Gesellschaft
Arbeit tauschen statt kaufen

Beim Luzerner Tauschnetz ist Zeit die Währung

Urs Häner ist eines der Gründungsmitglieder des Tauschnetzes in Luzern. (Bild: zvg)

Beim Luzerner Tauschnetz werden seit über 20 Jahren kleinere und grössere Arbeiten getauscht anstatt gekauft. Und zwar mit Zeit. Ein Zukunfts- oder Auslaufmodell? Wir haben nachgefragt.

Stell dir vor, du würdest Dienstleistungen, die du im Alltag brauchst, nicht mehr mit Geld begleichen. Kein Warten auf den Lohn und kein Abwägen, ob es das jetzt wirklich braucht, weil das Budget diesen Monat nicht so rosig aussieht. Und auch das Suchen nach dem besten Angebot oder dem Vergleichen von Preisen und Aufwand kannst du dir ersparen.

Stell dir vor, du könntest die Dienstleistungen in Zeit vergüten. Eine von dir beanspruchte Dienstleistung würde jemand aus der Umgebung machen, dessen Bewertungen du anschauen kannst. Es hilft dir also jemand eine Stunde, ein Problem mit deinem neuen Laptop zu lösen. Eine andere Person giesst deine Pflanzen in der Woche, in der du in den Ferien bist.

Du bietest dafür anderen an, Kleider zu flicken oder anzupassen und bei der Steuererklärung zu helfen. Diese Angebote sind sehr gefragt, du nimmst regelmässig Anfragen an. Deswegen hast du genügend Stunden auf deinem Konto, die du für Dienstleistungen eintauschen kannst, die du von anderen benötigst. Denn jede Arbeit ist gleich viel wert. Praktisch also wie mit Geld. Nur eben mit Zeit.

Eine Alternative zum Wirtschaftssystem

Genau das ist das Konzept des Luzerner Tauschnetzes. Dieses ist eines von vielen weltweiten Projekten, das ein Komplementärsystem zum Wirtschaftssystem bieten möchte. Tauschhandlungen werden, wie auf einem klassischen vorkapitalistischen Marktplatz, durchgeführt. Der Vorteil davon: Ohne das Anlegen von Geld wird das Zinssystem nicht bedient, das Reiche immer reicher und Arme immer ärmer macht.

«Das Tauschnetz ist ein lokales Nischenangebot, welches das klassische Wirtschaftssystem ergänzen, nicht ersetzen soll. Das Wirtschaftssystem ersetzen können wir gar nicht», sagt Urs Häner. Er ist eines der Gründungsmitglieder und Animator am Tauschnetz-Treff im Sentitreff. «Wir machen aber auch keine Freiwilligenarbeit. Das wird oft verwechselt. Es werden gleichwertige Dinge getauscht», fügt er an.

«Beim Jahresabschluss haben wir gesehen, dass die Mitgliederzahl das erste Mal wieder unter 100 gefallen ist. Das war schon happig zu sehen.»

Urs Häner, eines der Gründungsmitglieder und Animator des Tauschnetzes

Das Luzerner Tauschnetz war in der Deutschschweiz eine der ersten Plattformen mit einem alternativen Währungssystem und hatte zu Beginn grossen Erfolg. In nur drei Jahren wuchs der Verein auf 100 Mitglieder und erreichte in den Folgejahren gar rund 300 Mitglieder. Damit war es eines der grössten Tauschnetze der Deutschschweiz.

Toni Arnold (links) und Patrick West (rechts) bei einer Standaktion am Schwanenplatz im September 2020. (Bild: zvg)

Mitgliederzahl fällt das erste Mal unter 100

Seit diesem Höhepunkt ist die Mitgliederzahl stetig gesunken, bis sie in den letzten Jahren um die 100 betrug. «Für eine lokale Plattform ist das nicht schlecht. Wichtig ist nicht unbedingt die Grösse, sondern dass die Mitglieder aktiv sind und die Stunden in Zirkulation bleiben», sagt der pensionierte Zeitungsdrucker Häner.

Eine kritische Grösse gibt es allerdings doch. Und das spüre man am Angebot, sagt ein Mitglied, das am Dienstagabend im Sentitreff zum monatlichen Treffen erscheint. «Die Vielfalt der Angebote ist zu klein geworden. Für mich ist es schwierig, meine Stunden einzulösen», fügt sie an. Hinzu kommt, dass ab und zu auch eine gewisse Flexibilität fehle. Vor allem berufstätige Leute könnten oft nur spezifische Zeiten anbieten. Das sei für Interessentinnen auch nicht einfach.

«Als das Tauschnetz 2001 startete, wurden noch Kartonkarten quittiert.»

Urs Häner

Die Zahlen bestätigten das, erklärt Häner. «Beim Jahresabschluss haben wir gesehen, dass die Mitgliederzahl das erste Mal wieder unter 100 gefallen ist. Das war schon happig zu sehen.» Häner vermutet darin eine Spätfolge der Pandemie, die beim Tauschnetz zu einem Einbruch geführt hatte. Geplant sei jetzt nochmals eine starke Initiative zur Mitgliedergewinnung.

Die Digitalisierung hat vieles verändert

Dabei hat das Luzerner Tauschnetz schon früh auf digitale Formen gesetzt. Seit 2008 wird das Stundenkonto digital geführt. Die Angebote sind zusätzlich zum Inserat in der gedruckten Marktzeitung auch auf der Website einsehbar. Und während der Pandemie gab es einen Digitreff über Zoom. Das habe vieles vereinfacht.

«Heute gibt es online unzählige kurzfristige und sehr unverbindliche Angebote. Das ist für uns die grösste Konkurrenz.»

Urs Häner

«Als das Tauschnetz 2001 startete, wurden noch Kartonkarten quittiert», sagt Häner. Das elektronische Buchungssystem erspare natürlich administrativen Aufwand, aber es führe auch zu weniger persönlichem Kontakt. Denn das sei neben der Tauschplattform der zweite Hauptzweck des Vereins. Mitglieder sollen die Möglichkeit haben, soziale Kontakte zu vertiefen.

Deswegen gibt es regelmässige Treffen. Einmal im Monat treffen sich Mitglieder im Sentitreff beim Tauschnetz-Treff und einmal monatlich im Bourbaki zum «Zeit statt Geld»-Stammtisch.

Das Generationenproblem

Doch auch die Treffen sind weniger geworden. Eines der Mitglieder vor Ort sieht das Problem hauptsächlich beim Generationenwechsel: Es kämen zu wenig Junge nach, die den Verein weitertragen würden. «Ein häufiger Grund für einen Beitritt ist die Pensionierung. So war es auch bei mir», sagt Melk Blättler, der seit 2013 dabei ist. Das mache auch am meisten Sinn, da Pensionierte mehr Zeit zur Verfügung hätten, aber nicht unbedingt mehr Geld, erklärt Häner.

«Die meisten Probleme des Zeittauschs liegen an der fehlenden Zeit.»

Urs Häner

Deshalb ist eine gewisse Sesshaftigkeit beim Tauschnetz ein Muss. Es sei ein langfristiges Projekt, das darauf beruhe, dass man geleistete Stunden wieder einsetzen könne. «Heute gibt es online unzählige kurzfristige und sehr unverbindliche Angebote. Das ist für uns die grösste Konkurrenz», sagt Häner.

Es sei auch verständlich, dass das Leben von jungen Leuten fluider sei, sie häufiger umziehen würden und mehr Aktivitäten nebeneinander hätten. Deswegen seien die Mitglieder eher im Pensionsalter. Aber auch da werden es weniger. Grössere Auseinandersetzungen gebe es zwar selten, sagt Häner. «Die meisten Probleme des Zeittauschs liegen an der fehlenden Zeit», fügt er an.

Ein Zukunftsmodell

Dabei hat das Tauschnetz grosses Zukunftspotenzial. In seiner Grösse ist es natürlich limitiert und ideal für einen Marktplatz in der Nachbarschaft. Und besonders Leute mit kleinem Budget, also Rentnerinnen, Geflüchtete sowie Menschen mit Sozialhilfe könnten davon profitieren.

Für Geflüchtete habe das Tauschnetz bis jetzt allerdings nicht funktioniert, weil sie zu Beginn hier in der Schweiz ganz andere Bedürfnisse hätten und die langfristige Mitgliedschaft nicht dazu passe, erklärt Häner. Man dürfe auch nicht die vielen freiwilligen Angebote der Stadt und der Kirchgemeinden vergessen, ergänzt Melk Blättler. Und der Mitgliedsbeitrag des Tauschnetzes von 30 Franken sei oft schon eine zu grosse Hürde.

Wie die Zukunft des Tauschnetzes aussehen wird und wie lange es mit dem Verein noch weitergehen wird, ist ungewiss. Unterdessen kommt an diesem Abend unverhofft ein anderes Zukunftsthema auf den Tisch. «Ich habe vor einer Woche ein Angebot zum Stromsparen aufgeschaltet», sagt Melk Blättler lächelnd. Schliesslich ist er pensionierter Elektriker. «Bis jetzt habe ich aber noch keine Anfrage bekommen.» Während die städtische Energieberatung also heillos überlaufen wird, können die Mitglieder des Tauschnetzes auf Blättlers Angebot zurückgreifen.

Patrick West bei den Vorbereitungen zum Jubiläumsfest im Mai 2021. (Bild: zvg)
Verwendete Quellen
  • Persönliche Gespräche mit Urs Häner, Melk Blättler und einem weiteren Mitglied
  • Website des Luzerner Tauschnetzes
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