Gesellschaft
«Tischlein deck dich»: Enorme Nachfrage

Beschämend: 2500 Zentralschweizer haben zu wenig Geld fürs Essen

Caroline Schneider von «Tischlein deck dich» und Timon Probst von [email protected] vor einem Palett mit Süssigkeiten, die bald an Bedürftige verteilt werden.

(Bild: mbe.)

Am Samstag wird bei der Institution [email protected] Recycling in Baar gefeiert. Der Grund: «Tischlein deck dich» hat seine Infrastruktur ausgebaut und einen Preis erhalten. Denn die Nachfrage nach den kostenlosen Lebensmitteln wächst und wächst.

Timon Probst freut sich: «Dank den neuen Kühlräumen können wir viel mehr Lebensmittel annehmen als vorher.» Der Luzerner leitet die Logistik-Plattform Zentralschweiz von «Tischlein deck dich» in Baar. Ein Umbau samt Erweiterung wird am Samstag m Beisein von Regierungsrätin Manuela Weichelt-Picard gefeiert.

Umbau und Erweiterung

Zentralplus durfte bereits vorher einen Augenschein nehmen. Was ist neu? Die Kühlräume konnten von 16 auf 46 Quadratmeter vergrössert werden. Ebenfalls hat «Tischlein deck dich» in der Recyclinghalle jetzt 100 Quadratmeter zusätzliche Fläche für das Sortieren und Rüsten von Früchten und Gemüse zur Verfügung. «Durch die Erweiterung können wir jetzt eine richtige Rüststrasse einrichten», erklärt Timon Probst.

«Die Auszeichnung bedeutet eine sehr grosse Wertschätzung unserer Arbeit.»
Caroline Schneider von «Tischlein deck dich»

In einem Teil der Halle lagert und sortiert die Nonprofitorganisation seit 2010 die von der Lebensmittelbranche gelieferten, nicht mehr verkäuflichen, aber noch einwandfreien Esswaren. «Tischlein deck dich» arbeitet in Baar mit Mitarbeitenden von [email protected] Recycling und Zivildienstleistenden. Von Baar aus werden die Lebensmittel an 17 Abgabestellen in der Zentralschweiz und Umgebung geliefert. Und dann von den freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an Bedürftige abgegeben.

45’000 Franken von Luzerner Stiftung

Gefeiert wird an diesem Wochenende auch eine Auszeichnung, welche die Luzerner Albert-Köchlin-Stiftung den Abgabestellen verliehen hat. «Für uns kam dieser Preis überraschend. Er bedeutet eine sehr grosse Wertschätzung unserer Arbeit», sagt die Kommunikationsverantwortliche von «Tischlein deck dich», Caroline Schneider. Speziell für die vielen freiwilligen Mitarbeitenden, welche die Abgabestellen betreuten.

Die Esswaren sind tadellos

«Tischlein deck dick» betont, dass die Organisation keine Lebensmittel verteilt, deren Ablaufdatum überschritten ist. Diese Falschaussage kursiere immer wieder in Medien und in der Bevölkerung, erklärt die Kommunikationsverantwortliche Claudia Schneider. «Wir unterstehen – wie jedes andere Unternehmen, das mit Lebensmitteln handelt – dem Lebensmittelgesetz. Im Jahr 2014 haben wir die «MHD + 6-Regel» eingeführt. Damit können wir ungekühlte, unbedenkliche Produkte noch sechs Tage über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus verteilen und so noch mehr Lebensmittel vor der Vernichtung retten», erklärt Schneider. Oder man verlange eine schriftliche Haltbarkeitsverlängerung des Produzenten. Zum Beispiel bei aufgebackenen Schinkengipfeli.

Sehr wichtig sei auch die finanzielle Unterstützung. Schneider: «Das Preisgeld von 45’000 Franken wurde nicht direkt für den Umbau verwendet, sondern fliesst in die Deckung der Logistikkosten. Die Belieferung einer Abgabestelle kostet uns jährlich rund 30’000 Franken.» Für die Finanzierung des Umbaus habe man spezifisch Stiftungen angefragt.

Ein professioneller Logistikbetrieb

Wie funktioniert die Organisation in Baar? Von Montag bis Donnerstag herrscht bei «Tischlein deck dich» Vollbetrieb. Es kommen laufend neue Lieferungen von Lebensmitteln – vom frischen Brot über Käse, Joghurt, Früchte, Salat und anderes Gemüse und vieles andere, das nicht verkauft werden konnte. «Nach den Feiertagen bekommen wir immer besonders viele Lebensmittel», sagt der Logistikleiter Probst. Das sei schön, brauche aber Platz für die Lagerung. Von Baar aus werden die Lebensmittel dann mit Kühlfahrzeugen an die Abgabestellen verteilt. «Jeweils ein Zivi und einer unserer Mitarbeiter fahren die Touren», sagt Probst.

«Nach den Feiertagen bekommen wir immer besonders viele Lebensmittel.»
Timon Probst, Leiter Logistik-Plattform Zentralschweiz

Nachfrage stark gewachsen

Laut Caroline Schneider wächst die Nachfrage jedes Jahr. Bezogen 2012 pro Woche noch 1296 Personen in der Zentralschweiz Lebensmittel, stieg diese Zahl seither steil an – um durchschnittlich 10 bis 15 Prozent jährlich. Im Jahr 2014 betrug das Plus sogar 39 Prozent, was mit der Eröffnung zusätzlicher Abgabestellen zusammenhängt. Aktuell werden 2500 Personen unterstützt. Besonders gut besucht ist die Abgabestelle in Emmenbrücke.

Betreute die Plattform Zentralschweiz 2012 acht Abgabestellen, sind es heute 17 (siehe Kasten unterhalb des Haupttextes). «Um diese Zunahmen und die steigende Zahl von Abholungen zu gewährleisten, wurde 2015 das Pensum der Zentrumsleitung erhöht», erklärt Schneider. «Zudem haben wir ein zweites Kühlfahrzeug in Betrieb genommen.» Dazu kommen jetzt die zusätzlichen Kühlkapazitäten und die Vergrösserung des Rüstraums.

Organisation kann Nachfrage nicht immer erfüllen

Die Nachfrage ist grösser als das mögliche Angebot. Schneider: «Wir bekommen immer wieder Anfragen von Gemeinden und Kirchen, die uns ihren Bedarf und die Bedürftigen melden.» Doch handkehrum braucht der Verein für die Abholungen und das Verteilen der Lebensmittel Lagerkapazitäten und freiwillige Mitarbeiter. Denn «Tischlein deck dich» lebt ausschliesslich von Spenden.

«In der Schweiz leben 590’000 Menschen unter der Armutsgrenze. Momentan erreichen wir rund 15’800 von ihnen.»
Caroline Schneider

Der Kampf gegen Foodwaste stehe erst am Anfang, betont Schneider. «In der Schweiz werden jedes Jahr rund zwei Millionen Tonnen einwandfreie Lebensmittel vernichtet. Davon haben wir 2015 rund 3260 Tonnen verteilt.» In der Schweiz würden 590’000 Menschen unter der Armutsgrenze leben. «Momentan erreichen wir rund 15’800 von ihnen.» Viele schämten sich leider, das kostenlose Angebot in Anspruch zu nehmen, sagt die Sprecherin.

Frequenzen der Zuger Abgabestelle

Bei [email protected] Recycling neben dem Zuger Kantonsspital befindet sich auch die Abgabestelle für den Kanton Zug. Hier holen rund 140 Personen für sich und ihre Angehörigen jede Woche Lebensmittel ab. Familienmitglieder dazugezählt, profitieren zurzeit rund 400 Personen von der Hilfe.
Es sind Schweizer wie Ausländer darunter, auch Asylbewerber, Menschen, die jeden Franken zweimal umdrehen müssen. Sie müssen einen Antrag stellen beim Sozialamt und bekommen dann eine Bezugskarte. Diese ist personalisiert, mit Foto und Namen, damit niemand anders die Esswaren beziehen kann.

Gute Stimmung «wie an einem Bazar»

Jeweils am Dienstag ist Ausgabetag. Die Bezüger zahlen beim Empfang einen symbolischen Franken, dann werden die Lebensmittel kontrolliert verteilt. Die Verteilung erfolgt möglichst gerecht und in abgestimmten Mengen gemäss Haushaltsgrösse. Was die Bezüger nachher machen, ob sie zum Beispiel untereinander tauschen, ist ihnen überlassen. Gestritten wird nicht um Essen. «Ich habe noch nie einen Konflikt erlebt», sagt Timon Probst. «Es herrscht jeweils eine fröhliche Stimmung wie an einem Bazar.»

«Tischlein deck dich» in der Zentralschweiz

Verteilte Mengen: 349’660 Kilo im Jahr 2015
Abgabestellen: 17
Standorte: Aarau, Affoltern ZH, Altdorf, Baar, Emmenbrücke, Einsiedeln, Hochdorf, Luzern, Muri, Pfäffikon SZ, Sarnen, Seewen, Sursee, Stans, Wädenswil, Willisau und Wohlen. (Zur Zentralschweiz zählen organisatorisch auch einige Ortschaften in Nachbarkantonen)
Regionale Produktspender: Verschiedene Bäckereien, Grossverteiler, Emmi, Hug Malters, Lactalis, Mars, Neue Napfmilch, Panella, Prodega und Schweizer Tafel
Unterstützte Personen: 2500 in der Zentralschweiz
Spender: Verschiedene Stiftungen, der Lotteriefonds der Kantone Zug, Schwyz und Uri, Firmen, und die Reformierte Kirche Kanton Zug
Organisation: «Tischlein deck dich» ist ein nationaler Verein mit sechs regionalen Logistik-Plattformen

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