Gesellschaft
Wie Luzern den kältesten Morgen des Jahres erlebte

«Es ist doch gar nicht kalt»

Dem 79-jährigen Kurt Gasser, gebürtiger Walliser, kann die Kälte nichts anhaben – auch wenn sein Bart bereits von dem einen oder anderen Eistropfen geschmückt ist.

(Bild: ida)

Der Montagmorgen war der bisher kälteste Tag des Jahres – aufgrund der Bise wurden Temperaturen von -20 Grad wahrgenommen. Trotz arktischen Temperaturen zeigten sich Menschen und Tiere in Luzern erstaunlich gelassen – ein 79-Jähriger gar genoss die eisige Kälte halbnackt.

Der Montag ist bisher der kälteste Morgen des Jahres, wie Metenoews auf Nachfrage bestätigt. Als Höchstwerte werden tagsüber zwischen -10 und -3 Grad erwartet. Aufgrund der starken Bise werden die Temperaturen jedoch bis zu -20 Grad wahrgenommen. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einem Windchill-Effekt, sagt Christophe Voisard von Meteo Schweiz. Denn durch die Bise wird das dünne Warmluftpolster, das unsere Haut umgibt, davongetragen.

Die tiefste Temperatur in der Schweiz wurde um 6 Uhr morgens in Buffalora im Kanton Graubünden gemessen. Der Thermometer sank hier auf Minus 27,9 Grad.

Und wo sind die Obdachlosen in den bitterkalten Nächten?

Urs Schwab, Leiter der Obdach Notschlafstelle, gibt auf Nachfrage bekannt, dass in den Wintermonaten nicht mehr Betten belegt seien: «Die Zahlen bei uns schwanken stetig – unabhängig von den Temperaturen.» In anderen Kantonen seien die eisigen Temperaturen eine viel grössere Problematik, nicht jedoch in Luzern. Die SIP habe am Freitagabend zwei Obdachlose zur Notschlafstelle gebracht, die sie jedoch schon kannten.

Nur wenige würde die Nacht im Freien verbringen. Und diese seien auch gut ausgerüstet und kennen windgeschützte Orte, in denen sie Zuflucht finden. «Wenn es aber wirklich arg wird, dann kommen die Leute auch zu uns», sagt Schwab.

Die SIP der Stadt Luzern legt momentan ein besonderes Augenmerk auf Obdachlose, sagt Christina Rubin, Ressortleiterin der SIP Stadt Luzern. In den letzten Tage habe man bereits einige obdachlose Menschen zur Notschlafstelle begleiten können. Über die Anzahl der Menschen, die zur Zeit in den Gassen Luzerns leben, können jedoch keine konkreten Angaben gemacht werden: «Bei der Anzahl obdachloser Menschen gibt es eine Dunkelziffer.»

«Nicht jeder gibt zu, obdachlos zu sein.»

Christina Rubin, Ressortleiterin der SIP Stadt Luzern

Rubin erklärt, dass es wichtig sei, Obdachlose auf die Kälte anzusprechen und gemeinsam zu besprechen, wo die Menschen die Nacht verbringen. Wer nicht in die Notschlafstelle gehen möchte, erhält von der SIP Ratschläge. Denn nicht jeder, der angesprochen wird, sei dankbar um die angebotene Hilfe. «Vielleicht wollen sie nicht auf bestimmte andere Personen treffen, vielleicht haben sie auch Hemmungen. Vielleicht haben Sie Mühe mit den Regelungen in den Notschlafstellen», meint Rubin. Geldmangel sei jedoch nicht das Problem. Gerade in den kalten Wintertagen komme die Stadt Luzern für die Kosten für die Übernachtung in der Notschlafstelle auf, wenn es sich jemand nicht leisten könne.

Rubin spricht auch Schwierigkeiten an: «Nicht jeder gibt zu, obdachlos zu sein.» Obdachlose untereinander organisieren sich vielfach auch selbst. In Luzern gäbe es einige Geheimplätze, in denen obdachlose Menschen Zuflucht in einem geschützten Raum finden.

«Es ist doch gar nicht kalt», meint Kurt Gasser.

«Es ist doch gar nicht kalt», meint Kurt Gasser.

(Bild: ida)

Schwan in Donau festgefroren

Im österreichischen Mautern ist ein Schwan in der Donau festgefroren. Von der Feuerwehr musste dieser befreit werden. Droht auch Wasservögeln bei uns eine Gefahr bei den eisigen Temperaturen? Es seien Einzelfälle, sagt Michael Schaad, diplomierter Biologe bei der Vogelwarte Sempach. In der Schweiz würden die meisten Gewässer nie richtig zufrieren, weshalb rund eine halbe Million Vögel jährlich extra in die Schweiz fliegen, um hier den Winter zu verbringen.

Die Vögel selbst sind gegen Kälte gut gewappnet. Die Daunenfedern halten die Tiere warm und legen sich wie einen «Daunenschlafsack» um den Körper des Tieres, erklärt Michael Schaad.

«Im Winter ist nicht die Kälte das Problem. Probleme kriegen die Vögel dann, wenn sie zu wenig Nahrung finden», so Schaad. Gefrieren bei uns dennoch Gewässer ein, sind die Tiere gezwungen, weiter in Richtung Süden zu fliegen. Vögel seien flexibel und könnten auch mitten im Winter weiterziehen. Der Biologe macht sich jedoch keine Sorgen, da eine Woche mit frostigen Temperaturen nicht ausreichen dürfte, lokale Gewässer vollständig einzufrieren.

Eisige Temperaturen – eine Gefahr für unsere Wasservögel?

Eisige Temperaturen – eine Gefahr für unsere Wasservögel?

(Bild: ida)

Blockade am Bahnhof Luzern – witterungsbedingt?

Am Montagmorgen kurz vor 8 Uhr blockierte ein Zug der BLS die Ein- und Ausfahrt in den Bahnhof Luzern, weshalb es auch zu zahlreichen Verspätungen der SBB-Züge gekommen ist (zentralplus berichtete).

Grund für die Blockade war eine «normale Fahrzeugstörung», sagt Stefan Dauner, Mediensprecher der BLS. Die Ursache ist derzeit jedoch noch nicht geklärt. «Eine witterungsbedingte Ursache kann zum jetzigen Zeitpunkt weder ausgeschlossen, noch bestätigt werden.» Aufgrund der Kälte seien aber keine anderen Störungen entstanden.

Die SBB stelle ab Mitte Oktober bis Ende März einen Winterdienst ein. Rund 360 Mitarbeitende schweizweit sind für diesen Winterdienst und die Schneeräumung zuständig. Damit die Weichen nicht vereisen, werden sie beheizt. Rund 60 Prozent aller Weichen sind mit einer Heizung ausgestattet, erklärt Reto Schärli, Mediensprecher der SBB.

Züge werden in den Nächten an Heizanlagen angeschlossen, damit diese morgens für Reisende bereits vorgeheizt sind.

Bei der VBL und der Auto AG Rothenburg habe es aufgrund der Kälte keine speziellen Vorkommnisse gegeben.

Die Kälte: Fluch und Segen zugleich

Der 79-jährige Kurt Gasser aus Luzern ist schon seit früh Uhr morgens auf. Einen Spaziergang habe er unternommen. «Es ist doch gar nicht kalt», meint der gebürtige Walliser, der sich ganz andere Temperaturen gewohnt sei. Zur Demonstration zieht er sich seine Jacke aus und präsentiert seine nackten Arme darunter. «Ich könnte jetzt auch so durch die Gegend laufen», sagt er lachend. Er geniesse die Kälte, die Bise und Luzern zu eisigen Temperaturen – was ihn bewusst in die Kälte getrieben habe. «Das ist doch wunderschön», sagt Gasser strahlend und blickt über den Vierwaldstättersee.

Der 79-jährige Georg Pfister und der 74-jährige Lukas Amrhyn sind froh, dass sie Unterschlupf in der KKL Seebar gefunden haben. «Montag ist jeweils unser freier Tag», sagt Georg Pfister. Für die beiden Herren aus Weggis und Ruswil bedeuten Temperaturen unter dem Gefrierpunkt Museumsbesichtigungen. «Danach geht’s ins Museum Rosengart», freut sich Lukas Amrhyn.

Lukas Amrhyn und Georg Pfister verbringen den frostigen Tag bei einer Tasse Cappuccino in der KKL Seebar und schlendern durch die Gänge des Museums Rosengart.

Lukas Amrhyn und Georg Pfister verbringen den frostigen Tag bei einer Tasse Cappuccino in der KKL Seebar und schlendern durch die Gänge des Museums Rosengart.

(Bild: ida)

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