Gesellschaft
In Luzern forschen sie über Konflikte

Beziehungen beenden? Diese Ethnologinnen sind skeptisch

Die beiden Ethnologinnen der Universität Luzern: Laura Preissler (links) und Bettina Beer (rechts). (Bild: ida)

Die Ethnologinnen Bettina Beer und Laura Preissler forschen an der Universität Luzern über Familienkonflikte. Darüber, wenn Kinder die Beziehung zu den Eltern kappen oder Ehen auseinanderbrechen. Wir haben die beiden zum Interview getroffen.

Beziehungen enden. Doch auch wenn eine Ehe geschieden wird, erwachsene Kinder nichts mehr von ihren Eltern wissen wollen oder Eltern ihre Kinder zur Adoption freigeben: Endet damit wirklich auch die Beziehung? Und wenn ja, was macht das mit dem ganzen Verwandtschaftsnetzwerk?

Genau dazu beginnen drei Ethnologinnen an der Universität Luzern zu forschen. In den drei empirischen Teilprojekten forschen Bettina Beer, Laura Preissler und Nora Lipp über Bestrebungen, familiäre oder verwandtschaftliche Beziehungen abzubrechen. Dabei beschäftigen sie sich mit Entfremdung und Kontaktabbrüchen zwischen Eltern und erwachsenen Kindern in der Schweiz, Trennungen und Scheidungen auf den Philippinen und Adoption in Russland.

zentralplus: Bettina Beer und Laura Preissler, Sie richten Ihr Augenmerk auf die Schattenseiten familiärer und verwandtschaftlicher Beziehungen. Da, wo es knallt und um Verluste geht: Familienkonflikte, das Abbrechen von Eltern-Kind-Beziehungen, Trennung und Adoption. Ist Harmonie nicht so Ihr Ding?

Laura Preissler: lacht. Eher, weil es dieses starke Ungleichgewicht gibt. Der Fokus in der Forschung liegt darauf, wie Verwandtschaft hergestellt wird. So gibt es beispielsweise im Bereich der Adoption viele Forschungen, die untersuchen, wie Verwandtschaft zwischen Adoptiveltern und -kindern hergestellt wird. Wenige Ethnologinnen setzen sich mit Eltern auseinander, die Kinder zur Adoption freigegeben haben. Oder auch im Bereich der Heirat. Oft geht es auch um Wahlmöglichkeiten von Verwandtschaft. Aber es gibt nur wenig Studien zu sozialen Konflikten, Trennungen oder dem «Auflösen» verwandtschaftlicher Beziehungen. Das wollen wir ändern. Ein übergeordnetes Ziel des Projekts ist es, diese Forschungslücke zu schliessen. Eine grosse Motivation ist aber auch unsere Skepsis: Wenn man Verwandtschaft herstellen kann, kann man sie dann auch auflösen? Das ist eine Frage, die uns seit Jahren immer wieder beschäftigt.

«Der Mann wird zum Ex-Mann, die Schwiegereltern zu den Ex-Schwiegereltern. Aber so wirklich weg ist die Beziehung ja nicht.»

Bettina Beer

zentralplus: Weshalb sind Sie da so skeptisch, ob man Beziehungen wirklich kappen kann?

Beer: Wir haben uns oft gefragt: Bleiben Beziehungen nach Trennungen, auch wenn sie vielleicht einen negativen Inhalt bekommen, nicht fest bestehen und bleiben Teil des Lebens? Auch die Kategorien existieren schliesslich weiterhin, vielleicht kriegen sie ein neues Label. Der Mann wird zum Ex-Mann, die Schwiegereltern zu den Ex-Schwiegereltern. Aber so wirklich weg ist die Beziehung ja nicht. Und das interessiert uns. Diese weitergeführten, aber abgebrochenen Beziehungen.

zentralplus: Eben sprachen Sie Bezeichnungen an wie Ex-Mann oder Ex-Frau. Das sind geläufige Ausdrücke. Ex-Mutter oder Ex-Sohn sind hingegen Begriffe, die so nicht existieren. Eltern bleiben ja Eltern, auch wenn eine oder beide Seite den Kontakt abbrechen. Dieses Band besteht doch weiterhin. Wie sehen Sie das?

Preissler: Selbst wenn seit Jahren Funkstille herrscht, gibt es Momente, in denen dann doch bestimmte Beziehungen wieder aktiviert werden. Beispielsweise gibt es ja nicht nur die Pflicht, dass sich die Eltern um ihre Kinder kümmern. Wenn die Eltern in Altersheimen untergebracht werden müssen und es um die Frage geht, wer das bezahlt, werden als Erstes die Kinder kontaktiert. Obwohl vielleicht seit Jahren kein Kontakt mehr stattgefunden hat, kommt es plötzlich wieder zum Kontakt. Wie auch an Familienfesten, bei Todesfällen und Krankheiten: Das alles sind Situationen, in denen abgebrochene Beziehungen wieder präsent sind und Menschen sich dann doch wieder annähern müssen, weil es gar nicht anders geht. Beispielsweise auch, wenn das Erbe ausgehandelt werden muss.

Beer: Nehmen wir an, jemand pflegt keinen Kontakt mehr zum Vater. Aber in einem Gespräch wird er gefragt, wie es dem Vater geht. Dann existiert diese Beziehung in diesem Gespräch und in der Wirklichkeit. Das macht es auch so schwer, aus solchen Beziehungen komplett auszusteigen. In unserer Forschung betrachten wir zudem das ganze Verwandtschaftsnetz.

zentralplus: Inwiefern?

Beer: Selbst wenn eine Beziehung in einem Netzwerk abgebrochen oder deaktiviert wird, dann zerbricht ja nicht gleich das ganze Netzwerk. Es wird vielleicht rekonfiguriert oder transformiert, das Netz bleibt aber bestehen. Wenn beispielsweise eine andere Person innerhalb dieses Verwandtennetzwerks eine Feier plant, kann es sein, das zwei eingeladen werden, die keinen Kontakt mehr haben. Das ist ein übliches Dilemma für mehrere Parteien – gerade nach einer Scheidung.

zentralplus: Es ist vermutlich einfacher, den Kontakt zu einer angeheirateten Person zu kappen als eine Beziehung von Kindern zu ihren Eltern. Sie bleiben ja verbunden durch diese Biografie und Zuschreibungen von aussen. Unterscheiden Sie in Ihrer Forschung über die Unterschiede, dass eine Liebesbeziehung einfacher gekappt werden kann als verwandtschaftliche Beziehungen wie beispielsweise Eltern-Kind?

Beer: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es hängt stark vom Einzelfall ab. Aus Ehen gehen ja häufig auch Kinder hervor und so bleiben Ehepaare die Eltern ihrer Kinder und diese die Enkel der Grosseltern. Elternschaft und Ehe sind Voraussetzungen der Beziehung zu weiteren Verwandten und die werden nicht unbedingt mit «gekappt».

zentralplus: Sie sagten, dass es oft auch um Wahlmöglichkeiten der Verwandtschaft geht. Könnte man sich seine Verwandten denn aussuchen?

Beer: Der Spruch «Seine Verwandten kann man sich nicht aussuchen» ist einer, der häufig fällt. Zugleich steht die der Wahlmöglichkeiten gerade in modernen Industriegesellschaften hoch im Kurs. Viele Menschen wollen eben auch als Individuum kreativ ihr Umfeld schaffen. Sich durch Freundschaften zum Beispiel ihre eigenen Beziehungsnetzwerke und «Wahlverwandtschaft» schaffen. Das geht auch, junge Menschen experimentieren mit anderen Ehe- und Wohnformen, es gibt Alternativen zur klassischen Kleinfamilie. Aber wenn es um die vorhandenen Verwandten geht, dann stösst diese Flexibilität an ihre Grenzen. Davon hat Frau Preissler eingangs schon einige benannt.

«Häufig wird dann von einem On-off-Muster gesprochen. Dass nach Jahren der Funkstille wieder Zeiten mit Kontakt folgen.»

Laura Preissler

zentralplus: Werden Beziehungen nicht eher aufrechterhalten, auch wenn man darunter leidet? Als den definitiven Bruch zu machen?

Preissler: Dazu gibt es leider nicht viele Studien. Wenn, dann eher im Bereich der Psychologie oder in der sozialen Arbeit. Häufig wird dann von einem On-off-Muster gesprochen. Dass nach Jahren der Funkstille wieder Zeiten mit Kontakt folgen. Andere Beziehungen werden nur sehr oberflächlich geführt, um Streitigkeiten zu vermeiden. Man trifft sich dann beispielsweise nur an Geburtstagen oder an Weihnachten. Das Thema wird von der Forschung erst neuerdings wahrgenommen.

zentralplus: Worauf achten Sie als Ethnologinnen besonders?

Beer: Wir holen uns nicht einfach eine Person an den Schreibtisch, um ein Interview durchzuführen. Sondern wir versuchen, Kontakt zu allen Beteiligten herzustellen. Das Interview ist nur ein Zugang, man kann gemeinsam Fotoalben betrachten, informelle Gespräche führen, zu Familienfeiern und Beerdigungen gehen und Interaktionen beobachten. Wir wollen nicht nur Leute befragen, sondern, soweit das möglich ist, ein Stück weit in die Lebenswelten der Menschen eintauchen. So beleuchten wir Themen aus unterschiedlichen Perspektiven.

zentralplus: Es ist enorm intim, über gescheiterte Beziehungen zu sprechen. Über familiäre Kontaktabbrüche oder darüber, ein Kind zur Adoption freizugeben. Wie gehen Sie da vor?

Beer: Unsere Forschung betrifft in der Tat einen der persönlichsten Bereiche des Menschen. Einen Bereich, in dem es den betroffenen Menschen oft selbst schwerfällt, zurückzutreten und die Geschehnisse mit einem anderen Blick zu betrachten. Wir Ethnologinnen versuchen erstmal, mit Abstand das Ganze anzugucken: Was ist da passiert – ohne zu bewerten und ohne zu meinen, wir wissen schon, wo das «Problem» steckt. Das ist für diese Themenfelder ungeheuer wichtig. Bei mir hilft manchmal der Umweg über die Fremde – ich werde zu Trennungen und Scheidungen in den Philippinen forschen. Dort versuche ich zunächst, die Beziehungsabbrüche aus Sicht der Darstellungen der Menschen zu verstehen. Was wird überhaupt unter Abbruch und den verschiedenen Formen verstanden? Meine eigenen Werte und Vorstellungen muss ich mir bewusst machen, um mich nicht zu sehr beeinflussen zu lassen.

zentralplus: Warum forschen Sie zum Thema Trennungen ausgerechnet auf den Philippinen?

Beer: Die Philippinen sind seit 30 Jahren mein Forschungsgebiet. Spannend ist das Land für unser Thema zudem, weil Scheidungen per Gesetz nicht möglich sind. Es gibt die Möglichkeit einer Annulierung der Ehe, die für die meisten Menschen zu teuer ist. De facto kommt es trotzdem zu vielen Trennungen. Das führt zu rechtlich komplizierten Situationen: Viele Paare leben zum Beispiel zusammen, heiraten aber nicht, weil einer von beiden oder beide noch in einer ersten Ehe gebunden sind.

zentralplus: Sie wollen ein Stück weit in die Lebenswelten der Menschen eintauchen. Wie kann man sich das vorstellen? Ziehen Sie bei den Menschen ein?

Preissler: Bettina wird in einem philippinischen Haushalt leben. Bei mir wird es wohl schwieriger, Menschen zu finden, die den Kontakt zu ihren Eltern gekappt haben, bei denen ich für ein paar Monate einziehen kann und an alle Familienfeiern eingeladen werde. Betroffene Menschen versuche ich, vor allem über Selbsthilfegruppen und Internetforen zu finden.

zentralplus: Wie ich gelesen habe, besteht ein übergeordnetes Ziel darin, die an die jeweiligen Beziehungen geknüpften Erwartungen und die Konsequenzen des Kontaktabbruchs zwischen den verschiedenen Teilprojekten zu vergleichen. Von welcher Gemeinsamkeit gehen Sie aus?

Beer: Wir verfolgen in unserer Forschung drei sowohl regionale als auch thematisch unterschiedliche Projekte. Zuerst werden wir also vor allem viele historisch gewachsene Besonderheiten der jeweiligen Situation beschreiben. Wahrscheinlich werden wir aber übergeordnet auch ähnliche Muster erkennen. Beispielsweise zur Frage, wie Menschen den physischen oder biologischen Aspekt von Verwandtschaftsbeziehungen, der weitergegeben wird, sehen, bewerten und problematisieren. Das wird bei allen Projekten eine Rolle spielen. Damit hadern auch viele.

zentralplus: Warum?

Beer: Weil darin wieder die Frage der Auflösbarkeit oder Unauflösbarkeit drinsteckt. Wenn jemand beispielsweise von anderen zu hören bekommt, ihre Nase sei ja «ganz die des Vaters». Die Person selbst aber mit dem Vater nichts mehr zu tun haben möchte und sagt, sie «habe keinen Vater». Dennoch muss sie sich mit den Äusserungen auseinandersetzen. Das ist zwar ein etwas schräges Beispiel. Aber mit genau solchen Dingen befassen wir uns auch in der Forschung.

Wer mehr über das Projekt wissen will oder sich als Betroffene an der Forschung beteiligen möchte, findet hier mehr Infos.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Bettina Beer und Laura Preissler
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