Gesellschaft
Luzerner Polizist über das Rotlichtmilieu

«Es braucht enorm viel, bis Prostituierte den Druck nicht mehr aushalten»

Arbeitet seit 14 Jahren im Bereich Sexualdelikte: Simon Steger, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei. (Bild: ida)

Ein neues Buch gibt Einblicke in die Welt der Prostituierten in der Schweiz. Darin kommt auch Simon Steger, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei, vor. Im Interview sagt er, ob die Prostituierten in Luzern freiwillig hier sind – und was hinter dem Prostituiertenmord von 2014 steckt.

Er sieht nicht aus wie ein typischer Polizist. Erscheint auch nicht in Uniform, sondern lässig gekleidet in Jeans und Pullover zum persönlichen Gespräch. Simon Steger, 44-jährig, Chef der Fachgruppe Sexualdelikte der Luzerner Kriminalpolizei.

Bereits im Lift hinauf zum Sitzungszimmer sind wir beim Du. Steger hat viel zu erzählen. Spannendes. Tragisches. Davon erzählte er bereits ein wenig im Buch «Piff, Paff, Puff – Prostitution in der Schweiz» der Journalistin Aline Wüst. Über zwei Jahre hat Aline Wüst den Frauen im Rotlichtmilieu gewidmet, mit über 100 Prostituierten gesprochen, «Puffmüttern», Freiern und Experten. Auf ihren Reisen nach Kolumbien, Äthiopien und Senegal begegnete sie Prostituierten. Und sie wollte verstehen.

Simon Steger arbeitet seit 14 Jahren im Bereich Sexualdelikte. Mit seinem elfköpfigen Team (vier Mitarbeiter sind zusätzlich spezialisiert auf Menschenhandel) macht er Präventionsarbeit und Aufklärungen im Milieu. Er spricht mit Frauen, um herauszufinden, welche von ihnen freiwillig hier sind und welche möglicherweise Opfer von Menschenhandel sein könnten.

zentralplus: Simon Steger, im Buch von Aline Wüst sagt die Zürcher Puffmutter Anna, dass hinter fast jeder Prostituierten ein Mann stehe, der profitiert. Sei das ein Freund, ein Zuhälter oder ein Clan. Teilen Sie diese Einschätzung?

Simon Steger: Die Frage ist nicht, ob in erster Linie Männer die Nutzniesser der Prostitution sind, sondern wer im Sexmilieu am Ende nicht profitiert. Hinter einem Bordell steht ein ganzer Wirtschaftszweig. Es ist der Freier, der profitiert, indem er seine Lust befriedigen kann. Es ist der Immobilienvermieter, der den Frauen zumeist zu überrissenen Preisen Zimmer oder Wohnungen vermietet. Es ist eine Familie, die im Guten profitieren kann, wenn mit dem Geld ihrer Tochter – erworben als Prostituierte – im Herkunftsland ihre eigene Existenz gesichert wird.

zentralplus: Im Buch kommt praktisch keine Frau vor, die nicht an der Arbeit leidet oder glücklich ist. Dennoch gibt es Prostituierte, die sagen, dass sie sich für diesen Weg entschieden haben. Was meinen Sie: Gibt es bei uns Frauen, die ihren Körper freiwillig für Geld anbieten?

Steger: Herauszufinden, wann Prostitution Zwang ist und wann es eine freiwillige Entscheidung ist, ist immer sehr schwierig. Was heisst schon freiwillig? Wenn der Partner einer Frau sagt, sie könne doch anschaffen gehen, damit sie mehr Geld hätten? Ist es dann freiwillig, wenn sie sich aus Liebe prostituieren lässt? Ist es freiwillig, wenn der Druck von zu Hause so gross ist, weil eine Frau vielleicht das einzige gesunde Kind in der Familie ist, und sie so die tägliche Nahrung und damit die Existenz der Familie sichern könnte? Ganz freiwillig ist ein solcher Entscheid wohl nicht, da er meistens aus der Not entstanden ist.

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Am 23. Oktober liest Aline Wüst im Pool des Neubads aus ihrem Buch «Piff, Paff, Puff. Prostitution in der Schweiz». Anschliessend findet eine Diskussion mit Simon Steger statt. Start ist um 20:30 Uhr, Eintritt kostet 15.- beziehungsweise 25.- Franken.

zentralplus: Sie betreiben mit ihrem Team Aufklärungen im Milieu. Dafür ist es wichtig, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Wie gehen Sie dabei vor?

Steger: Eine der Hauptschwierigkeiten ist es, die Opfer zu erkennen. Die Frauen müssen verstehen, was unser Ziel ist, dass wir hier sind, um Menschenhandel zu bekämpfen und ihnen damit zu helfen. Dass sie uns etwas anvertrauen können und wir mit diesen Aussagen angemessen umgehen, ohne die Frauen zusätzlichen Gefahren auszuliefern. Die Polizei hat verschiedene Aufgaben im Milieu. Es sind die repressiven Kontrollen – also unter anderem das Kontrollieren der Pässe und Bewilligungen und herauszufinden, ob sich die Frauen an die Gesetze halten. Das trennen wir bei uns strikt. Uniformierte Polizisten sind im Gegensatz zu uns grösstenteils für die repressiven Kontrollen verantwortlich.

zentralplus: Also geht ihr mit den Frauen eine Tasse Tee trinken?

Steger: Nein, das nicht. Wir wahren eine bestimmte Distanz. Ansonsten wären wir in einem möglichen Strafverfahren angreifbar. Wir sind eine Strafverfolgungsbehörde, unser Ziel ist die Wahrheitsfindung. Dennoch braucht es gegenüber den Frauen eine sehr hohe Empathie. Wir nehmen uns Zeit für sie, hören ihnen zu und reden mit ihnen. Das braucht Zeit und nicht selten auch Sinnvermittlung.

«Bis sich Prostituierte selber als Opfer sehen, bis sie den Druck nicht mehr aushalten, braucht es enorm viel.»

zentralplus: Was meinen Sie mit «Sinnvermittlung»?

Steger: Es ist ja nicht so, dass eine Frau aufstreckt und sagt: «Ich bin ein Opfer von Menschenhandel.» Opfer zu identifizieren und Beweise zu finden ist mit sehr grossem Aufwand verbunden und mit viel Ermittlungsarbeit. Das sind komplexe Verfahren, die Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Zudem ist es den meisten Prostituierten gar nicht bewusst, dass sie Opfer sind. Sie stellen es beispielsweise nicht infrage, dass es nicht normal ist, Schulden für eine Reise von Thailand in die Schweiz von 30'000 Franken abbezahlen zu müssen. Bis sich Prostituierte selber als Opfer sehen, bis sie den Druck nicht mehr aushalten, braucht es enorm viel.

zentralplus: Wie geht's den Frauen, denen Sie begegnen?

Steger: Die Frauen, mit denen ich über längere Zeit Kontakt hatte, die Opfer von Menschenhandel waren, waren regelmässig schwerst traumatisiert. Sie tragen einen entsprechenden Leidensrucksack mit sich, vielfach seit Kindes- oder Jugendalter an. Einige sind in einem Heim aufgewachsen, mit 14 Jahren mit Prostitution und Drogen in Kontakt gekommen. Ihnen fehlt soziale Nähe, ein soziales Umfeld. Sie haben kein Urvertrauen in die Menschen. Viele sind psychisch sehr auffällig und ambivalent in ihrem Verhalten, schalten komplett auf Überlebensmodus. Ihr Ziel ist es, durch den heutigen Tag zu kommen, morgen sehen sie dann weiter. In einem Strafverfahren ist die Zusammenarbeit mit ihnen schwierig. Sie können an einem Tag Aussagen machen und tags darauf blocken sie völlig ab, weil sie das Gefühl haben, dass auch du gegen sie bist.

«Meistens schütteln die Frauen ihre Köpfe und lachen sogar. Aber das ist auch okay.»

zentralplus: Wie reagieren die Frauen, wenn Sie aufkreuzen?

Steger: Das ist ganz unterschiedlich. Wir arbeiten mit Karten und Texten in verschiedenen Sprachen. Auf diesen stehen Fragen, welche die Frauen mit Nicken oder Kopfschütteln beantworten können. Beispielsweise, ob sie freiwillig hier sind, sie ihr Geld behalten können, ob sie bedroht werden, und so weiter. Meistens schütteln die Frauen ihre Köpfe und lachen sogar. Aber das ist auch okay. Zumindest wissen sie dann, dass es uns gibt und wir ihnen helfen wollen. Wir geben Infobroschüren und Visitenkarten ab. Wenn wir ein mulmiges Bauchgefühl haben, Hinweise oder Indizien, dass eine Frau Opfer von Menschenhandel sein könnte, lassen wir natürlich so schnell nicht locker.

zentralplus: Gibt es einen Fall, der Ihnen besonders nahe gegangen ist?

Steger: Das ist sicherlich ein Strafverfahren, in dem wir zwei Opfer identifiziert haben, die auch entsprechende Aussagen machten. Beide Opfer hatten je einen Zuhälter. Die Männer waren miteinander verwandt. Diese wiederum hatten zwei sogenannte Capo-Frauen, also Aufpasserinnen, vor Ort. Die eine Capo-Frau wurde Opfer eines Tötungsdelikts.

zentralplus: War das die Bulgarin, deren Leichnam man 2014 aus dem Vierwaldtstättersee gezogen hat?

Steger: Genau. Beide Capo-Frauen sind in der Zwischenzeit verstorben. Die zweite soll in Bulgarien an einer Krankheit verstorben sein.

«Zwei Frauen sind tot, die beiden anderen haben wenig Perspektive, die Zuhälter sind auf freiem Fuss.»

zentralplus: Wie ging es mit den beiden Prostituierten weiter, die Opfer von Menschenhandel waren?

Steger: Das eine Opfer ging danach zurück in sein Heimatland und war primär in psychiatrischen Institutionen. Das letzte, was ich gehört habe, ist, dass die Frau die Institution verlassen hat – aber man weiss nicht, wohin. Ob das ein Happy End gab, wage ich zu bezweifeln. Das andere Opfer ist noch in der Schweiz. Mindestens drei Klinikaufenthalte in Psychiatrien hat es bereits hinter sich. Auch diese Frau ist von einem Happy End weit entfernt. Zwei Frauen sind tot, die beiden anderen haben wenig Perspektive, die Zuhälter sind auf freiem Fuss.

zentralplus: Das klingt nicht gerade befriedigend.

Steger: Wir machen nur Symptom- und keine Ursachenbekämpfung. Wir können das ganze Phänomen von Menschenhandel und Förderung zur Prostitution nicht bekämpfen, sodass es gar nicht mehr existiert. Primär wollen wir Opfern helfen, sie aus einer Zwangssituation holen. Und möglichst viele Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen. Das sollte eine Signalwirkung geben und führt dann hoffentlich dazu, dass dies sich bei potenziellen Zuhältern recht schnell herumspricht, dass der Kanton Luzern ein hartes Pflaster ist.

zentralplus: Wie funktioniert das System mit den Capo-Frauen konkret?

Steger: Capo-Frauen sind selber Prostituierte und Bindeglied zwischen Zuhältern und anderen Prostituierten. Sie sind in einer Doppelrolle, denn sie sind Täterin und Opfer zugleich. Sie sind zwar in der Hierarchie höher gestellt als andere Prostituierte, stehen aber genauso unter dem Druck der Zuhälter. Sie machen sich meistens wegen Beihilfe zu Menschenhandel strafbar. Das System mit den Capo-Frauen hat sich etabliert, zumindest im osteuropäischen Menschenhandel.

zentralplus: Warum gab es in den beiden letzten Jahren in Luzern keine einzige Verurteilung im Bereich Menschenhandel?

Steger: Das hat zum einen damit zu tun, dass wir in diesem Bereich in den letzten Jahren nicht proaktiv tätig waren. Es fehlten auch die Ressourcen dazu. Bei der Fachgruppe Sexualdelikte arbeiten 11 Personen zu 960 Stellenprozenten. Der Schwerpunkt liegt auf Sexualdelikten – also Vergewaltigungen, sexuelle Handlungen mit Kindern, Pornografie, Schändung und so weiter. Das ist unser Tagesgeschäft. Menschenhandel und Milieuaufklärung sind eine Nebencharge, um die wir uns zusätzlich kümmern müssen. Das ist in den meisten Fällen mit hohem Ermittlungsaufwand verbunden. Das zweite Problem war eine Gesetzeslücke, die es der Polizei nicht erlaubte, Bordelle ohne konkreten Verdachtsmoment zu kontrollieren.

«Es motiviert mich, weil ich weiss: Ich arbeite auf der richtigen, auf der guten Seite.»

zentralplus: Sie sagen, sie haben zu wenig Ressourcen. Wer nicht sucht, der findet auch nichts. Als wie fatal schätzen Sie die knappen Ressourcen für die Ermittlungen im Bereich der Prostitution ein?

Steger: In den Jahren 2008 und 2009 haben wir intensiv mit der Milieuaufklärung und Ermittlungen im Bereich Menschenhandel begonnen und nach kurzer Zeit entsprechende Strafverfahren anheben können. Dadurch hatten wir auch höhere Fallzahlen. Es zeigte: Wenn wir proaktiv mit dem entsprechenden Aufwand suchen, finden wir auch Opfer von Menschenhandel. Wie Sie richtig feststellen, ist es eine Frage der Ressourcen und der Prioritäten. Da wir beim aktuellen Tagesgeschäft, den Sexualdelikten, nicht zurückstellen können, müssen wir da die Bearbeitung von Fällen aufschieben, in welchen sich niemand als Opfer outet. Das ist sicherlich nicht sehr befriedigend für uns.

zentralplus: Sie sind tagtäglich mit Vergewaltigungen, Kinderpornografie, Schändungen und Menschenhandel konfrontiert. Müssen Bildmaterial sichten und kategorisieren, mit Opfern und Tätern reden. Gibt es überhaupt so etwas wie schöne Momente in Ihrem Beruf?

Steger: Ufff. (Er überlegt. Lange.) Es sind Ermittlungserfolge, die mich freuen und die mich motivieren. Wenn wir Verdächtige im Visier hatten und endlich Beweise gegen sie in der Hand haben. Wenn wir Opfern, egal ob bei Sexualdelikten oder Menschenhandel, helfen können. Sicherlich gehen auch mir Fälle nahe. Gerade bei Delikten mit Kindern brauche ich ein, zwei Tage mehr. Meine Gedanken können sich auch nachts im Bett um eine bevorstehende Festnahme oder Razzia drehen.

zentralplus: Was spornt Sie an?

Steger: Es motiviert mich, denn ich weiss: Ich arbeite auf der richtigen, auf der guten Seite. Ich probiere, den Schwächeren in der Gesellschaft zu helfen.

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