Vertretung aus der Zentralschweiz in Bern

Behindertensession: «Es liegt an uns, etwas zu ändern»

Martin Jaussi aus Baar vertritt den Kanton Zug bei der ersten Behindertensession der Schweiz. (Bild: ida)

In einer Woche findet in Bern die erste nationale Behindertensession statt. Mit dabei ist Martin Jaussi aus Baar, der mit der Krankheit Multiple Sklerose lebt und im Rollstuhl sitzt. Er sagt, wofür er kämpfen wird.

Am 24. März gehört der Nationalratssaal den Menschen, die mit einer Behinderung leben. 44 Menschen werden auf den Stühlen Platz nehmen – oder mit ihren Rollstühlen in den Saal fahren. Einer von ihnen ist Martin Jaussi aus Baar.

Warum sind es exakt 44 Menschen? Im Nationalrat sitzen 200 Parlamentarierinnen als Vertreter der Bevölkerung. 44 von 200 Sitzen entsprechen dem Anteil Menschen in der Schweiz, die mit einer Behinderung leben. Also 22 Prozent aller Schweizer.

Die Realität sieht anders aus, nicht ganz so divers. Ein Parlamentarier mit einem Handicap ist Mitte-Nationalrat Christian Lohr. Der Thurgauer ist ohne Arme und mit fehlgebildeten Beinen zur Welt gekommen.

Am 17. März 2021 sorgte er für einen bewegenden Moment: An diesem Tag konnte er selbständig ans Rednerpult fahren und seine demokratischen Rechte wahrnehmen. Zuvor wurden im Parlamentsgebäude Rampen gebaut, damit auch das Podium mit dem Rollstuhl zugänglich ist.

Mit Menschen mit einer Behinderung reden, statt nur über sie. Das sagt Mitte-Nationalrat Christian Lohr:

Behinderte müssen für sich selbst einstehen

Einer, der ebenfalls das Wort ergreift, ist Martin Jaussi aus Baar. Er wird an der ersten nationalen Behindertensession den Kanton Zug vertreten. Vor 34 Jahren zeigte Jaussi die ersten Symptome, bis er sechs Jahre später die Diagnose erhielt: «Multiple Sklerose», kurz MS. «Die Behindertensession ist enorm dringend», sagt der 56-Jährige in einem Skype-Gespräch. Seine Stimme wirkt kräftig und bestimmt, den linken Arm hält er ruhig, mit der rechten Hand gestikuliert er. Jaussi hat viel zu sagen – und erhebt die Stimme für Menschen, wie er einer ist.

«Wir wollen etwas bewegen, etwas ändern – und es liegt an uns, dies auch zu tun.»

Es sei wichtig, dass behinderte Menschen sichtbar seien und dass die Gesellschaft sie wahrnehme. «Und da müssen wir Menschen, die mit einer Behinderung leben, selbst an die Öffentlichkeit treten und für uns einstehen.» Schliesslich sind sie hier und wissen, auf welche Hürden sie im Alltag stossen und was sich auf politischer Ebene tun müsste, um ihnen ein selbständigeres oder besseres Leben zu ermöglichen. «Wir wollen etwas bewegen, etwas ändern – und es liegt an uns, dies auch zu tun.»

Das Leben zu Hause

Am kommenden Freitag lädt Nationalratspräsident Martin Candinas zur Behindertensession. Die Teilnehmerinnen werden über politische Teilhabe und politische Rechte von behinderten Menschen in der Schweiz debattieren. Ziel ist es, eine Resolution zu verabschieden.

Jaussi hat Themen, die ihn umtreiben, die er voranbringen möchte. Ein für ihn zentrales Anliegen ist, dass es auch Menschen mit einer Beeinträchtigung möglich ist, in den eigenen vier Wänden zu leben.

«Ich bin gerne unter Menschen und in einen Alltag involviert, der sich nach den Fussgängern richtet.»

Der Schreinermeister lebte jahrelang in Pflegeheimen, seit acht Jahren in einer eigenen Wohnung. «Es gibt für mich nichts Schöneres als zu Hause zu leben. Dass ich seit acht Jahren so leben darf, bedeutet mir enorm viel. Es geht – auch wenn es dafür natürlich viel braucht.» Möglich ist das bei Jaussi dank seiner Partnerin Katrin Marczona, die einst seine Pflegerin war. Und einem Team aus fünf Assistentinnen und einem Assistenten, die ihn betreuen. «Ich bin gerne unter Menschen und in einen Alltag involviert, der sich nach den Fussgängern richtet.» Er kenne auch andere Menschen mit einer Beeinträchtigung, die gerne aus Pflegeheimen ausziehen würden, um nicht nur unter Gleichgesinnten oder Leidensgenossen zu sein.

Hofft, etwas bewegen zu können: Martin Jaussi.

Barrierefreien Zugang

Jaussi engagiert sich seit Jahren in der Arbeitsgruppe «Menschen mit Behinderung Zug». Diese macht sich vor allem dafür stark, dass auch Blinde oder Menschen im Rollstuhl barrierefreien Zugang haben – sei es zu Parkplätzen oder Badis. Dank der Arbeitsgruppe wurden beispielsweise die beiden Behindertenparkplätze an der Dammstrasse beim Bahnhof Zug saniert. Zuvor waren diese mit Rasengittersteinen ausgelegt, was für Menschen im Rollstuhl schwer befahrbar war.

Grosse Hoffnung in die Behindertensession

Im Alltag muss Jaussi immer mal wieder leer schlucken, weil er den Eindruck hat, nicht gehört oder gesehen zu werden.

Jetzt freut er sich auf die Behindertensession, in die er grosse Hoffnungen legt. Die 44 Teilnehmerinnen haben sich bereits miteinander ausgetauscht. «Es herrschte eine unglaubliche Dynamik. Ich bin sehr gespannt, wie es ist, wenn wir alle unter der Bundeshauskuppel sitzen. Deswegen hoffe ich, dass wir auf nationaler Ebene etwas bewegen können, wenn wir beharrlich dranbleiben.»

Verwendete Quellen
  • Telefonat und persönlicher Austausch mit Martin Jaussi
  • Informationen auf der Website von Pro Infirmis
  • Medienbericht «Nau»
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