Gesellschaft
Was hinter dem Kuriosum von Sihlbrugg steckt

Der Zuger Wanderweg, der über Grabsteine führt

Mitunter ganze Grabsteine überschreiten Wanderer in Sihlbrugg. (Bild: wia)

Die Wanderstrecke in Richtung Sihlmätteli bietet eine Besonderheit, die in der Schweiz wohl einmalig ist: Der Weg führt über alte Grabsteine. zentralplus traf den Sohn jenes Mannes, der in den 80er-Jahren Schweiss und Blut vergoss, um der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen.

Ein idyllischer Pfad, der sich unter einem Blätterdach der Sihl entlang schlängelt. Obwohl der Wasserstand deutlich niedriger ist als die Wochen davor, sieht man noch Spuren von Stellen, die vor nicht allzu langer Zeit überschwemmt waren. «Unserem lieben Muetti Anna Bopp-Stutz, 1887-1958, in Dankbarkeit», liest man auf einem der Steine, die den Fussweg entlang der Sihl pflastern. Nur wenige Meter weiter folgt die nächste, in Marmor gemeisselte Nachricht: «Hab Dank für deine Liebe.»

Wer den Wanderweg von Sihlbrugg in Richtung Sihlsprung aufmerksam unter die Füsse nimmt, wird Zeuge eines Kuriosums: Der Pfad besteht aus Dutzenden ganzen und kaputten Grabsteinen, deren Inschriften nicht selten lesbar sind.

Hinter dem Weg, der für manche wohl morbid anmutet, steckt eine spannende Geschichte. Nicht nur, da sie durch die schiere Muskelkraft eines einzelnen Mannes entstand.

Ein Rentner baute den Weg im Alleingang

Der Baarer Beni Kempf war bereits um die 75 Jahre alt, als ihn der damalige Kantonsförster Albert März in den Achtzigern fragte, ob er sich dem Bau eines Wanderweges annehmen möge. Der Grund: Der Fussgängerweg führte damals noch der vielbefahrenen, gewundenden Strasse in Richtung Neuheim entlang. Nicht sehr romantisch, dafür ziemlich gefährlich.

Beni Kempf, selbst langjähriger Maurerpolier, nahm sich der Aufgabe an, wie sein Sohn Felix Kempf heute über den verstorbenen Vater erzählt. «Für ihn war das eine weitere Lebensaufgabe», sagt Kempf über den Weg. «Jeden Tag fuhr mein Vater mit dem Postauto nach Sihlbrugg und rückte die Steine ohne Maschinen, allein mit dem Brecheisen, an die richtige Stelle.»

«Der Rücken wurde mit Schnaps behandelt, ein paar Tage später ging der Bau weiter.»

So weit, so gut. Doch wie kommt es, dass der Weg von Grabsteinen gesäumt ist? «In dieser Zeit wurde der Friedhof aufgelöst, auf dessen Gelände heute der Martinspark steht. Dafür wurden die alten Grabsteine ausgehoben», sagt Felix Kempf. Für diese habe man keine Verwendung mehr gehabt, weshalb sie für den Bau des Wanderwegs zur Verfügung gestellt wurden.

«Lastwagen brachten die Steine zu den Leitplanken jener Kurve, auf der das Motorboot-Geschäft steht. Von dort aus kippte mein Vater die Steine mit dem Stemmeisen bis zum Ort, wo sie letztlich zu liegen kommen sollten. Auch nutzte er kleine Rollen, um die schweren Steine zu bewegen», erzählt der Sohn. Die alten Grabumfassungen wurden indes hochkant am Rande des Weges montiert, um den Hang zu fixieren.

Als die Sihl vor wenigen Wochen nicht zum ersten Mal über die Ufer trat, zeigte sich, dass die schweren Steine durchaus nötig sind, um zu verhindern, dass der Weg weggeschwemmt wird. An einigen Stellen haben sich die Grabsteine dennoch verschoben.

Rot markiert: der Streckenabschnitt, auf dem man über Grabsteine geht. (Bild: Google Maps) (Bild: )

Lieber allein als mit Laien

Für das Unterfangen habe Kempf einen Bauwagen zur Verfügung gestellt bekommen, erinnert sich sein Sohn. «Das Wegstück, das mehrere hundert Meter lang ist, hat mein Vater praktisch alleine gebaut. Zwar hatte er einen Helfer, doch weil dieser kein gelernter Maurer war und nicht wusste, wie man die Steine richtig zum liegen bringt, hat ihn mein Vater aus dem Dienst entlassen», sagt Felix Kempf und lacht.

Ein Drahtiger sei er gewesen, der Beni Kempf, einer, der fit war und anpacken konnte. Dennoch war auch er nicht gefeit vor Unfällen. «Einmal fiel mein Vater hin und riss sich den Rücken auf. Mit blutendem Hemd kehrte er mit dem Bus nach Hause zurück, wo meine Mutter verlangte, dass er einen Arzt aufsuche.» Der Wunsch wurde nicht gehört. «Der Rücken wurde mit Schnaps behandelt, ein paar Tage später ging der Bau weiter.»

Beni Kempf ist überzeugt, dass der Weg noch viele Jahre halten werde. «Mein Vater hat diesen Weg gebaut, wie es früher die alten Römer machten. Und deren Strassen stehen ja heute noch.»

Felix Kempf, der Sohn von Beni Kempf, erinnert sich an den «Lebensweg» seines Vaters. (Bild: wia)
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