Gesellschaft
Flashmob am Luzerner Bahnhofplatz

«Der Vergewaltiger bist du!» – lautstarker Protest gegen Gewalt

Um die 100 Frauen haben sich am Flashmob beteiligt. (Bild: )

Mit schwarzen Augenbinden haben an diesem Sonntag Dutzende Frauen am Luzerner Bahnhofplatz geschrien und getanzt. Ein Flashmob, der es in sich hatte.

Ein Aufschrei. Emotional. Laut. Prägnant. Wütend. Dutzende Frauen stehen am Luzerner Bahnhofsplatz, ihre Augen bedeckt mit einer dunklen Augenbinde. Rhythmische Paukenschläge ertönen. Die Frauen werden lauter und lauter, tanzen aus ihren Reihen: «Der Vergewaltiger bist du!»

Ein Statement, das Frauen weltweit schreien: «El violador eres tú.» Initiiert haben den Flashmob, eine Art feministischen Tanz, Frauen aus Valparaíso in Chile. Damit wollen sie auf Femizide aufmerksam machen: Morde, die gezielt an Frauen verübt werden. Missbrauch. Vergewaltigung. Sie kritisieren den Unterdrückungsstaat, nehmen Justiz, Politik und Staat in die Pflicht.

Der Protestsong geht um die Welt. Und hat nun auch Luzern erreicht. «Und die Schuld war nicht bei mir, wo ich war oder was ich trug!», singen die Frauen. «Unser Staat, der unterdrückt, ist ein Macho, der missbraucht.»

Einmal wieder laut sein

Nach dem grossen Aufschrei am 14. Juni 2019 blieb das Komitee des Luzerner Frauenstreiks aktiv. Die Aktivistinnen reichten eine Petition ein und forderten, dass die tatsächliche Gleichstellung ins Legislaturprogramm aufgenommen wird. Arbeitsgruppen formierten sich, weitere Events fanden statt – doch alle im leisen Rahmen. «Für den Weltfrauentag wollten wir eine Aktion, an der wir alle wieder einmal laut sein dürfen», sagt Kathrina Mehr, die beim Frauenstreik Luzern aktiv und für die Aktion am Weltfrauentag verantwortlich ist.

So sah der Flashmob aus:

Wenn Opfer kriminalisiert werden

Auch in Luzern sei die Kriminalisierung von Opfern ein Thema. Kathrina Mehr spricht den Gerichtsfall an, in dem einem Taxifahrer vorgeworfen wurde, eine junge Frau im Auto begrapscht zu haben. Vor dem Luzerner Kantonsgericht wurde die Frau gefragt, wie lang ihr Rock und wie tief ihr Ausschnitt war (zentralplus berichtete).

«Egal, wie kurz ein Rock ist, den eine Frau trägt – das ist noch längst kein Freipass für sexuelle Belästigung.»

Kathrina Mehr, Frauenstreik Luzern

«Egal, wie kurz ein Rock ist, den eine Frau trägt – das ist noch längst kein Freipass für sexuelle Belästigung», sagt Kathrina Mehr. Am Frauenstreik hätten viele Frauen von ihren eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung erzählt. Dass sie im Ausgang beispielsweise angefasst werden, ohne dass sie die Erlaubnis dafür gegeben haben. «Selber habe ich das leider auch schon öfters erlebt.»

Kathrina und Miriam haben den Flashmob organisiert. (Bild: ida) (Bild: )

Von einem guten Freund vergewaltigt? «Keine Seltenheit»

Dass eine Frau Nein sagt, das Gegenüber dies aber nicht kapiere – unterschwellig würden das viele Frauen erleben, sagt die 30-jährige Kathrina Mehr. Sie erzählt von einer Bekannten, die mit einem Freund ausging und dann bei ihm übernachtete, da sie nicht mehr nach Hause kam. Sie habe ihm von Beginn an klargemacht, dass nichts laufen werde – er aber habe dermassen Druck auf sie ausgeübt, sie wollte es «einfach hinter sich bringen».

«Das ist keine Seltenheit», sagt Kathrina Mehr. Und spricht den Fall der Aargauerin Morena Diaz an, die Anfang Jahr ihr Schweigen brach: Sie wurde «von einem guten Freund» vergewaltigt.

(Bild: )

Auch ein Vergewaltigungsopfer brach das Schweigen

«Wir wollen einstehen für alle Frauen, die sexuelle Belästigung und Missbrauch erlebt haben», sagt Kathrina Mehr. So stand auch bei den anschliessenden Reden eine Frau hin, die selbst Opfer einer Vergewaltigung wurde. Erst zwölf Jahre später hatte sie die Kraft, eine Anzeige zu erstatten. Doch es war zu spät.

Der Flashmob soll aber nicht nur die Täter anklagen, sondern auch die Justiz und den Staat. Auf Gesetzesebene müsste ebenfalls noch einiges gehen, sagt Mehr. Als Vergewaltigung gilt nur, wenn Gewalt angewendet wird. Viele Opfer fallen jedoch in eine Schockstarre, können sich nicht mehr wehren. Viele Fälle fallen somit unter sexuelle Nötigung. Die Debatte über eine Anpassung des Sexualstrafrechts in diesem Punkt sind auf politischer Ebene angelaufen.

Frauen mit Migrationshintergrund hielten am Sonntag eine Rede, berichteten von ihren Erfahrungen. So auch SP-Stadtratskandidatin Judith Dörflinger. Gleichstellung sei noch lange nicht erreicht, sagte sie. Und erwähnte eine Studie des Weltwirtschaftsforums WEF, gemäss der es im jetzigen Tempo global noch über 200 Jahre dauere, bis Frauen im Arbeitsmarkt dieselben Chancen, Jobs und Löhne hätten wie ihre Kollegen. «Solange warten will ich nicht», sagte Dörflinger.

So sah es am Flashmob in Buenos Aires aus:

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