Tiere geben ihm Halt

Er tötete mit 13 Jahren: So lebt Fabio mit seiner Vergangenheit

Fabio mit seiner Lieblingskatze «Psycho». (Bild: ida)

Es war im Mai 2005, als Fabio – damals 13-jährig – ein 15-jähriges Mädchen tötete. Seit eineinhalb Jahren ist er auf freiem Fuss. Dass er jemals freikommen würde, hätten viele nicht gedacht.

«Biiip-biiip-biiip!», Fabio steht vor dem Kükenstall – oder dem Kindergarten, wie er ihn nennt. Die Bibeli, deren Flaumfedern vom roten Licht der Infrarotlampe umhüllt sind, piepen. «Die Küken müssen noch wachsen, bis sie in die Schule dürfen», sagt Fabio.

Mit der Schule, damit meint er den Hühnerkäfig nebenan. «Die haben nur Flausen im Kopf.» Bis er erkennt, dass es ein Huhn auf ein bestimmtes Küken abgesehen hat. Das Huhn läuft, pickt immer wieder mit seinem spitzen Schnabel in das Küken vor ihm. Dieses rennt davon. «Das kann ich nicht zulassen», sagt Fabio. Er öffnet das Gatter und fasst behutsam, aber bestimmt, ins Innere, um das Küken mit seinen kräftigen Händen zu fangen. Es kommt in den Kindergarten. Hier bleibt es von pickenden Schnäbeln verschont.

Das Küken bleibt im Kindergarten. (Bild: ida)

2005 tötete der damals 13-Jährige eine 15-Jährige im Heim

Was uns hier hin, auf diesem Hof irgendwo im Entlebuch, führt: ein Brief. Ein Brief, den Fabio vor rund zehn Jahren im Gefängnis von einem ehemaligen zentralplus-Journalisten erhalten hat. Diesen einen Brief habe er beim Aufräumen des Estrichs in einem Korb voller Post gefunden – und nachgefragt, ob seine Geschichte auch heute noch spannend sei. Ist sie.

Nichts deutet beim Besuch von zentralplus an diesem sonnigen Apriltag darauf hin, was im Mai 2005 geschah. Fabio war 13 Jahre alt, als er in einem Jugendheim im thurgauischen Güttingen eine 15-jährige Mitbewohnerin tötete. Mit 23 Messerstichen. Im Mai 2006 sprach ihn das Jugendgericht Entlebuch «schuldig der vorsätzlichen Tötung» und wies ihn in ein Erziehungsheim ein.

Dass Fabio auf dem Hof im Entlebuch, wo auch seine Mutter wohnt, zu Besuch ist, ist nicht selbstverständlich. Seit rund 1,5 Jahren ist er nicht mehr umgeben von Gefängnismauern. Zuletzt war er im Hochsicherheitstrakt II der Justizvollzugsanstalt Lenzburg untergebracht. 24 Stunden am Tag verbrachte er für gewöhnlich in seinem «Zimmer», seiner Zelle, wie er gegenüber zentralplus im Jahr 2013 erzählte.

Dass er jemals wieder freikommen würde, hätten viele nicht gedacht. «Er hat mit 13 Jahren, schon als Kind, die Essenz des Lebens, seine Freiheit, verloren. Vielleicht für immer», schrieb SRF vor einigen Jahren.

Er kann sich selbst nicht verzeihen

Wie er selbst die Tat in Erinnerung hat? «Heftig. Blutig. Unfair», sagt Fabio, als wir uns ins Haus seiner Mutter, direkt neben dem Stall, in ein Zimmer setzen. «Das, was ich getan habe, kann ich mir selbst nicht verzeihen.» Er glaube an Gott. «Ich könnte mich von jeder anderen Sünde befreien, aber nicht von dieser Tat. Das kann ich erst, wenn ich sterbe. Vermutlich nicht mal dann.»

Er denke auch heute noch an das Mädchen, das Floristin werden wollte. Kontakt mit den Hinterbliebenen habe er jedoch nicht aufgenommen. Seine Tat will Fabio nicht schönreden. «Ich bin schuld», sagt der heute 32-jährige Mann. «Meine Tat war kaltblütig.»

Fabio spricht ruhig, mit Urnerdialekt – Details über die Tat lässt er aus. Er sagt jedoch auch: «Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass man die Tat hätte verhindern können. Wenn man hin- und nicht weggesehen hätte.»

Psychiater warnte: «Ohne Therapie muss man damit rechnen, dass etwas passiert»

Hinsehen: Damit meint Fabio einige Details, Fehler, die geschehen sind. So teilte der Kanton Thurgau mit, dass gemäss Gutachter weder Fabio noch das Mädchen in dem Jugendheim hätten platziert werden dürfen. Insbesondere Fabio hätte aufgrund «seiner ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmale eine sehr intensive und qualifizierte Betreuung benötigt».

Die «NZZ am Sonntag» berichtete 2006, dass Fabio schon vor der Tat jahrelang in psychiatrischer Behandlung war. Im Februar 2005 brach sein Psychiater die Therapie ab. Drei Monate, bevor Fabio tötete. Der Psychiater habe sich in mehreren Briefen an die Vormundschaftsbehörde von Entlebuch gewendet. Diese habe es versäumt, bei der IV die Kostengutsprache für die Therapie abzurufen. Nach einem Jahr sei die Geduld des Psychiaters aufgebraucht gewesen. Er stoppte die Therapie. Und warnte: «Fabio ist impulsiv. Ohne Therapie muss man damit rechnen, dass etwas passiert.»

«Ich hätte Hilfe gebraucht – auch wenn ich das damals nicht wusste.»

Die Tat erschütterte damals die Schweiz. Wie die Medien berichteten, ging der Tat ein zwei Jahre langer Konflikt voraus. Das Mädchen habe Fabio zwei Jahre lang geärgert, ihn immer wieder «klein, dick und dumm» genannt. Fabio, damals schnell reizbar und aggressiv, wuchs in einem familiär schwierigen Umfeld auf. Sein Stiefvater sei gewalttätig gewesen, auch dem Alkohol nicht abgeneigt. Fabio selbst wurde jahrelang von Heim zu Heim geschoben.

Fabio sagt heute selbst: «Ich hätte Hilfe gebraucht – auch wenn ich das damals nicht wusste.» Mehrmals habe er gesagt, dass er nicht wieder in dieses Heim in Güttingen zurückmöchte.

Nach der Tat wurde dieses 2006 geschlossen, auf Anordnung des Kantons. Dieser hielt fest: Das Heim besass keine ausgebildeten Fachkräfte, um die Jugendlichen zu betreuen. Die Heimleiterin ging einem 70-Prozent-Job ausserhalb des Heimes nach und konnte insbesondere tagsüber die Betreuung nicht wahrnehmen.

Die Jugend im Heim

Seine Kindheit hat Fabio soweit gut in Erinnerung: Aufgewachsen im Kanton Uri, wandern, im Urnersee baden, Wildheuen, beim Alpauf- und -abzug helfen.

Nach der Tat verbrachte er den grössten Teil seiner Jugend im Jugendheim Aarburg. Später wurde er mehrmals in verschiedene Bezirksgefängnisse verlegt, zuletzt in den Sicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Lenzburg.

Das bereitete der Justiz Kopfzerbrechen. Das Problem: Wo sollen schwerkranke und gefährliche Personen untergebracht werden, die strafrechtlich gar nicht verurteilt sind? Zum Zeitpunkt der Tat war Fabio 13 Jahre alt, für ihn galt das Jugendstrafrecht. Deswegen wurde er bei seiner Verurteilung in ein Jugendheim eingewiesen.

Nachdem die vom Jugendgericht angeordneten Massnahmen nicht mehr galten, blieb Fabio im Gefängnis – im Rahmen einer fürsorgerischen Unterbringung, welche die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde angeordnet hatte. Wegen seiner Persönlichkeitsstörungen hätte Fabio in eine geschlossene psychiatrische Klinik kommen sollen – diese wollten ihn aber nicht, weil er zu gefährlich gewesen sei.

Heute arbeitet Fabio als Gemüsebauer

Im Rahmen der fürsorgerischen Unterbringung wurde Fabio vor rund drei Jahren in eine Heim- und Wiedereingliederungsstätte im Berner Seeland verlegt. In dieser werden Personen mit psychischen und sozialen Problemen betreut und Arbeitsplätze angeboten.

«Vermutlich wäre ich immer noch im Hochsicherheitstrakt, wenn sich mein Anwalt nicht eingeschaltet hätte. Jemanden einsperren, Schlüssel wegwerfen – das ist schliesslich am günstigsten», sagt Fabio.

Heute arbeitet er im Gemüsebau dieser Institution. Er zeigt Bilder auf seinem Smartphone, wie er Traktor fährt, Lauch in den Boden setzt und Chicorée, Kartoffeln und Nüsslisalat erntet. Er füttert die Zwerggeissen, Kühe und Gänse. Fabio geht auch heute zur Therapie und nimmt Psychopharmaka.

Vor rund 1,5 Jahren sei die fürsorgerische Unterbringung aufgehoben worden – seither ist Fabio frei. Mit 30 Jahren. Eigentlich hätte er bereits mit seinem 20. Lebensjahr seine Strafe abgessesen. Hätte.

«Jeder hat eine zweite Chance verdient»

Ob er seine Strafe fair fand? Ja, antwortet Fabio prompt. Auch wenn er damals nicht habe verstehen können, weswegen er immer noch weggesperrt wurde, in die Zelle, nachdem er seine Strafe abgessen hat.

Aber über die politische Diskussion, Jugendliche verwahren zu können, kann er nur den Kopf schütteln. So hat das Parlament in diesem Jahr beschlossen: Begeht in der Schweiz jemand im Jugendalter zwischen 16 und 18 Jahren einen Mord, kann er als letztes Mittel verwahrt werden. Der Täter wird weggeschlossen, wenn er noch als gefährlich gilt. Jugendanwälte warnen, dass die Verwahrung jugendlicher Straftäter kontraproduktiv sein könne.

«Wenn man so lange im Gefängnis ist, ist man an diese vier Wände, innerhalb der Gefängnismauern, gewöhnt. Dann ist die Welt hier draussen viel zu gross.»

Fabio findet, dass man jeden Fall individuell anschauen müsse. Er sagt aber auch: «Jeder hat eine zweite Chance verdient – sofern er sich bemüht und anständig ist. Ich musste für meine Tat büssen, ich gebe nun alles, zu Menschen gut zu sein.» Er wolle für andere da sein und ihnen helfen. Auch zuhause packe er an und führe Interessierte durch den Hof.

Das grosse Lernen

Nach seiner Freilassung musste Fabio viel lernen. Wie er selbständig durch den Alltag kommt, wie er kocht, Wäsche macht und putzt. «Wenn man so lange im Gefängnis ist, ist man an diese vier Wände, innerhalb der Gefängnismauern, gewöhnt. Dann ist die Welt hier draussen viel zu gross.»

Im Heim im Berner Oberland bleibt er vorerst. Sein Zuhause aber ist hier im Entlebuch. Schon vor fünf Jahren hat er ein Bild auf seinem Facebook-Profil geteilt. Darauf trägt Fabio sein Haar noch kürzer, Blumentöpfe hüten pinke und gelbe Primeli. Fabio blickt in die Kamera, lächelt, in seinen beiden Armen hält er ein weisses Huhn. «Ich bin zuhause», schreibt er dazu.

Lernen – das konnte Fabio auch von Tieren. Selbst innerhalb der Gefängnismauern. Im Rahmen einer tiergestützten Therapie lernte er, das Verhalten einer Berner Sennenhündin zu deuten, auf sie einzugehen, sie zu respektieren.

Fabio führt zum Schluss durch den Hof, wo rund 20 Katzen leben. Fabio kennt die Namen jedes Büsis. Sie heissen «Drü-Beindli», «Flauschi» und «Psycho». Letztere ist seine Lieblingskatze. «Es ist meine Katze, egal, was der Nachbar sagt», sagt er und lacht. Nur Sekunden später lässt ihn der Gedanke nicht mehr los, wo Katze «Ninja» ist.

Er sei schon immer gut mit Tieren ausgekommen. Er erzählt, wie ein unkastrierter Muni einmal ausgebüxt sei, er dem Muni auf das Hinterteil geklopft habe und ihn wieder in den Stall getrieben habe. «Ich habe mich gar nicht darauf geachtet, dass mir nichts passiert. Ich habe ihm und auch mir vertraut. So ist das mit Tieren. Es ist ein Nehmen und ein Geben.»

Vielleicht mag er die Tiere, weil sie Menschen vorbehaltlos begegnen. Etwas, was er sich mehr von Menschen wünscht. Viele würden Abstand halten, wenn sie erfahren, wo er war. «Langsam ist es für mich normal geworden. Ganz gewöhnen werde ich mich aber wohl nie daran.»

Fabio umgibt sich gerne mit Tieren. (Bild: ida)

Hinweis: Den Nachnamen von Fabio haben wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes weggelassen.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Fabio
  • Augenschein vor Ort
  • Artikel von zentralplus
  • Artikel in der «NZZ am Sonntag»
  • Artikel von SRF
  • Informationen des Kantons Thurgau zur Schliessung des Heims Lindeneck in Güttingen
  • Beitrag in der SRF-«Tagesschau» zur Verwahrung jugendlicher Straftäter
  • Beitrag von «SRF Einstein» zur tiergestützten Therapie
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