Gesellschaft
Vom afghanischen Flüchtling zum Facebook-Mentor

Deutsch lernen mit Mohammad

Mohammad Emamzai ist seit drei Jahren in der Schweiz. Mittlerweile hat er eine Lehrstelle und ein Zuhause. – Und eine Facebook-Gruppe mit rund 19'000 Mitgliedern.

(Bild: )

Mohammad Emamzai ist als 19-Jähriger allein von Afghanistan in die Schweiz gekommen. Nach drei Jahren hat er sich gut integriert und absolviert eine Bäckerlehre in Unterägeri. Damit aber nicht genug. Abends kümmert er sich um seine Facebook-Seite «Ich liebe Deutsch», mit der mittlerweile 19’000 Menschen ihr Deutsch aufpolieren.

Es ist 14 Uhr, Mohammad Emamzai hat gerade seinen zweistündigen Mittagsschlaf hinter sich. Als auszubildender Bäcker beginnt er jeweils um 4 Uhr zu arbeiten, der Schlaf am Mittag sei daher wichtig. Wir treffen uns im Café Brändle in Unterägeri, hier wohnt und arbeitet der 22-Jährige, der bald das erste von zwei Lehrjahren beendet. Wir bestellen beide einen Milchkaffee, und Mohammad erzählt. Etwa davon, wie er sich auf seinen Berufsabschluss freut. Denn er weiss: In der Schweiz leben, ohne eine Berufsausbildung zu haben, das geht nicht.

Als Analphabet in die Schweiz

Der junge Afghane ist vor drei Jahren allein in die Schweiz gekommen. Hat alles zurückgelassen. Seine Familie, seine Freunde, sein Dorf, in dem es bis heute kein Internet gibt. Gleichzeitig aber auch den Terror, der dort durch die Taliban verübt wird.

«Die Schweiz unterscheidet sich stark von Afghanistan. Dort herrscht Krieg und Unterdrückung, ich hatte überhaupt keine Freiheit», sagt er. Eine einfache Erklärung für einen sehr schwierigen Schritt.

«Ich konnte nicht einmal meine Unterschrift abgeben.»

Die Flucht in die Schweiz sei beschwerlich gewesen, erklärt er. Die Fluchtroute sei gefährlich gewesen, weil es damals keinen legalen Weg nach Europa gegeben habe. Und auch als er in der Schweiz angekommen war, seien die ersten Monate hart gewesen. Ohne soziale Kontakte, ohne Deutschkenntnisse, als Analphabet. «Ich konnte nicht einmal meine Unterschrift abgeben», erklärt er.

«Gerade heute habe ich im Radio gehört, dass reiche Ausländer, die hier wohnen, kein Deutsch sprechen müssen. Ich bin nicht Millionär. Ich muss Deutsch können», erklärt er und lacht. Und fügt dann hinzu: «Eine Sprache zu lernen nützt immer.»

Das Internet als Deutschlehrer

Das hat er damals schnell begriffen. Hat im Asylzentrum Steinhausen gemerkt, dass drei Stunden Deutschunterricht pro Woche bei Weitem nicht reichen, und hat selber angefangen zu pauken. Während drei Monaten hat er jeden Abend Buchstaben gebüffelt. Durch verschiedene Deutschkurse knüpfte er in der Schweiz Kontakte und fand Freunde. Solche, die ihm zeigten, wie das Internet funktioniert. «Im Netz habe ich am meisten Deutsch gelernt. Ein Freund erklärte mir zudem Facebook – ich kannte die Plattform vorher nicht – und eröffnete mir einen Account. Dort konnte ich mit verschiedenen Leuten chatten und Deutsch lernen.»

«Viele von ihnen denken tatsächlich, ich sei Sprachlehrer. Dabei lerne ich doch selber noch!»

Und weil er gemerkt hat, wie viele Leute Deutsch lernen wollen, hat er kurzerhand eine Facebook-Gruppe gegründet. «Dort poste ich fast täglich irgendeine Deutschaufgabe oder eine Grammatikregel, die ich im Internet gefunden habe», so Mohammad. Ein Konzept, das offenbar funktioniert. Nach nicht einmal zwei Jahren zählt die Gruppe «Ich liebe Deutsch» mehr als 19’000 Mitglieder. Die Resonanz ist gross. Viele User bedanken sich für die Beiträge oder schreiben ihre Antworten ins Kommentarfeld.

Die Resonanz auf der Seite «Ich liebe Deutsch» ist jeweils gross.

Die Resonanz auf der Seite «Ich liebe Deutsch» ist jeweils gross.

(Bild: Printscreen Facebook)

«Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Leute dafür interessieren. Viele von ihnen denken tatsächlich, ich sei Sprachlehrer. Dabei lerne ich doch selber noch!», sagt der junge Mann, und seine Augen leuchten. Das tun sie eigentlich immer, wenn er über das Deutschlernen oder die Schweiz redet.

Jeder braucht schliesslich Brot

Zu seiner Bäckerlehre kam Mohammad nach dem Besuch eines zweijährigen Integrationsbrückenangebots. «Eigentlich wollte ich etwas auf dem Bau machen», erklärt der Afghane. Das habe jedoch nicht geklappt, weil seine Geometriekenntnisse zu wenig gut gewesen seien, erklärt er. Dennoch hatte Mohammad vergleichsweise Glück. Nach nur 15 Bewerbungen fand er eine Lehrstelle beim Brändle. Und der Job gefällt ihm. «Ich muss nicht im Regen oder Schnee arbeiten, ausserdem braucht jeder Brot zum Leben. Der einzige Nachteil ist das frühe Aufstehen», sagt Mohammad, «aber man gewöhnt sich daran.»

«Wenn sich hier jemand eine Zukunft aufbauen möchte, dann kann er das.»

Überhaupt scheint Mohammad glücklich zu sein in der Schweiz. «Die Leute sind sehr freundlich hier und ich habe gute Möglichkeiten, Kurse und Schulen zu besuchen. Wenn sich hier jemand eine Zukunft aufbauen möchte, dann kann er das», ist er überzeugt. Der junge Afghane ist auf dem besten Weg dazu. «Nächstes Jahr mache ich meinen Lehrabschluss. Das ist sehr wichtig für mich. Ich muss nachweisen können, dass ich etwas kann.»

Der Milchkaffee ist ausgetrunken, es ist mittlerweile 15 Uhr. Was tut Mohammad nun mit dem Rest des Nachmittags? «Ich denke, ich gehe ins Fitness und nachher lerne ich Deutsch.» Mithilfe des Internets, versteht sich.

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