Gesellschaft
«Fixerplätzli» direkt an der Reuss

Bahnt sich in Luzern eine offene Drogenszene an?

Hier bei den roten Bänken am Kasernenplatz direkt an der Reuss treffen sich regelmässig Menschen, konsumieren Drogen und dealen. (Bild: ida)

Regelmässig kommen am Kasernenplatz in Luzern Menschen zusammen, konsumieren Drogen und dealen. Entwickelt sich da eine offene Drogenszene – wie es Luzern zuletzt in den 1990er-Jahren kannte? Wir haben nachgeforscht.

Szene am Kasernenplatz: Wir schlendern am Natur-Museum vorbei, hören das ruhige Rauschen der Reuss, das immer stärker wird. Auf der anderen Uferseite erblicken wir die malerischen Häuser des St. Karliquais. Das «eiserne Männli» mit Schwert reckt auf einem der neun Museggtürme unerschrocken sein Fähnchen in die Höhe.

Kleine, braune Blätter wirbeln vom Boden auf, als wir unsere Füsse weiter setzen. Das Laub stammt von den beiden Trauerweiden, deren Äste schwermütig zu Boden hängen. Unter den beiden Bäumen stehen drei rote Sitzbänke. An diesem Tag sind sie unbesetzt. Anders als die Wochen und Monate davor.

Denn immer wieder sieht man hier hinter der Bushaltestelle direkt an der Reuss Menschen, wie sie eine Pfeife rauchen – oder dem Gegenüber eine Note in die Hand drücken und ein Tütchen entgegennehmen. Auch schon sah man, wie sich jemand einen Schuss setzte. Gedealt und konsumiert wird hier jedenfalls regelmässig.

Drogenszene in Luzern nicht grösser – sie verteilt sich aber mehr

Olivia Allemann kennt die Menschen auf der Gasse. Sie ist Leiterin der aufsuchenden Sozialarbeit des Vereins kirchliche Gassenarbeit Luzern. Seit über zehn Jahren ist Allemanns Team auf der Gasse unterwegs und hat für die Menschen stets ein offenes Ohr (zentralplus berichtete).

In den letzten Wochen und Monaten hatte man den Eindruck, die Szene sei grösser geworden. Täuscht der Eindruck? Die Zahlen alkohol- und drogenabhängiger Menschen sei seit Jahren in etwa stabil, sagt Allemann am Telefon. «Es sind uns bekannte Gesichter, auch wenn es immer mal wieder Neuzugänge gibt. Aber die Szene ist in den letzten Jahren nicht gewachsen. Nur hat sie sich in den letzten Monaten zersplittert. Zersplittert in kleinere Gruppen und an mehrere Orte, an denen sie vermutlich einfacher sichtbarer ist und mehr auffällt.»

Mehrere Hotspots in Luzern

Suchtbetroffene zieht es von Plätzen weg, an denen sie gestört oder vertrieben werden – und finden an neuen Orten wieder ein Plätzchen. Wie eben am Kasernenplatz an der Reuss. Oder vor der Hauptpost am Bahnhof Luzern oder in der Seidenhofstrasse.

Die Gründe dafür seien vielfältig, so Allemann. Zum einen zieht sich die Szene von Plätzen zurück, an denen die Polizei hohe Präsenz markiert. Aber auch der Umbau des Coops am Kasernenplatz spiele eine Rolle. Früher haben sich da immer wieder Menschen am Rande der Gesellschaft getroffen, um gemeinsam ein Bierchen zu trinken (zentralplus berichtete). Früher trafen Allemann und ihr Team vor dem Coop eine Stammgruppe an – heute nur noch vereinzelt Menschen.

Insgesamt stehen hier am Kasernenplatz drei Bänke unter den beiden Weiden. (Bild: ida)

Polizei ist am Kasernenplatz präsent – und greift ein

Auch der Polizei fällt auf, dass sich die Szene verlagert hat. Vom Treffpunkt am Kasernenplatz hat die Polizei Kenntnis – und ist laut Mediensprecher Urs Wigger entsprechend präsent. Stellt die Polizei strafbare Handlungen fest, würden diese geahndet.

Die Polizei beurteilt die Lage immer neu. Sie passt ihre Präsenz und die Kontrolltätigkeit an. «Die Szene ist immer in Bewegung», so Urs Wigger. Die Szene bewegt sich, so schreibt er, eben auch durch die Präsenz der Polizei – oder aufgrund des Wetters.

Szene am Kasernenplatz: Unschöne Realität?

Dass sich die Szene gerade vermehrt am Kasernenplatz trifft, fällt auf. So schrieb auch eine zentralplus-Leserin, dass am Kasernenplatz «offen konsumiert und gedealt wird wie blöd». Das «Fixerplätzli» scheine ein Ort zu sein, «wo es scheinbar recht ausser Kontrolle scheint».

«Drogenkonsumierende im öffentlichen Raum sind in der Stadt sichtbar – und das sollten sie auch sein dürfen.»

Olivia Allemann, Gassenarbeiterin

Zu sehen, wie jemand Drogen konsumiert oder sichtlich berauscht ist, löst wohl in jedem etwas aus. Es macht betroffen, wühlt vielleicht auf. «Es ist nachvollziehbar, dass öffentlicher Konsum und Dealen irritiert und verunsichert», sagt Olivia Allemann. «Gleichzeitig ist es aber eine gesellschaftliche Realität. Drogenkonsumierende im öffentlichen Raum sind in der Stadt sichtbar – und das sollten sie auch sein dürfen. Es sind Menschen, die genauso zu unserer Gesellschaft gehören.»

Das ist auch die Haltung der Gassenarbeit Luzern. Bei ihr steht nicht der Ausstieg aus der Drogensucht an erster Stelle, sondern die Schadensminderung.

Olivia Allemann ist auch Projektleiterin der Drogeninformation Luzern (DILU). (Bild: ida)

Luzern in den 90er-Jahren: Die offene Drogenszene unc das Fixerräumli im Stadthaus

Eine offene Drogenszene in der Stadt Luzern – das gab es zuletzt in den 1990er-Jahren.

Schauplatz Eisengasse, mitten in der Altstadt, September 1992. Eine Passantin guckt durch die Scheiben der Bäckerei Merz, mit einem Kameraschwung nach links erblicken wir das Schaufenster des damaligen Nordmann. Ein junger Mann – helle Jeans, Jeansjacke und weisse Sneakers – steht am Brunnen, ein kleines Plastikrohr zwischen seinen Lippen. In seinen Händen hält er ein Stück Alufolie, zuvor hat er darauf eine kleine Menge seines Heroins gehäufelt.

Mit seinem Feuerzeug erwärmt er das Heroin von unten, zieht den aufsteigenden Dampf mit dem Plastikrohr in seine Lungen. Er sei ja selber schuld, dass er reingerutscht sei, sagt der Mann namens Angie im SRF-Beitrag vom 2. September 1992. Kollegen hätten ihm einst mal etwas angeboten. Er habe es probiert, der Flash war so gut, dass er es wieder geraucht hat. «Dann bin ich halt mal süchtig geworden und jetzt … jetzt brauch ich's halt.»

Ausgestreckte Hand statt geballter Faust

Gedealt wurde hauptsächlich auf der Eisengasse – konsumiert nur ein paar wenige Meter weiter, unter der Egg. Besonders das Folienrauchen von Heroin war beliebt, was gemäss Berichten auch viele Junge zum Drogenkonsum verlockt hatte.

Der damalige Stadtpräsident Franz Kurzmeyer setzte sich für die Drogenabhängigen ein – und machte sich dafür stark, dass im Stadhaus selbst 1992 ein Fixerräumli geschaffen wird. «Ich glaube, der richtige Weg ist immer noch die ausgestreckte Hand und nicht die geballte Faust», sagte Kurzmeyer damals gegenüber dem Schweizer Fernsehen.

«Solange es schadensmindernde Angebote wie die von uns gibt, denke ich nicht, dass sich in Luzern wieder eine offene Drogenszene entwickeln könnte.»

Olivia Allemann

Auch wenn die Erfahrungen damit positiv waren – die offene Drogenszene in der Eisengasse ist durch die Eröffnung des Fixerraums weder verschwunden noch kleiner geworden.

Besonders nach der Räumung des Zürcher Platzspitzes ist die Drogenszene in Luzern gewachsen. Am 14. Juli 1993 folgte dann der Stadtratsentscheid: Die Polizei erhielt den Auftrag, mit repressiven Methoden die offene Drogenszene aufzulösen. Auf dem ganzen Stadtgebiet wurde kein Drogenhandel und -konsum geduldet. Die Polizei führte Razzien durch, nahm Personen vorübergehend in Gewahrsam. Die raue Gangart der Beamten löste damals auch viel Unmut aus.

Konsum im Versteckten

Die offene Szene wurde damals zwar aufgelöst – doch eins ist klar: Durch Repression lässt sich die Szene aus den Augen schaffen, nicht aber aus der Welt. Konsumiert und gedealt wird weiterhin – halt im Versteckteren. Umso wichtiger wurden Hilfsangebotene für Betroffene, die auch in Luzern geschaffen wurden – wie eine kontrollierte Drogenabgabestelle. Seit 1992 hat Luzern mit dem Drop-in eine solche. Auch heute noch werden an der Bruchstrasse Betroffenen kontrolliert Opiate abgegeben. So leiden diese nicht an Entzugserscheinungen und ihr Drang nach Heroin wird gelindert (zentralplus berichtete).

Diskussionen, ob eine offene Drogenszene entstünde, flackerten in den letzten Jahren immer wieder mal auf. So wurde auch das Vögeligärtli immer wieder zum beliebten Brennpunkt der Szene (zentralplus berichtete). Aber alles nahm keine Ausmasse an, wie man sie in den 90er-Jahren kannte.

Eine offene Drogenszene? Wohl kaum, glaubt die Expertin

Szenen, wie es sie in der Luzerner Altstadt in den 90er-Jahren gab, sind auch für Allemann weit her. «Verlagerungen in der Stadt gibt es im kleinen Rahmen immer wieder», so die Expertin. «Wie es auch immer so sein wird, dass sich die Szene draussen trifft und für andere so sichtbar wird.»

Von einem «Fixerplätzli» zu reden, sei auch nicht ganz wahr. Im öffentlichen Raum wie am Kasernenplatz sei eher «nur» das Rauchen von Drogen wie Kokain oder Freebase (chemisch verarbeitetes Kokain) sichtbar. Eine solche Pfeife können Konsumierende auch in einem Hauseingang rauchen und schnell wieder in der Hosentasche verstauen. «Intravenöser Konsum – wie Heroin spritzen – findet eher im versteckten öffentlichen Raum statt. Also etwa einer Tiefgarage oder in einem WC», so Allemann. Denn diese Konsumart ist aufwändiger – es braucht mehr Zeit und einen geeigneten Ort, wie etwa gute Lichtverhältnisse.

«Den Konsum und den Deal von Drogen kann und will die Stadt Luzern nicht tolerieren.»

Christian Wandeler, Sicherheitsmanager

Allemann betont die Wichtigkeit schadensmindernder Angebote, wie sie auch der Verein kirchliche Gassenarbeit Luzern anbietet. Bei Menschen, deren Alltag durch den Drogenkonsum bestimmt ist, steht beim Verein nicht der Ausstieg aus den Drogen an erster Stelle, sondern die Schadensminderung.

Unter anderem erhalten Randständige in der «Gassechuchi» am Geissensteinring Essen und können in einem geschützten und sauberen Rahmen Substanzen konsumieren. Die aufsuchende Sozialarbeit sucht das Gespräch mit den Menschen auf der Gasse. Und Seelsorger Valentin Beck steht sucht- und armutsbetroffenen Menschen in Krisensituationen, bei Sinnfragen und bei Todesfällen zur Seite (zentralplus berichtete).

«Solange es schadensmindernde Angebote wie die von uns gibt, denke ich nicht, dass sich in Luzern wieder eine offene Drogenszene entwickeln könnte», schätzt Olivia Allemann die Lage ein. «Schliesslich entlastet die Gassechuchi auch den öffentlichen Raum, indem sich Suchtbetroffene tagsüber vor allem in der Gassechuchi aufhalten.»

Stadt duldet offenen Drogenkonsum nicht

Geduldet würde eine offene Drogenszene ohnehin nicht. Sicherheitsmanager Christian Wandeler findet klare Worte für die Situation am Kasernenplatz: «Den Konsum und den Deal von Drogen kann und will die Stadt Luzern nicht tolerieren.» Die Stadt tauscht sich laufend mit der Polizei und der SIP, die regelmässig in Patrouillen in der Stadt unterwegs ist, aus. Oder eben mit dem Verein kirchliche Gassenarbeit. Auftrag und Interessen unterscheiden sich. Die Polizei will Konsum und Dealen unterbinden, wo das Betäubungsmittel verletzt wird. Und der Verein kirchliche Gassenarbeit versucht Menschen in ihrer Sucht zu akzeptieren, zu begleiten und so gut es geht zu stabilisieren.

Gemeinsam setze man sich für eine «geregelte Situation» ein, sagt Wandeler. «Die Drogenthematik lässt sich nicht so leicht verhindern», fasst er zusammen. Und auch er betont, dass Drogenkonsumierende das Recht haben, sich auf öffentlichen Plätzen aufzuhalten. Obwohl das manchmal irritierend wirken könne oder sich Menschen darüber stören. «Wir versuchen die Situationen auf den verschiedenen Plätzen jeweils so zu gestalten, dass ein Miteinander gewährleistet ist.»

Blick in die Trauerweiden am Kasernenplatz. (Bild: ida)
Verwendete Quellen
  • Telefonat mit Olivia Allemann
  • Schriftlicher Austausch mit Urs Wigger von der Luzerner Polizei
  • Schriftlicher Austausch mit Sicherheitsmanager Christian Wandeler
  • «Schweiz aktuell»-Sendung vom 5. Dezember 1991 über die Drogenszene und die Massnahmen dagegen
  • «10 vor 10»-Sendung vom 23. Juni 1993: «Die Drogenszene in der Luzerner Altstadt»
  • «SRF Wissen»-Sendung vom 2. September 1992: «Folienrauchen: Ein fataler Trend»
  • Input Lesereporterin
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