Gesellschaft

Unterschiedliche Zahlen nach Anti-Rassismus-Protesten
Black Lives Matter: «Wir machen unsere Schätzungen unabhängig von der Polizei»

  • Lesezeit: 3 min
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Demonstrierende am Samstag beim Helvetia-Platz in Luzern. (Bild: Urs-Ueli Schorno)

Die Proteste am Samstag gehörten zu den grössten der jüngeren Zeit in Luzern. Die Polizei zählte rund 1200 Teilnehmer. Laut den Organisatoren sollen es aber bloss 700 gewesen sein. Die Veranstalter stapeln ungewöhnlich tief.

Der Protestumzug am Samstag, bei dem gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert wurde, gehörte zu den grössten in den vergangenen Jahren – auch in Luzern. Übertroffen wurden die Demonstrationen wohl nur vom Frauenstreik im Juni 2019 und im Februar desselben Jahres, als die Klimajugend um Greta Thunberg am stärksten mobilisierte.

Bei den Frauenstreiks schätzte die Luzerner Polizei 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, bei der Klimajugend waren es rund 2000. Und nun sollen es am Samstag gegen 1200 Protestierende gewesen sein.

Corona-Auflagen beschäftigten die Organisatoren

Am Samstagabend teilten auch die Organisatoren von Black Lives Matter ihre eigenen Schätzungen mit: Sie kommen auf lediglich 700 Personen. Am Besammlungsort beim Bahnhof Luzern waren laut Bewilligung zunächst 300 Personen unter Auflagen zugelassen – was die Organisatoren um die Gruppe Resolut auch eingehalten haben.

Die restlichen Protestierenden haben sich im Anschluss spontan hinzugesellt – was von der Polizei toleriert wurde, auch weil alle Corona-bedingten Auflagen im Rahmen der Bewilligung erfüllt worden sind (zentralplus berichtete). Aber wie viele waren es nun? Eher 700? Oder doch gegen 1200, wie die Polizei schätzt?

Weshalb Demonstranten auf eigene Schätzungen setzen

Dass die Schätzungen auseinandergehen, ist nichts Besonderes. Gerade Gruppen mit antifaschistischem Hintergrund, wie in diesem Fall eben Resolut, misstrauen den staatlichen Organen und offiziellen Zahlen. «Wir machen unsere Schätzungen unabhängig von der Polizei», bestätigt ein Mitglied der Gruppe, das sich in der Mitteilung «David» nennt.

«Gestern war eine sehr heikle Demo, bei der wir viele Aufgaben zu erledigen hatten.»

«David» von Resolut

In der Regel liegt es aber im Interesse der Veranstalter, dass möglichst viele Personen ihr Anliegen unterstützen. Die Gruppe Resolut, welche am Samstag die «Black Lives Matter»-Proteste in Luzern organisierte, war etwa auch für die Anti-Wef-Demos Anfang Jahr verantwortlich. Der Auflauf war um einiges geringer als bei den aktuellen Ereignissen.

Die Luzerner Polizei schätzte damals, dass es 250 Teilnehmer waren. Seitens Resolut wurde die Zahl 300 oder «einige hundert» kolportiert. Die Schätzungen der Protestorganisatoren waren also höher – um rund 20 Prozent.

Grosse Abweichungen bei klassischer Zählmethode

Dazu muss man wissen, dass solche Schätzungen keine exakte Wissenschaft sind. Es gibt die klassische Variante, Massen zu berechnen, die gerade bei kleineren Veranstaltungen oft zum Einsatz kommt: Die Grösse des Ortes, wo die Kundgebung stattfindet, ist einfach zu eruieren. Dann wird geschätzt, wie dicht die Menschen nebeneinanderstehen.

Dabei kann auch zwischen dichter und weniger dicht besiedelten Flächen unterschieden werden. Multipliziert man die Fläche mit der vermuteten Zahl an Demonstranten pro Quadratmeter, hat man die Schätzung.

Die Fehlerquote dieser Berkeley-Methode liegt allerdings bei rund 25 Prozent. Darin sind politisch motivierte Gründe, die Zahl höher oder tiefer zu schätzen, noch nicht einmal eingerechnet.

Einmalige Tiefstapelei in der Protest-Geschichte Luzerns

Bei Umzügen ist es noch schwieriger. So wird gezählt, wie viele Demonstranten zum Beispiel in einer Minute vorbeimarschieren, und das auf die gesamte Durchzugszeit kalkuliert. In der Regel gehen auch die Polizei und Demo-Organisatoren so vor. Zusätzlich zur visuellen Überprüfung vor Ort können auch Videoaufnahmen zum Einsatz kommen.

Noch einmal zurück zu den Umzügen am Samstag: «Gestern war eine sehr heikle Demo, bei der wir viele Aufgaben zu erledigen hatten», schreibt «David». «Das Zählen der Teilnehmer*innen stand nicht im Fokus.» Eine Erklärung für die Tiefstapelei ist das nicht.

Trotzdem: Es ist wohl kein weiterer Fall in der Region bekannt, bei dem die Schätzungen der Organisatoren bei einer bewilligten Demonstration derart weit unter den Schätzungen der Polizei lagen. Aber sogar bei 700 Personen war es eine der erfolgreichsten Mobilisierungen der Gruppe Resolut in Luzern.

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