Gesellschaft
Bilanz nach 10 Jahren Kesb

Chamer Unternehmer Guido Fluri schaut Kesb auf die Finger

Die Anlaufstelle von Guido Fluri vermittelt in Krisensituationen zwischen den Familien und der Kesb. (Bild: KOKES/Raisa Durandi)

Wenn es in einer Familie, Partnerschaft oder im persönlichen Leben knallt, dann ist die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde da. Seit 10 Jahren. Die Anlaufstelle des Chamer Unternehmers Guido Fluri vermittelt dabei zwischen der Kesb und den Betroffenen.

Ein Job bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ist alles andere als einfach. Kommt eine erwachsene Person nicht mehr allein mit dem Leben klar oder ist ein Kind gefährdet, entscheidet die Kesb, was die beste Lösung ist. Doch die gefällt nicht immer allen Beteiligten (zentralplus berichtete).

Bis vor zehn Jahren wurde diese Arbeit meist von Gemeinderäten übernommen, die gleichzeitig auch die Vormundschaftsbehörde waren. Eine Aufgabe, die nicht selten überforderte.

Gründung der Kesb war Fortschritt

«Im Gemeinderat haben oft Menschen ohne spezifische Fachkenntnisse und mit persönlichem Bezug zu Betroffenen entschieden, ob zum Beispiel der Sohn des Dorfbauern in ein Heim kommt oder die Mutter des Sportvereinspräsidenten einen Beistand erhält», so Kathrin Schweizer, Präsidentin der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes), in einer Medienmitteilung. Bei der Kokes tauschen sich die Direktoren der kantonalen Kesb-Stellen miteinander aus.

2013 wurde deshalb die Kesb eingeführt, die sicherstellen sollte, dass künftig unvoreingenommene Fachpersonen solche Entscheide treffen. Nach zehn Jahren zieht die Kokes eine positive Bilanz: «Die Professionalisierung war richtig und rückblickend ein wichtiger sozialpolitischer Fortschritt», so Diana Wider, Generalsekretärin der Kokes.

Beistände haben teils nur 1,5 Stunden monatlich Zeit

Nichtsdestotrotz bleiben noch einige Baustellen. Allen voran die Anzahl Mandate pro Beistand. Beiständinnen betreuen oft über 80 Menschen gleichzeitig (zentralplus berichtete). Das bedeutet, dass einem Beistand pro Person durchschnittlich 1,5 Stunden monatlich zur Verfügung stehen, wie die Kokes vorrechnet.

«Dass einer Mutter kurz vor Weihnachten die Kinder weggenommen werden, hat viele erschüttert.»

Guido Fluri, Präsident Kescha

Für den Chamer Unternehmer Guido Fluri, der sich mit seiner Stiftung sozial engagiert, ist das klar zu wenig: «Es ist nicht so, dass sich Kesb und Beiständinnen die Zeit nicht nehmen wollen. Sie können es schlicht nicht», wird er in der Medienmitteilung zitiert. Er ist der Präsident der Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha), die zwischen der Kesb und betroffenen Personen vermittelt. Oder einfach Fragen zur Kesb und Beiständen beantwortet.

Anlaufstelle im Zuge der «Anti-Kesb»-Stimmung

Gegründet wurde die Kescha auch mit dem Gedanken einer unabhängigen Aufsichtsstelle für die Arbeit der Kesb. Wie Guido Fluri auf Anfrage erzählt, habe er die Beratungsstelle im Zuge des Flaach-Falls von 2015 gegründet. Damals hat eine Mutter ihre beiden Kinder erstickt, nachdem die Kesb eine Unterbringung in ein Heim verfügt hatte. Nach der Tat kam die Frau in die Psychiatrie, danach in Untersuchungshaft.

Sie schrieb ihre Geschichte auf und hielt auch ihren Willen fest, dass diese Geschichte veröffentlicht werden soll. Im August 2015 beging die Frau in ihrer Zelle Suizid. «Dass einer Mutter kurz vor Weihnachten die Kinder weggenommen werden, hat viele erschüttert. Niemand kannte damals die Umstände und so waren die Schuldigen rasch ausgemacht», erinnert sich Fluri.

Fluri hat eigene Erfahrungen gemacht

Dabei spielt auch seine persönliche Geschichte eine Rolle. Als Kind wurde der heute 56-Jährige selbst mehrmals fremdplatziert. Seine damals 17-jährige Mutter erkrankte an Schizophrenie und wurde als unmündig eingestuft. «Ich kann sehr gut nachfühlen, wie sich ein Kind oder Jugendlicher fühlt, der fremdplatziert wird.»

Im Zuge des Falls Flaach habe sich zudem eine regelrechte «Anti-Kesb»-Stimmung entwickelt. «Viele erlebten die Kesb damals als ominöse Behörde, die in Familien eingreift», beschreibt der Unternehmer.

«Die optimale Begleitung von hilfsbedürftigen Menschen kostet etwas. Und das muss es uns wert sein.»

Guido Fluri, Präsident Kescha

Mit der Kescha wollte er der Kesb helfen, denn das Vertrauen der Bevölkerung musste zurückgewonnen werden. Aber auch um künftige Eskalationen zwischen Familien und der Kesb zu vermeiden, indem die Stelle Empfehlungen abgibt und kritisch hinschaut. Dabei seien sie von Anfang an von vielen Kesb und der Kokes unterstützt worden. «Wohl, weil sie wussten, dass sie ihr Vertrauen wiederherstellen mussten.»

Anlaufstelle kommt bei Hochkonflikt-Situationen zum Zug

Innerhalb der letzten sieben Jahren habe sich die Kesb merklich verbessert. «Die Kescha braucht es heute vor allem noch für Hochkonflikt-Familien.» Das seien insbesondere Fälle von Trennungen oder Besuchsrechtsverweigerung. «Nehmen wir an, eine Mutter verweigert einem Vater den Kontakt mit dem Kind, obwohl das Gericht ihm ein Besuchsrecht eingeräumt hat. Was passiert dann?» Oftmals könnten die Behörden nicht viel machen.

Hier komme dann die Kescha ins Spiel. «Wir versuchen das Gespräch zu suchen und Besonnenheit in solche Fälle hineinzubringen. Und teilweise auch als neutrale Stelle die Entscheidungen der Kesb zu erklären.» In zwei Dritteln der Fälle können sie die Konflikte so etwas beruhigen. Mit rund einem Dutzend Mitarbeitern hat Kescha in den vergangenen fünf Jahren etwa 13’000 Fälle betreut.

Guido Fluri bemängelt Kommunikation

Trotzdem gäbe es bei der Kesb noch viel zu verbessern. Vor allem – wie die Kokes selbst einräumt – bei der Anzahl Mandate pro Beistand. Einerseits fordert Fluri mehr Ressourcen für die Kesb. «Die optimale Begleitung von hilfsbedürftigen Menschen kostet etwas. Und das muss es uns wert sein.»

Andererseits schielt er auf ein Postulat der Freiburger SP-Nationalrätin Ursula Schneider Schüttel, das den vermehrten Einsatz geeigneter privater Beistände betrifft. Das Postulat wurde 2019 vom Nationalrat angenommen. Für Guido Fluri könnten so dringend benötigte Ressourcen für die Kesb geschaffen werden.

Eine andere grosse Baustelle sieht Fluri in der Kommunikation. Diese habe sich über die Jahre zwar merklich verbessert. Doch noch immer hätten die Leute grossen Bedarf bei der Aufklärung. «Bei Informationsveranstaltungen in Glarus und Schwyz waren die Säle jeweils voll.» Anhand von Beispielen erklärt die Kesb jeweils, wie sie arbeitet und ihre Entscheide fällt.

Dieses Defizits scheint sich auch die Kesb bewusst zu sein. «Dass jemand verunsichert ist, wenn die Kesb ins Spiel kommt, ist nachvollziehbar. Alle möchten ihr Leben und ihren Alltag selber im Griff haben. Doch es gibt Lebenslagen, in denen jemand Unterstützung braucht», wird Kokes-Präsidentin Kathrin Schweizer in einer Medienmitteilung zitiert. Um diese Unsicherheiten abzubauen, wolle die Kokes künftig vermehrt aufzeigen, wie die Kesb funktioniert.

Diesem Thema widmet zentralplus ebenfalls eine Artikelserie. Darin erfährst du, wie die Kesb arbeitet.

Verwendete Quellen
  • Artikel «Tages-Anzeiger» vom August 2015
  • Postulat 19.3067 von Ursula Schneider Schüttel
  • Telefonat mit Guido Fluri, Präsident der Anlaufstelle Kindes- und Erwachsenenschutz (Kescha)
  • Medienmitteilung der Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz
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