Gesellschaft
Das sagen Quartiere, Verbände und Parteien

Durchgangsbahnhof Luzern: Knatsch um den Autoverkehr

Ist das zentrale Projekt der Region- und Stadtentwicklung: Der Durchgangsbahnhof Luzern. (Bild: )

Der Durchgangsbahnhof ist der ultimative politische und gesellschaftliche Gradmesser für unsere Region. Trotz eines gemeinsamen Ziels prallen verschiedenste Visionen, Forderungen und Interessen aufeinander. Viele Diskussionen drehen sich um den Verkehr. Eine erste Übersicht.

Welches sind die Wünsche und Anregungen der verschiedenen Betroffenen und Interessengruppen? Dies wollte die Stadt Luzern in Erfahrung bringen und führte zwischen Februar und April verschiedene (Online-)Workshops für die Parteien, die Quartiervereine, die Verbände und ÖV-Unternehmen sowie die Wirtschaft und den Tourismus durch. Denn es ist klar: Um ein mehrheitsfähiges Projekt entwickeln zu können, müssen die unzähligen Einzelinteressen miteinbezogen werden. Am Montag wurden die Resultate auf der Website der Stadt veröffentlicht (zentralplus berichtete).

Wenig überraschend wird vor allem das Thema Verkehr und Erreichbarkeit in den kommenden Monaten und Jahren noch zu reden geben. Denn bereits nach der Präsentation der ersten Testplanung durch die Stadt gab es harsche Kritik, da der motorisierte Individualverkehr nicht genügend berücksichtigt worden sei. Die Stadt wird deshalb die Frage rund um die Autoparkierung gezielt prüfen lassen (zentralplus berichtete).

Inwiefern das Megaprojekt vorangetrieben werden kann und welche Lösungen am Schluss an der Urne mehrheitsfähig sind, wird also insbesondere bei diesem Thema entscheidend werden. zentralplus hat die wichtigsten Forderungen und Streitpunkte aus den verschiedenen Meetings zusammengetragen.

Die Quartiervereine und -kräfte

An je einem Workshop sass die Stadt mit Vertreterinnen der Quartiervereine und Organisationen wie der IG Stadtentwicklung, der katholischen Kirche, der Organisation «Luzern im Wandel», Luzern60plus und Pro Infirmis zusammen.

Es zeigt sich, dass das Thema «motorisierter Individualverkehr» (MIV) auch für die Quartiere zentral ist. Die Liste mit den Wünschen und Anregungen ist bei diesem Punkt am längsten. Und die Erwartungen gehen teils auseinander. So heisst es einerseits, dass «die Reduktion des MIV absolut wichtig» sei oder dass die Erreichbarkeit der Innenstadt nicht mehr mit allen Mitteln gewährleistet sein müsse.

Andererseits lautet eine Rückmeldung: «Das Ziel, den Bahnhofplatz zu entlasten, ist sicher richtig. Aber: Wir möchten auch mit dem Auto rasch mitten in der Stadt sein.» Ausserdem müsse auch das sogenannte Kiss&Ride möglich sein. Dies sieht vor, dass beispielsweise der Ehemann seine Frau an den Bahnhof bringt und wenige Minuten später wieder wegfährt. Weiter brauche es Platz für die Taxis. Diese sollten nicht durch die Quartiere fahren müssen.

«Mit Covid-19 hat das Auto wieder an Bedeutung gewonnen.»

Aussage eines Parteienvertreters

Am Workshop mit den Quartierkräften wie der IG Stadtentwicklung oder der Kirche wurde festgehalten, dass eine Befreiung vom Durchgangsverkehr zentral sei. Ebenfalls wird die angedachte Fokussierung auf den energie- und flächeneffizienten Verkehr sowie eine gewisse Reduktion des MIV im näheren Bahnhofsumfeld begrüsst. «Die Ergebnisse zeigen einen Paradigmenwechsel auf, welcher zu begrüssen ist, jedoch auch eine gewisse Portion Mut und Durchhaltewille benötigt», lautet eine Stellungnahme.

Die Parteien

Wenig überraschend sind sich betreffend Verkehr auch die Parteien nicht einig. Ausser der SVP waren alle am Workshop vertreten. «Aus Sicht des Kantons schottet sich die Stadt ab und will nur noch hübsche Plätze. Gerade die Ideen zur Zentralstrasse sind nicht gut angekommen. Es sollen Mehrheiten geschaffen werden», lautete ein Votum. Zur Erinnerung: Der Gestaltungsvorschlag eines Projektteams sieht vor, die Zentralstrasse autofrei zu machen und einen weiteren Bahnhofplatz zu realisieren. Folglich lautete eine weitere Aussage: «Der MIV wird aus der Stadt verdrängt; die Auswirkungen auf die Pilatusstrasse sind aufzuzeigen.»

Eine Stellungnahme geht hingegen in eine andere Richtung: «Der grösste Anteil am Verkehr macht der Freizeitverkehr aus. Man sucht dabei das bequemste Mittel, was nach wie vor das Auto ist. Wie kann man hier eine Veränderung erreichen?» Dem hielt ein anderes Votum entgegen, dass letztlich ein Angebot geschaffen werden sollte für etwas, wonach auch eine Nachfrage besteht. «Mit Covid-19 hat das Auto wieder an Bedeutung gewonnen», sagt etwa ein Parteivertreter. Ausserdem wurde betont, dass auch nicht mehr alle Busse zwingend zum Bahnhof fahren müssten. Es bestehe die Chance, die Busse durch S-Bahnen zu ersetzen, die in die Stadt geführt werden.

Eine generelle Meinungsverschiedenheit scheint auch bezüglich des Parkhauses P2 unter dem KKL zu bestehen. Während die einen betonen, dass das Parkhaus auch weiterhin von der Seebrücke kommend angefahren werden können muss, finden andere, dass es am falschen Ort steht und das städtebauliche Potenzial beim KKL ohne das Parkhaus viel grösser wäre. «Die Chance des Bahnhofsplatzes als attraktiven Aufenthaltsraum darf nicht verspielt werden», lautet eine Meinung.

So könnte der neue Bahnhofplatz bei der Zentralstrasse aussehen. Dazu wäre ein Rückbau der Gleise 1 und 2 nötig. (Visualisierung: Team Güller Güller, Atelier Brunecky, Zürich) (Bild: )

Verbände und Mobilitätsunternehmen

Aufgrund der Tragweite des Megaprojekts und der Auswirkungen auf die Mobilität wurde auch ein Workshop mit verschiedenen Mobilitätsunternehmen durchgeführt. Dabei waren unter anderem der TCS, der VCS, Flixbus, Postauto, die BLS, Probahn, ProVelo, die Auto AG Rothenburg oder die SGV vertreten.

«Man darf keine Luftschlösser bauen.»

Votum eines Wirtschaftsvertreters

«Alle neuen Angebote bedeuten mehr Mobilität, das heisst, der Platz wird knapp. Die bestehende Fläche reicht nicht mehr für alle Bedürfnisse (...) Der Platz muss zugunsten flächeneffizienter Verkehrsmittel verteilt werden», lautet eine Aussage. Allerdings müssten zentrale Orte wie das KKL mit dem MIV erreichbar bleiben. Das Gleiche gelte für die Schiffe der SGV, denn nur 50 Prozent der Gäste kämen heute mit der Bahn. Aber: «Beispielsweise von Horw muss man nicht mit dem Auto an den Bahnhof Luzern kommen können. Hier kann man auf den ÖV umsteigen. Zu diesem Thema braucht es eine klare Haltung der Stadt Luzern.»

In einem anderen Votum wurde festgehalten: «Das Auto hat für gewisse Nutzungen seine Berechtigung. Dabei sind aber Sharing-Angebote wichtig.» Andernorts heisst es, dass die Idee einer autofreien Stadt für jede Stadt separat betrachtet werden müsse. Es könne gut sein, dass 2040 mehr Leute mit dem ÖV reisen werden. «Mobility bietet hier eine Ergänzung und kann Ersatz für das eigene Auto sein. Doch ganz ohne Auto wird es nicht gehen.» Auch an diesem Workshop wurde betont, dass nicht alle Buslinien am Bahnhof wenden müssten, sondern dass vielmehr Durchmesserlinien gefragt sind. «Eine Überprüfung des Liniennetzes tut ohnehin Not.»

Wirtschaft und Tourismus

Bei einem weiteren Anlass trafen sich Luzern Tourismus, Luzerner Hotels, die Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ), der Wirtschaftsverband Luzern, die Pilatus-Bahnen und Vertreter der kantonalen Wirtschaftsförderung.

Auch hier nahm sich ein Votant die Ideen an der Zentralstrasse vor: «Wo geht dieser Verkehr durch? Man darf keine Luftschlösser bauen.» Ein andere Aussage schloss an diesem Punkt an: «Wir arbeiten in einer gebauten Stadt. Aber Mobilität braucht Platz und es sind auch Parkplätze im Bahnhofbereich nötig.»

Andere Vertreter hielten fest, dass die Innenstadt und der Bahnhofbereich auch während der Bauphase erreichbar sein müssen. Das bedeute, dass es wohl einen Ersatz für die dortigen Parkhäuser braucht. Andere waren skeptisch, ob dies zum Beispiel mit Parkplätzen in Ebikon erreicht werden kann, wo man dann auf die S-Bahn umsteigt. «Die heutigen Nutzer sind zu bequem und wählen deshalb das Auto», lautete eine weitere Aussage. Es stelle sich deshalb die Frage, wie auch während des Baus des Durchgangsbahnhofs der Zugang zu den Parkhäusern in der Innenstadt gewährleistet werden kann.

Vonseiten des Tourismus wurde die «Gesamterreichbarkeit» hervorgehoben. «Man versucht nun für den Tourismus mit der neuen Tourismusvision ab 2030 eine gute Lösung zu finden. Aber dann beginnt die Bauphase für den Durchgangsbahnhof und darunter wird dann wieder der Tourismus leiden.» Grundsätzlich sei das Projekt für den Tourismus aber sehr wichtig.

Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.