Gesellschaft
Luzerner Gewässer

Das Dilemma mit der Sauberkeit

Experten prüfen, wo das Wasser im Einzugsgebiet des Vierwaldstättersees knapp werden könnte.

(Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Die Fische sterben, weil der Vierwaldstättersee zu sauber ist. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn: Über das Vorkommen von Fischen in einem Gewässer entscheiden weit mehr Faktoren. Was Phosphor im Wasser bewirkt – und weshalb der Baldeggersee seine künstliche Beatmung einfach nicht los wird.

Der Vierwaldstättersee ist zu sauber. Es gibt zu wenig Nährstoffe, weshalb der Fischbestand in den letzten 30 Jahren drastisch gesunken ist. Nun fordern Berufsfischer mehr Phosphor im See, um den Fischbestand wieder zu erhöhen. Das schrieb die «Neue Luzerner Zeitung». Doch ist die Sauberkeit der Hauptgrund für den zurückgehenden Fischbestand im Vierwaldstättersee? Und wie geht es dem ewigen Luzerner Sorgenkind, dem Baldeggersee?

«Der Vierwaldstättersee ist nicht ‹zu sauber›!», erklärt Werner Göggel, Abteilungsleiter Gewässer beim Amt für Umwelt und Energie des Kantons Luzern. Der Vierwaldstättersee sei ein Alpenrandsee und deshalb von Natur aus nährstoffarm. Dies allerdings noch nicht seit Langem: «In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Mittellandseen aufgrund fehlender Abwasserreinigung und Nährstoffeinträgen aus der Landwirtschaft zum Teil massiv überdüngt. Auch im Vierwaldstättersee stieg in dieser Zeit die Phosphorkonzentration an», so Göggel. Zwar sinke die Phosphorkonzentration im See und habe wieder ein Niveau erreicht wie vor Beginn der Überdüngung. «Der Phosphoreintrag in den See ist jedoch immer noch höher als im ‹natürlichen› Zustand.»

Eine im erwähnten Artikel publizierte Grafik der Dienststelle für Landwirtschaft und Wald zeigt, dass mit der Abnahme des Phosphorgehalts seit den 1980er-Jahren auch der Fischfangertrag im See sank. Werner Göggel sagt dazu: «Was diese Grafik nicht zeigt, ist die Entwicklung des Fangertrags vor 1980. Heute liegt diese nämlich in etwa auf dem Niveau des Fischfangertrags der 1950er Jahren und deutlich höher als noch in den 1930er-Jahren.» Weiter sei wichtig, zwischen dem Fischbestand in einem See und dem Fischfangertrag zu unterscheiden. «Der Fangertrag hängt nicht nur davon ab, wie viele Fische in einem See vorhanden sind, sondern beispielsweise auch vom Aufwand, den die Fischer für ihre Fänge betreiben. Ein geringer Fischfangertrag heisst entsprechend nicht zwingend, dass der See einen kleinen Fischbestand aufweist», so Göggel.

Was Phosphor im Wasser bewirkt

Phosphor begünstigt das Algenwachstum im See. Eine höhere Phosphorkonzentration führt damit zu einem höheren Algenwachstum. Dies wiederum führt zu einer Zunahme von Zooplankton, wie beispielsweise Wasserflöhe. Diese bilden eine Nahrungsgrundlage für viele Fische im See (Felchen) und führt somit zu einem höheren Fischfangertrag. Hohe Phosphorgehalte führen jedoch zu einem übermässigen Algenwachstum im Gewässer. Die abgestorbenen Algen sinken auf den Seegrund. Die Zersetzung des abgestorbenen Pflanzenmaterials benötigt Sauerstoff, was bei überdüngten Seen zu sauerstofflosen Verhältnissen am Seegrund führt.

«Sauberes Gewässer ist ein sehr hohes Gut»

Otto Holzgang, Abteilungsleiter Natur, Jagd und Fischerei beim Kantons Luzern, erklärt: «Prinzipiell ist ein sauberes Gewässer ein sehr hohes Gut. Sei es als Trinkwasserreservoir, für Freizeitvergnügen oder auch für die Biodiversität.» Viele Faktoren würden über das Vorkommen von Fischen in einem Gewässer entscheiden. «Es sind Faktoren wie Nahrungsangebot in allen Altersstadien, geeignete Laich- und Aufwuchsgebiete, Fischfang durch den Menschen und Krankheiten.» Laut Holzgang sei der Phosphatgehalt ein wichtiger limitierender Faktor. «Zu viel Phosphor kann aber auch sehr negative Auswirkungen haben, wie beispielsweise ein Sauerstoffdefizit.» Dies ist unter anderem beim Luzerner Sorgenkind, dem Baldeggersee, der Fall.

«Phosphoreintrag ist doppelt so hoch wie für den See verkraftbar»

Zum momentanen Zustand des 5,2 Quadratkilometer grossen Sees im Luzerner Seetal, den Pro Natura seit 1942 besitzt, sagt Werner Göggel: «Es wird festgestellt, dass die Massnahmen im Einzugsgebiet des Sees in Kombination mit der Belüftung des Sees dazu beigetragen haben, dass sich dessen Zustand seit den 80er-Jahren stark verbessert hat.» Zu den Massnahmen gehören laut Göggel die verbesserte Abwasserreinigung und Bemühungen zur Reduktion des Phosphoreintrags aus der Landwirtschaft. «Es muss aber festgehalten werden, dass die gesetzliche Anforderung bezüglich Wasserqualität trotz Belüftung zeitweise nicht eingehalten werden kann. Diese verlangen vier Milligramm Sauerstoff im Tiefenwasser des Sees. Auch der Phosphoreintrag in den Baldeggersee ist noch immer doppelt so hoch wie für den See verkraftbar», so Göggel und fügt an, dass die natürliche Fortpflanzung der Felchen im Baldeggersee nach wie vor nicht möglich sei.

Wie kam es zum desolaten Zustand des Seetaler Gewässers?

Bereits seit der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert leidet der Baldeggersee unter diversen Umwelteinflüssen. Während der Industrialisierung flossen ungereinigte Abwässer in den See. Anschliessend litt besonders der Felchenbestand unter den Verunreinigungen. In den 1950er-Jahren konnte zusätzlich im Tiefenwasser kein Sauerstoff mehr nachgewiesen werden, was einen negativen Einfluss auf den gesamten Fischbestand des Sees hatte.

Der Bau von Abwasserreinigungsanlagen in den 60er-Jahren brachte zunächst eine kurzzeitige Entlastung. Kurz darauf trafen die Folgen der Landwirtschaft um den See ein. In den Folgejahren erreichte der Phosphorgehalt im Baldeggersee einen Extremwert von 520 Gramm pro Kubikmeter. Im Vergleich: Das momentane Ziel ist es, einen Wert von 30 Gramm pro Kubikmeter zu erreichen. Es musste also eine andere Lösung her, ein Eingriff von aussen blieb unvermeidlich. Seit 1982 ist der Baldeggersee der erste See der Welt, welcher künstlich belüftet wird – noch bis heute ist die künstliche Sauerstoffzufuhr für den Baldeggersee unverzichtbar. Seither geht es dem See besser, wenn auch nicht gut. Die Phosphorbelastung hat markant abgenommen. Der Zielwert von mindestens vier Milligramm Sauerstoff pro Kubikmeter kann auch heute noch nur mit künstlicher Belüftung eingehalten werden. Die natürliche Regenerationsfähigkeit hat der See somit noch nicht erlangt.

 

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