Gesellschaft
Glosse von der Luzerner «Ufschötti»

Ein gewöhnlicher Nachmittag auf dem Fleischberg

Auf der Luzerner «Ufschötti» legen sich Leiber an Leiber.

(Bild: jav)

Die Hitze lockt ans Wasser. Also so legt man sich in Luzern zwischen nasse Hunde und enthaarte Brustmuskeln, und atmet etwas Grillrauch – an der Ufschötti.

Hitze, Ächz, Tropf … Bewegen ist kaum noch möglich, denken schon gar nicht. «Ans Wasser!», ruft der Körper und der Geist bringt keinen besseren Vorschlag zu Stande, als sich auf den Luzerner Fleischberg zu schleppen – die Ufschötti.

Kaum angekommen zeigt sich das erste Problem: Wohin mit mir? Möchte man sich nicht unbedingt an die pralle Sonne zwischen die enthaarten, gegrillten Hühnerbrüste und die schlecht tätowierten, krebsroten Waden legen, wirds schwierig. Schattenplätze sind rares Gut und es fügt sich Badetuch an Badetuch.

Natürlich will man weder am überquellenden Abfalleimer mit Wespenplage liegen, noch in der Reichweite der jonglierenden Jugend, die tagtäglich die Mitte der Grünfläche für sich beansprucht. Man hat hier ja auch rundherum die meisten Zuschauer und leichte Beute für den Flirtfrisbee oder den Kontaktball. Wie in einer Arena wird hier posiert, geblufft und stolziert. Wer hat die hyperaktivsten Brustmuskeln, wer die kürzesten Badehöschen, wer am wenigsten Häärchen über der Gürtellinie?

Nur grillieren oder gleich einziehen?

Auch bei der Musikwahl wirds schwierig. Je nach Hügel variiert diese aber auch nur bedingt. Ein bisschen mehr Reggae, oder doch lieber vorwiegend Sambarythmen? Egal wofür man sich entscheidet – es wird sowieso untermalt von Rammstein und fetzigen Thai-Housebeats.

Mit Spielzeug, Luftmatratzen, Kinderwagen, Velo, Kühlkisten, Decken, und Essen für die nächste Naturkatastrophe haben sich die Familien eingerichtet. Eine Mutter hat das komplette Kinderzimmer mitgeschleift. Die Kleine interessiert sich gerade mehr für das nasse Badekleid der älteren Dame nebenan. Die Barbies liegen im Gras.

Um Beachtung kämpfen daneben die jungen, lebenden Versionen von Ken. Mit glatt glänzender Brust und unnatürlich abgespreizten Armen stolzieren sie zur Dusche.

Achtung Ball, Achtung Hund

Erstmal hinlegen und ein entspannen wäre das Ziel. Doch kaum liegt man, kommt der erste Ball geflogen. Wasser spritzt – ein Hund schüttelt sich genüsslich und wälzt sich gefährlich nahe beim Badetuch. Ein nasses Kleinkind rennt im Kreis, man wartet bis es fällt.

Selbstverständlich zieht auch der Rauch vom Grill der Nachbarsfamilie herüber. Falsch, es ist der Einweggrill der daneben biertrinkenden Gruppe von Schweizerkreuz-Hosenträger-Trägern. Und leider riecht es nicht nach Wurst und Steak, sondern nach verkohltem Nachbarshund.

Zwischen den Bäumen ist die Slackline Trend. Unermüdlich balancieren sie darauf und fallen davon. Mädchen mit Hennalocken flechten sich gegenseitig die Haare und Haarbüschel rollen an mir vorbei wie trockenes Gebüsch im wilden Westen. Wasser spritzt an die Beine – ein älterer Herr schüttelt sich, wälzen tut er sich zum Glück nicht.

Und natürlich sind auch reihenweise Exemplare der Mit-Scham-Umzieher und Ohne-Scham-Umzieher vor Ort. Die einen, die ein unheimlich komplexes, tänzerisches Versteckspiel mit Tüchern und Kleidungsstücken um ihre Hüften herum aufführen – gerne auch zu zweit, mit Hilfe von Partner oder Elternteil. Und die anderen, die dir ihre Weichteile schon fast ins Gesicht schwenken.

Tänzelnde Schlangen

Die Flucht in den See ist angesagt. Hier wird sich beim Hineinwaten in das kühle Nass gegenseitig solidarisch angegrinst. Kurz drin, schon scheint es doch recht warm, das Wasser. Entenflöhe – der Gedanke und ein Schwan treiben raus – weiter aufs WC. Im Wasser hatte es doch einige Leute zu viel, um ohne schlechtes Gewissen … nun ja. Die Schlange hier ist endlos, vor WC und Kiosk, die Gespräche einsilbig, die Kinder zappelig. Und zwischen all den halbnackten, wartenden, nassen und stämpfelnden Leibern sitzen, etwas befremdlich,  vollangezogene, stumpenrauchende Menschen an Festbänken. Der Anblick treibt den Schweiss aus den Drüsen. Der Körper ruft ans Wasser zurück.

Auf dem Weg beginnen zwei Jungs lautstark die Brüste sonnenbadender Badegäste zu kommentieren. Ein Hund schüttelt sich, viel zu nah, der Rauch –  … Ufschötti, wir lieben dich einewäg.

Info: Dieser Artikel ist bei zentralplus erstmals 2015 erschienen.

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