauen mit ihren Kindern und Männer stehen vor der Rampe. Sie warten, bis ihnen eine der Einkaufstüten mit Essen gereicht wird. Mit ihnen darüber zu reden, warum sie hier sind, warum sie auf das Essen angewiesen ist, gestaltet sich als gar nicht so einfach. Die Menschen schütteln nett, aber bestimmt die Köpfe, verstehen kein Deutsch und Englisch. «Ukrayins'ka», sagt eine Frau noch.

Zwei Mal in der Woche gibt's beim RäZel in Luzern Gratis-Essen

Es ist ein drückend heisser Mittwoch, kurz nach 12:30 Uhr, bei der Zwischennutzung RäZel an der Horwerstrasse in Luzern. Jeden Montag und Mittwoch wird hier gratis Essen verteilt. Das Essen wird von der Schweizer Tafel in Lieferwagen gebracht. Die Stiftung sammelt jährlich rund 18 Tonnen Lebensmittel im Detailhandel. Essen, das zwar noch gut ist, aber nicht mehr verkauft werden kann. Beliefert werden in der Zentralschweiz 56 Institutionen.

Organisiert wird die Essensabgabe an der Horwerstrasse von Boris Rossi, Betroffenen und vom Asylnetz Luzern. In Luzern kennt man Rossi vor allem als Barchef des Musikzentrums Sedel. Schon bevor wir eingetroffen sind, haben sie das erhaltene Essen in die 120 Migros-Tüten verteilt. Denn genau so viele Essenspakete können zweimal pro Woche abgegeben werden.

Das Essen für die Essenspakete wird von der Schweizer Tafel geliefert. (Bild: ida)

Viele Bedürftige sind aus der Ukraine

An beiden Tagen stehen 120 Menschen auf der Liste. «Wir werden von sehr vielen ukrainischen Flüchtlingen besucht», so Rossi. «Rein vom Gefühl her würde ich sagen, dass von den 240 Personen auf der Liste etwa 120 Ukrainerinnen sind.» Zusätzlich führen sie eine Warteliste, auf der es wiederum rund 100 Personen hat, davon ein Grossteil Ukrainer.

Es ist 13 Uhr, die Essensabgabe beginnt. Die Menschen stellen sich ruhig mit ihren Bons in eine Reihe vor der Tür des Gebäudes. Wir sprechen einen älteren Mann und eine Frau an. Auch sie verstehen uns nicht. Der Mann zückt sein Handy, öffnet den Google-Übersetzer. Wir sprechen unsere Worte hinein, das Handy gibt unsere Worte auf Ukrainisch wieder. Über sein Handy teilt er uns schliesslich mit, dass er sich für ein Essenspaket registrieren möchte. Seine Frau neben ihm hält bereits ihre Identitätskarte in der Hand. Er selbst fände als Senior keine Arbeit hier, das Geld sei knapp.

Weitere Namen kommen auf die Warteliste für Gratis-Essen

Rossi steht am Eingang bei der Tür, kontrolliert die entgegengestreckten Bons, setzt bei den Namen, die erschienen sind, ein Kreuz. Immer wieder kommt jemand Neues, streckt ihm die Identitätskarte entgegen. Um sich für die Warteliste zu registrieren. Auch das Paar, mit dem wir vorher gesprochen haben. An diesem Mittwoch hat Rossi rund 20 Namen entgegengenommen.

«Es ist hart, alle die Namen auf diese Warteliste zu schreiben. Denn eigentlich weiss ich, dass sie nie etwas bekommen werden.»

Boris Rossi

«Es ist hart, jemanden ohne ein Essenspaket wegzuschicken», sagt er. «Und es ist hart, alle die Namen auf diese Warteliste zu schreiben.» Es sind ja mittlerweile schon rund 100 Personen drauf. «Denn eigentlich weiss ich, dass sie nie etwas bekommen werden.»

Diejenigen, die einen Bon haben, dürfen die Treppenstufen hoch in den Raum, wo eine Helferin ihnen die Einkaufstüten entgegenhält. Die Menschen – junge Mütter mit ihren Kindern oder auch Senioren – sagen «Danke», «Thank you» und: «Spasibi!» («Danke» auf Ukrainisch).

An jedem Montag und Mittwoch werden im RäZel an der Horwerstrasse in Luzern 120 Essens-Tüten abgegeben. (Bild: ida)

Als Menschen in Genf stundenlang für Gratis-Essen Schlange standen

Ganz so ruhig läuft die Essensabgabe aber nicht immer, wie Rossi erzählt. Denn seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine erleben sie einen regelrechten Ansturm. Rossi holt ein wenig aus: Gestartet haben sie mit den Essensausgaben im ersten Lockdown 2020.

«Wir sahen, dass viele Abgabestellen wegen Corona schliessen mussten – das Bedürfnis nach Nahrung aber weiterhin da war», erzählt Rossi vor Ort. Und er spricht die Bilder an, die wir aus Genf kennen. Als Menschen stundenlang für Gratis-Essen anstanden. Dass so etwas in der Schweiz überhaupt möglich ist, das hat damals vermutlich viele aufgerüttelt.

Seit des Ukraine-Kriegs steigt in Luzern die Nachfrage nach Essen stetig

Während den letzten zwei Jahren waren es zwischen 50 und 100 Personen, die jeden Montag eine Tasche mit Lebensmitteln beim RäZel abholten. «Seit dem Krieg in der Ukraine sind die Zahlen dann regelrecht explodiert», so Rossi. Anfänglich stieg die Nachfrage nur leicht auf 120 Personen, eine Woche später kamen bereits 230 Personen. «Und eine Woche darauf waren es bestimmt 300 bis 400 Menschen.» Auch andernorts werden Angebote, durch die man vergünstigt oder gratis Essen kriegt, massiv mehr genutzt seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs (zentralplus berichtete).

«Die Menschen, die hier etwas zu Essen kriegen, sind enorm dankbar.»

Boris Rossi

«Wir konnten aber höchstens 300 Taschen mit Essen bereitstellen, was zu unschönen Szenen führte.» Die Menschen hätten sich regelrecht auf das Gratis-Essen gestürzt, andere geschubst. Weil sie zu wenig Essen hatten und auch Probleme mit der Infrastruktur, mussten sie daraufhin die Notbremse ziehen. Nach ein paar Wochen Pausen führten sie eine Liste ein. Bedürftige müssen sich seither registrieren und kriegen eben diesen Bon, den sie jetzt wieder Rossi entgegenstrecken.

Während die Menschen vor dem Eingang Schlange stehen, warten andere auf der Seite bei der Rampe. Einige von ihnen stehen auf der Warteliste. Andere konnten am Montag wegen des Feiertages kein Essen abholen. Durch die geöffneten Glastüren blicken sie ins Innere, wo Helferinnen die Einkaufstüten jeweils nachrücken und den Menschen in die Hände drücken.

Das lange Warten, ob vielleicht noch eine Banane aus der Kiste fällt …

Sie warten. Ihre Blicke sind verzweifelt. Mehrmals läuft eine Frau die Rampe hoch, ob sie nochmals eine Tasche kriege. Die Tochter einer Helferin läuft mit Süssigkeiten die Rampe runter und streckt diese einem anderen, vielleicht vierjährigen Mädchen hin.

Wenige Meter nebenan beisst ein kleines Mädchen herzhaft in ein Stück Brot, während die Mutter sichtet, was sich alles in der Migros-Tüte an Essen befindet.

«Die Menschen, die hier etwas zu Essen kriegen, sind enorm dankbar», sagt Rossi. Er habe oft erlebt, dass Ukrainerinnen in der prallen Sonne oder bei Regen stundenlang warteten, um eine Tasche zu erhalten. Oder eben warteten und hofften, dass es noch am Ende Reste gibt und eine Banane von der Kiste fällt …

Verwendete Quellen
  • Augenschein vor Ort
  • Persönliche Gespräche vor Ort mit Boris Rossi und Bedürftigen
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