Wandgemälde im Grosshof

Bündner Künstler bringt Frösche ins Krienser Gefängnis

Im Spazierhof der Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens tummeln sich neu Frösche – in Form von Graffiti. (Bild: Kanton Luzern)

Damit die Innenhöfe im Gefängnis Grosshof nicht trist und grau daherkommen, hat der Kanton Luzern einen Graffitikünstler mit einem Wandgemälde beauftragt. Dieser hat selbst einschlägige Erfahrungen mit dem Strafvollzug.

Eine gewisse Beklemmung macht sich breit. Zwar hat der Regen eine Pause eingelegt und gelegentlich dringen einzelne Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Am Empfangsschalter des grauen Betongebäudes bekommt man davon aber nichts mit. Die Flure sind dunkel gehalten, schmucklos. Angenehm ist die Atmosphäre hier nicht. Soll sie auch nicht. Denn der Grosshof in Kriens ist eine Justizvollzugsanstalt (JVA).

Die persönliche ID wird eingezogen und gegen einen Besucherausweis getauscht. Handys müssen ebenfalls abgegeben werden. Dann erst eskortieren Männer in Uniform die Besucher durch die Gänge zum Aufenthaltsraum. Vorbei an mehreren Sicherheitstüren, Überwachungskameras und Handscannern.

Die Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens.
Die Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens. (Bild: cbu)

Grüne Frösche für ruhige Stimmung

Im Aufenthaltsraum selber zeigt sich ein komplett anderes Bild. Gedeckte Stehtische, Apérohäppchen, gute Laune unter den zahlreichen Anwesenden. Der Kontrast könnte dabei grösser nicht sein. Noch-Regierungsrat Paul Winiker ist im blauen Anzug erschienen. Neben ihm steht der Künstler «Bane» in schwarzen Cargohosen, weissen Turnschuhen und beigem Kapuzenpulli, die schwarzen Haare zu einem Manbun zusammengebunden. Und «Bane» ist es auch, um den sich der Anlass hauptsächlich dreht. Sprich: um seine Kunstwerke. Denn der Churer Künstler hat zwei Spazierhöfe der JVA mit riesigen Wandbildern versehen.

Im angrenzenden Spazierhof, einem Halbkreis aus Beton, springt den Betrachtern förmlich eine überlebensgrosse Froschfamilie ins Auge. Fast fotorealistisch auf die Mauern gesprayt, begleitet von meterhohen Blättern und Ranken. Es ist ein seltener Farbtupfer in dieser grauen Welt. Die warmen Farben sollen eine entspannende Wirkung haben und Aggressionen senken, erklärt der stellvertretende Kantonsbaumeister Peter Suter.

Gemälde sind Teil einer umfassenden Sanierung

Das Gefängnis hat im Zuge einer umfassenden Sanierung und Erweiterung, welche rund 2,8 Millionen Franken kostete, auch «gestalterische Elemente» vorgesehen (zentralplus berichtete). Diese haben der Bündner Fabian Florin, wie «Bane» mit bürgerlichem Namen heisst, und sein Team in zwei Spazierhöfen im Grosshof in Kriens realisiert.

«Das ist nicht nur ein Bild. Es ist eine Geschichte.»

Andrea Wechlin, Direktorin der JVA Grosshof

«Menschen zu einer Vernissage zu begrüssen, gehört nicht zu meinem Berufsalltag», beginnt Andrea Wechlin, Direktorin der JVA Grosshof, ihre Ansprache am vergangenen Montagabend. «Solide, graue Wände gibt es hier mehr als genug.» Umso schöner, wenn man einige davon mit Leben füllen kann. Im vergangenen Jahr haben die Projektverantwortlichen den Bündner Künstler «Bane» für die Gestaltung zweier Räume angefragt. Aus gutem Grund. Man wollte jemand, der eine Geschichte mitbringt. Das sei gelungen. Andrea Wechlin: «Das ist nicht nur ein Bild. Es ist eine Geschichte.»

Das Wandbild bringt Farbe in den grauen Spazierhof. (Bild: Kanton Luzern)

«Bane» lebte 14 Jahre im Drogensumpf

Diese Geschichte, jene des Künstlers, erzählt der Churer gleich selbst. «Ich bin der, der Wände anmalt», stellt er sich vor. Mit 14 geriet er auf die schiefe Bahn. Lebte auf der Strasse, wurde drogensüchtig. Heroin, Kokain. Florin lebte als Randständiger, kam mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. «Ich habe so ziemlich jede Untersuchungshaftzelle von Chur bis Zürich von innen gesehen.» Erwischt wird er auch wegen Graffitis. «Ich war ein schlechter illegaler Sprayer.» Florin erzählt seine Biografie mit viel Schalk, das macht sie aber nicht weniger tragisch. 14 Jahre lebte er dieses Leben am Rande der Gesellschaft.

Dann wird er zu 3,5 Jahren Haft verurteilt. Er hat die Wahl: Gefängnis oder eine Langzeittherapie. Florin entscheidet sich für zweiteres. Während eines harten Entzugs und der folgenden Therapie entdeckt er seine Liebe zu Graffiti und dem Sprayen wieder. Wendepunkt ist der Gewinn bei einem Graffiti-Wettbewerb. Florin schafft schliesslich den Absprung.

Der Künstler holt die Natur ins Gefängnis

Heute gehört er zu den begehrtesten Streetart-Künstlern der Schweiz, schuf Kunstwerke in seiner Heimatstadt Chur, Zürich oder in anderen Ländern wie Zypern oder in der Ukraine. Mit den Wandgemälden in den zwei Spazierhöfen der Strafvollzugsanstalt Grosshof kann er auch Kriens in sein Portfolio aufnehmen.

«Wir wollten die Natur an diesen Ort bringen.»

Fabian «Bane» Florin

Lange hätten er und seine Freunde an den beiden Sujets herumstudiert. Letztlich führten die fehlenden Grünflächen zur zündenden Idee. «Wir wollten die Natur an diesen Ort bringen», erklärt Florin. Denn selbst vom Spazierhof aus sieht man nirgendwo Natur – sieht man vom wolkenverhangenen Himmel ab, der auch nur durch Gitter zu sehen ist. Beim Spazierhof im Isolierbereich – hier bewegt sich jeweils nur ein einzelner Gefangener – haben sich die Künstler etwas anderes überlegt.

«Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass man in solchen Zellen viel Zeit mit sich selbst verbringt», sagt Florin. Darum sind die vier Wände als Labyrinth gestaltet, mit dem sich Inhaftierte spielerisch beschäftigen können. Bunte Tiersujets lockern das graue Liniengewirr auf.

Unter neugierigen Blicken der Häftlinge gemalt

Während mehrerer Wochen haben die Künstler im Grosshof an ihren Kunstwerken gearbeitet. «Wir sind am Morgen gekommen und abends wieder gegangen.» Die Kunstwerke wären schneller vorangekommen, wenn das Wetter mitgespielt hätte. «Wir mussten immer wieder unterbrechen, weil es oft geregnet hat», so Florin.

In eine JVA zurückzukehren, war für den Churer nicht eigenartig. Im Gegenteil, es sei eine Ehre, sich an einem solchen Ort verwirklichen zu dürfen, etwas zurückgeben zu können. Gesprayt haben sie während des normalen Betriebs, also auch, wenn Häftlinge im Spazierhof zugegen waren. «Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt unwohl gefühlt.»

Künstler als Musterbeispiel der Rehabilitierung

Für Regierungsrat Paul Winiker ist Fabian Florins Werdegang ein Beispiel dafür, dass sich der Effort mit Rehabilitierungsmassnahmen lohnt. Auch das Wandbild gefällt. «Die Frösche passen zu Luzern. Die Wey-Zunft hätte ihre Freude dran.»

Nur wird die Wey-Zunft das Gemälde wohl nie in echt sehen können. Es bleibt den Inhaftierten vorbehalten. 112 Personen fristen derzeit ein Leben in der JVA Grosshof in Kriens. Der Löwenanteil davon sind Männer. Um die 90 Prozent, schätzt ein Mitarbeiter des Wachpersonals.

Es lebe das Unkraut

Bei den Inhaftierten selber finden die Kunstwerke auch Gefallen. Bernadette Amstutz, die Ressortleiterin Vollzug, hat sich mit ihnen ausgetauscht und ihre Meinungen eingeholt. «Sie zeigen ihre Dankbarkeit darin, dass sie Sorge tragen», erklärt sie. Die Männer stemmen sich nicht mehr mit den Schuhen gegen die Wand, es gibt keine Schmierereien. Dass sich die Häftlinge um jeden Flecken Grünfläche kümmern, zeigt sich auch an der gegenüberliegenden Mauer. Ein kleines Büschel Unkraut spriesst hier aus dem Boden. Die Gefangenen hegen und pflegen das Gestrüpp. In der Welt «draussen» hätte man es wohl längst rausgerupft.

Die Arbeit im Grosshof ist für das Künstlerteam um Fabian Florin zwar beendet, «Bane» wirkt allerdings weiterhin in Luzern. Als Nächstes steht das grösste Wandbild der Schweiz an, das an einem Betonturm in Rothenburg zu Ehren des Künstlers Timmermahn entsteht (zentralplus berichtete).

Verwendete Quellen
  • Medienrundgang vor Ort
  • Gespräche mit Anwesenden
  • Website von «Bane»
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1 Kommentar
  • Profilfoto von Marie-Françoise Arouet
    Marie-Françoise Arouet, 16.05.2023, 20:18 Uhr

    Zur Klaustrophobie der Gefängnissituation tritt also noch der Albdruck von Riesenfröschen und menschenfressenden Gummipflanzen. Was sagt da der Gerichtshof für Menschenrechte?

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