Gesellschaft
Das erlebt ein Luzerner Pfleger in seinem Alltag

«Es heisst: Als ‹richtiger› Mann musst du das aushalten können»

Derzeit klagen Pflegefachkräfte auf Twitter über üble Erfahrungen. (Bild: Symbolbild: Adobe Stock)

Unter dem Hashtag #RespectNurses berichten derzeit Pflegefachkräfte auf Twitter von üblen Erfahrungen bei ihrer Arbeit. Auch zwei Luzerner Pflegefachfrauen erzählten von anzüglichen Bemerkungen und Grapschern. Wir haben nun bei einem Pfleger nachgefragt.

«Seine eine Hand war schnell im Schritt oder an der Brust.» Das sagte eine Luzerner Pflegefachfrau, die uns von ihren Erlebnissen erzählte (zentralplus berichtete).

Nach wie vor berichten Hunderte von Pflegefachkräften unter dem Hashtag #RespectNurses aus ihrem Arbeitsalltag. Von herablassenden Sprüchen, sexueller Belästigung, Übergriffen. Und in einem Kommentar hiess es zu Recht: «Nicht nur Frauen!»

Christopher arbeitet in einem Luzerner Krankenhaus und will lieber anonym bleiben. Er hat schon viele Sprüche gehört. Ob er schwul sei, dass er gelernter Pflegefachmann sei. Oder ob er diesen «typischen Frauenberuf» gewählt habe, um viele Frauen kennenzulernen. Ob es fürs Medizinstudium nicht gereicht habe. Und der Klassiker in der Branche: «Du machst ja nichts anderes als die Gesässe von anderen putzen.»

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Die Frau, die Pflegerin, der Mann, der Arzt?

Doch es gibt auch ganz andere Situationen. Christopher sagt: «Viele halten mich für einen Arzt, nur weil ich ein Mann bin.» Er habe schon einige Male sagen müssen, dass er keine medizinischen Entscheidungen treffen könne. «Es ist erschreckend, wie viele Patienten der Meinung sind, dass es sich bei Frauen um Pflegerinnen handelt und bei den Männern um Ärzte.»

Klar, wenn es um sexuelle Belästigung gehe, seien seine Kolleginnen auf der Station mehr betroffen als er, sagt Christopher. «Aber wenn du als Mann beleidigst wird, heisst es von anderen schnell: Als ‹richtiger› Mann musst du das ja aushalten können.»

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Eine andere Pflegefachkraft gewünscht

Doch nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Herkunft spielte bei seiner Arbeit bereits eine Rolle. «Es kam schon vor, dass ein Patient von mir nicht gepflegt werden wollte», erzählt Christopher. Der Patient habe ihn nicht mal begrüsst, nur kurz angeschaut und dann gemurrt, dass jemand anderes kommen soll.

Christopher glaubt, dass das wegen seiner ausländischen Herkunft war. Auf Diskussionen lasse er sich nicht ein, wie er uns mit ruhiger Stimme erklärt. «Wenn es sich nicht um einen Notfall handelt, sage ich dem Patienten ruhig, dass sich jemand anderes um ihn kümmern wird. Und dass wir zuerst entsprechend umdisponieren müssen.»

Andere Sprüche kann Christopher auch gar nicht so richtig einordnen. Etwa, wenn ihm eine ältere Patientin sagt, dass sie gerne von einem jungen Mann wie ihm gepflegt werde. Gut gemeint, aber unpassend: «Ich bin für ihre Gesundheit da und nicht für ihren Spass», habe er daraufhin erwidert.

Die Sprüche prallen nicht ab

Beleidigungen und Abweisungen treffen Christopher. Sie haben es in sich. «Blöde Sprüche tun mir weh – aber sie gehören leider Gottes dazu.» Christopher sagt, dass er sich weder als männlicher Pfleger noch als Mensch beschimpfen lassen müsse oder jemand ihm das Gefühl geben muss, sich wegen seines Berufes wertloser als andere zu fühlen.

«Ich mache meinen Beruf gerne und habe mich bewusst dafür entschieden, Pflegefachmann zu werden», sagt Christopher. Sein Beruf sei geprägt von einem schlechten Image. «Wenn man sagt, man sei Pflegefachkraft, haben viele gleich das Bild einer barmherzigen Krankenschwester vor Augen.»

Auch wenn die Mehrheit der Patientinnen und Patienten dankbar sei: Meistens ist es dieser kleine Prozentsatz, der es ausmacht.

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