Gesellschaft
Anja Kloth ist neue Geschäftsführerin

«Das EWL-Areal in Luzern wird kein Standard-Quartier»

«Verdichtung ist anspruchsvoll»: Anja Kloth vor dem Roten Haus auf dem EWL-Areal in Luzern. (Bild: zvg)

Auf dem EWL-Areal, inmitten der Stadt Luzern, entsteht in den nächsten Jahren ein neues Quartier. Nachdem es lange ruhig war um die Pläne, stehen 2022 wichtige Meilensteine an. Die neue Geschäftsführerin der EWL Areal AG spricht über den politischen Widerstand, die Beziehung zu den Nachbarn und die Angst vor Gentrifizierung.

Es ist eine der wenigen grossen Brachen inmitten der Stadt: das EWL-Areal. Das eingezäunte Gebiet ist heute ein Logistik-Umschlagplatz von der EWL und der Stadt. Bald wird das Grundstück in Luzern überbaut. Für 200 Millionen Franken ist ein neues Quartier geplant.

Nachdem im Sommer 2019 das Siegerprojekt «Rotpol» vorgestellt wurde, ist es ruhig geworden. Doch im Hintergrund läuft einiges, sagt Anja Kloth. Die diplomierte Architektin ist seit Anfang November Geschäftsführerin der EWL Areal AG. Die Aktiengesellschaft gehört je zu einem Drittel der Stadt Luzern, der EWL und der ABL, die das Gelände gemeinsam bebauen (zentralplus berichtete).

Mehr Wohnungen, mehr Gewerbe und Dienstleistungen

Denn das ursprüngliche Projekt musste überarbeitet werden. Eigentlich sollte das EWL-Areal zur neuen Sicherheitszentrale von Luzern werden – mit Polizei, Rettungsdiensten, Feuerwehr und VBL-Leitstelle. Doch der Kanton entschied 2020 überraschend, die integrierte Polizeileitstelle in Rothenburg anzusiedeln und stieg aus. Auch das Kantonsspital änderte seine Absichten und stationiert künftig nur zwei Rettungsfahrzeuge auf dem EWL-Areal.

Kurzum: Die Pläne mussten überarbeitet werden. «Das Sicherheitszentrum wäre in seiner ursprünglichen Konstellation wegweisend gewesen», bedauert Anja Kloth. Gleichzeitig verschaffte der Rückzug den Planern etwas Luft. Denn das dichte Raumprogramm gab in der Vergangenheit schon zu reden.

Das Video zeigt, was auf dem EWL-Areal geplant ist (Visualisierungen: EWL Areal AG):

Nun wird es bei der Industriestrasse im Erdgeschoss anstelle von Rettungsfahrzeugen mehr Platz geben für Dienstleistungen und Kleingewerbe. Zudem baut die ABL 83 statt 72 Wohnungen.

Diese Änderungen sowie eine Einsprache führten zu Verzögerungen. Ursprünglich war der Baustart in diesem Jahr vorgesehen gewesen. Inzwischen ist klar: Die Bagger fahren erst 2024 auf. Hauptleidtragende ist die Feuerwehr, die voraussichtlich erst 2029 umziehen kann. Das wiederum dürfte womöglich dem Neubad ein längeres Leben ermöglichen (zentralplus berichtete).

Politischer Widerstand gegen EWL Areal AG

Für weitere Diskussion sorgt derzeit die politische Lage. Im Dezember hat das Stadtparlament ein Postulat zum EWL-Areal überwiesen. Dieses fordert, dass die EWL das Grundstück der Stadt übergibt, in Form einer sogenannten Sachdividende. Der Stadtrat warnte vergeblich vor den finanziellen Folgen (zentralplus berichtete).

«Welche Auswirkungen der Entscheid auf das Projekt hat, ist derzeit unklar», sagt Anja Kloth. Es liege jetzt an der Stadt und der EWL, die Rahmenbedingungen zu klären. «Aber wir von der EWL Areal AG werden natürlich, wo immer möglich mithelfen, um diesen Prüfauftrag seriös und transparent beantworten zu können.»

Für die 39-Jährige kommt der politische Widerstand gegen die EWL Areal AG eher überraschend. Denn die SP hat in der Debatte dieses Konstrukt als untauglich kritisierte. Dem Parlament seien 2017 mit dem Planungsbericht Entwicklung «EWL-Areal» verschiedene Eigentumsmodelle vorlegt worden, hält Kloth fest. «Es entschied sich für das Privat-Public-Partnership-Modell mit der EWL Areal AG. 2019 wurde diese Konstrukt durch das Parlament nochmals bestätigt. Ich weiss nicht, wieso es jetzt Kritik daran gibt.» Zumal dieses auch die gleichberechtigte Mitbestimmung der drei Aktionärinnen Stadt, EWL und ABL sicherstelle und in dieser Konstellation sehr umsetzungsstark sei.

Nachbarinnen über neues Quartier informieren

Dennoch stehe sie als Geschäftsführerin jederzeit für einen Austausch offen, um Fragen zur EWL Areal AG zu klären. Obwohl erst seit zwei Monaten in dieser Position, begleitet sie das Projekt bereits seit sieben Jahren. Denn zuvor war sie bei der Stadt als Bauherrenvertreterin tätig. Sprich, sie hat von der Schüür über Schulhäuser bis zur Zimmeregg-Badi alle Bauprojekte der Stadt begleitet – eben auch das EWL-Areal.

Das Gespräch sucht Anja Kloth auch mit den Anwohnern. Im April ist zusammen mit der Stadt Luzern und der Kooperation Industriestrasse eine Information des Quartiers über die anstehenden Bauprojekte vorgesehen. Denn damit das Projekt zum Tragen kommt, müssen die Verantwortlichen auch sie ins Boot holen. Und dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigte die Vergangenheit ebenfalls bereits.

«Wir wollen nicht ein Wohnquartier, das tagsüber schläft, oder ein Arbeitsareal, das abends tot ist.»

Denn Kritik am 200-Millionen-Projekt gab es auch von den Nachbarn. Die IG Industriestrasse und die IG Stadtentwicklung kritisierten den «baulichen Riegel», der dem Quartier vor die Nase gestellt werde (zentralplus berichtete).

Anja Kloth räumt ein, dass die städtebauliche Herangehensweise beim EWL-Areal und der Kooperation Industriestrasse unterschiedlich und der Austausch nicht immer ideal gewesen sei. Inzwischen sei das Einvernehmen sehr gut. Doch am geplanten Bau auf dem EWL-Areal werde man trotz des Widerstands nichts ändern. «Wir brauchen diesen Platz», sagt Anja Kloth. «Und dieses Volumen verträgt es in meinen Augen auch. Dies wurde auch durch ein hochkarätiges Beurteilungsgremium so bestätigt.» 

EWL-Areal wird zur Grossbaustelle

Dass bei einem solch zentralen Areal viele Ansprüche aufeinanderprallen, erstaunt Kloth nicht. «Verdichtung ist richtig, aber auch anspruchsvoll», sagt sie. Doch genau das macht für die Luzernerin den Reiz ihrer neuen Aufgabe aus. «Wir wollen nicht ein Wohnquartier, das tagsüber schläft, oder ein Arbeitsareal, das abends tot ist. Sondern ein Gebiet, das ständig lebt.» Für Architektin Kloth ist das die richtige Form der Entwicklung für das «Filetstück inmitten der Stadt», wie es oft genannt wird.

Und was sagt sie zur Befürchtung, dass sich die Industriestrasse mit ihrem alternativen Charme durch die vielen Bauprojekte in ein gentrifiziertes Quartier verwandelt? «Diese Angst verstehe ich, sie ist nicht unberechtigt», sagt Kloth. Denn wo saniert oder neu gebaut werde, seien die Mietpreise in der Regel höher als bei einer Liegenschaft, die ohne grossen Aufwand erhalten wird.

Der geplante Quartierplatz mit dem bestehenden roten Haus in der Mitte sowie den Neubauten links und rechts. (Visualisierung: EWL Areal AG
Der geplante Quartierplatz mit dem bestehenden roten Haus in der Mitte sowie den Neubauten links und rechts. (Visualisierung: EWL Areal AG) (Bild: )

Doch auch in Zukunft seien vor Ort alternative Nutzungen möglich, verspricht Anja Kloth. Als Beweis erwähnt sie das Rote Haus inmitten des EWL-Areals. Das schützenswerte Gebäude bleibt erhalten und wird umfunktioniert. «Vielleicht in eine Bar mit Proberäumlichkeiten, ein Quartiertreff oder in eine Eventhalle», nennt Kloth mögliche Beispiele. «Sicher jedenfalls als öffentlicher Treffpunkt.» Auch die Gassenküche, das ist ausdrücklich festgehalten, bleibt im Quartier.

Denn für Anja Kloth ist klar: «Das Areal um die Industriestrasse wird sich stark verändern. Aber es wird kein Standardquartier und keines mit schicken Wohnungen und teuren Büros.»

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