Gesellschaft
Ausstellung der Luzerner Fachklasse Grafik

So fühlt es sich an, betatscht zu werden

Mit einem Beamer veranschaulichen Rebecca Meyer und Lorena Kälin sexistische Sprüche im Alltag. (Bild: Lorena Kälin)

«Tue ned so»: Rebecca Meyer und Lorena Kälin planten im Rahmen ihrer Diplomarbeit der Fachklasse Grafik eine Ausstellung zu Sexismus und sexueller Gewalt. Die ist zwar wegen Corona ausgefallen – doch das Thema wollen die beiden Luzernerinnen nicht unter den Teppich kehren.

Weisse Gummihandschuhe, gefüllt mit Styropor, dazwischen ein schmaler Gang. Wer durch diesen läuft, spürt rund 30 Hände an seinem Körper. An den Waden, Po, Brust und Kopf. Überall. Es soll zeigen, wie unangenehm es sich anfühlt, von jemanden betatscht zu werden. Dass jeder Grapscher einer zu viel ist.

Rund 30 Styroporhände sollen zeigen, wie sich Grapscher anfühlen. (Bild: Lorena Kälin) (Bild: )

«Tue ned so» – es sind Worte, welche Rebecca Meyer und Lorena Kälin oft gehört haben. Wenn ein Typ die beiden im Ausgang angetanzt hat, sie die Augen verdrehten oder Nein sagten. Oder wenn sie einen kurzen Rock trugen und jemand das Outfit als Einladung für einen dummen Anmachspruch oder einen Grapscher am Po missbrauchte. «Gerade was Sexismus im Alltag anbelangt: Bei uns wird das oft kleingeredet», findet Rebecca Meyer.

Deswegen haben Rebecca Meyer und Lorena Kälin ihre Diplomarbeit an der Fachklasse Grafik in Luzern dem Thema Sexismus und sexuelle Gewalt gewidmet. Sie planten eine Ausstellung. Eigentlich hätte diese Ende März stattfinden sollen – wäre die Corona-Krise nicht gewesen.

Viel Zeit investiert

Rund eineinhalb Wochen haben die beiden Luzernerinnen investiert, um die Ausstellung aufzubauen. Nun müssen sie diese wieder abbauen – ohne dass auch nur eine einzige Person die Ausstellung besuchen konnte. «Es tut weh, wir haben viel Energie reingesteckt, und es ist eine Sache, die uns am Herzen liegt», sagt Lorena Kälin. «Auch wenn wir nur bei einer Handvoll Menschen hätten etwas erreichen und bewegen können, hätte sich der Aufwand gelohnt.»

Doch aufgeben werden die beiden so schnell nicht. Ziel ist es, andere aufzurütteln. Das Thema nicht totzuschweigen. Und so hoffen sie, die Ausstellung doch noch auf anderen Wegen anderen zugänglich zu machen. Denn ein Besuch lohnt sich.

Dutzende Betroffene meldeten sich

Im ersten Teil der Ausstellung geht es um Sexismus im Alltag. Das Video «Be a Lady they said», das derzeit viral geht, wird gezeigt:

Rebecca Meyer und Lorena Kälin forderten mit einem Aufruf auf Instagram Frauen dazu auf, ihnen ihre Geschichten zu erzählen. Sie sammelten die Zitate von Betroffenen und wollten diese als Projektionen im Raum zeigen. Besuchende, die durch den Raum gelaufen wären, hätten die sexistischen Sprüche gesehen, die auf ihrem eigenen Körper oder auf anderen projiziert gewesen wären. Im zweiten Teil der Ausstellung geht es um sexuelle Belästigung, wo auch an verschiedenen Posten Erfahrungsberichte zu lesen sind.

Er betatschte sie, für ihn war klar: Falsch war das nicht

Beispielsweise erzählt eine Frau, dass sie als Kind vom Mann der Freundin ihrer Mutter beim Fernsehschauen begrapscht wurde. Er ihr mit der Hand unter ihr T-Shirt langte. Erst viel später, im Erwachsenenalter, habe sie realisiert, was da mit ihr passiert ist.

Dutzende Frauen haben sich bei Rebecca Meyer und Lorena Kälin gemeldet und von ihren Erfahrungen mit Sexismus und sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigung berichtet. (Bild: Lorena Kälin) (Bild: )

Eine andere junge Frau in den 20ern erzählt, dass sie sich mit einem Kollegen getroffen hat. Für sie war es ein Kollege, für ihn anscheinend mehr. Nachdem er sich an sie rangemacht hat, sie begann, anzufassen und sie aufforderte, dasselbe mit ihm zu machen, sei sie in eine Schockstarre gefallen. Erst nach einer Weile habe sie sich wehren können, ihn angeschrien, dass er das lassen soll und sie nach Hause will. Er habe darüber nie mehr ein Wort verloren. Er dachte, er habe nichts Falsches gemacht. Für sie war klar, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihm haben möchte.

Barbiepuppen, die an durchsichtigen Nylonfäden hängen. (Bild: Lorena Kälin) (Bild: )

Männer entschuldigten sich für andere Männer

All die Erfahrungsberichte zeigen: Vielen ist nicht bewusst, was mit ihnen passiert – und dass es passiert. Opfer realisieren nicht, dass das Verhalten anderer sexuelle Belästigung ist, Täter wiederum nicht, dass ihr Verhalten falsch ist.

Das zeigen auch zahlreiche Reaktionen, die Lorena und Rebecca bekamen. «Viele Männer schrieben uns, dass sie das nicht fassen können, sich dafür schämen und sich für das Verhalten anderer Männer entschuldigen möchten», sagt Lorena Kälin.

Doch es zeigt auch etwas ganz anderes: Es passiert hier und jetzt. «Und nicht irgendwo in einem Dorf im Wallis», so Lorena Kälin.

Die Barbiepuppen zeigen, wie ausgeliefert sich jemand fühlt, der vergewaltigt wird. (Bild: Lorena Kälin) (Bild: )

Eine Ausstellung, die flashen soll

Im letzten Teil der Ausstellung hängen rund 30 Barbiepuppen an durchsichtigen Nylonfäden. «Sie symbolisieren die Starre, die Ohnmacht, wenn ein Opfer vergewaltigt wird», erklärt Rebecca Meyer.

Mit ihrer Arbeit wollten Rebecca Meyer und Lorena Kälin Menschen aufrütteln. Täter wie Opfer. «Wir wollten nicht, dass andere uns als Feministinnen abstempeln, die mit Vorurteilen auf andere zeigen, sondern tiefer ins Thema gehen, Fakten und Erlebnisberichte liefern, ein Erlebnis bieten, dass andere flasht», sagt Rebecca Meyer.

«Man ist nicht alleine mit solchen Erfahrungen», betont Lorena Kälin. «Und man darf sich nicht alles gefallen lassen. Es ist nicht okay, wenn jemand sexuell belästigt wird – und auch wenn es oft vorkommt, darf es nicht zur Normalität werden», ergänzt Rebecca Meyer.

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