Gesellschaft
Ihre Show begeistert Luzern

Auf ein Glas Prosecco mit Dragqueen Rachel Harder

Jede Pose sitzt: Rachel Harder in der Glasbox des Luzerner Theaters. (Bild: ida)

An beinahe fast jedem Wochenende ist sie in Luzern irgendwo anzutreffen: Dragqueen Rachel Harder. Wir haben mit ihr Prosecco getrunken – und über unsere Stadt, Geschlechterrollen und Akzeptanz gesprochen.

Der Mann zeigt mit seiner Hand aufs Luzerner Theater, vor ihm steht eine Gruppe asiatischer Touristen. Er erzählt und gestikuliert, doch die Gruppe scheint ganz woanders hinzugucken. Nämlich unter die Arkaden vor dem Theater. Zur Glasbox, hierhin, wo Rachel Harder gerade gekühlten Prosecco in zwei Sektgläser schenkt.

Eins ist klar: Rachel Harder fällt auf. Schliesslich ist sie eine Dragqueen. Ihr blondes Haar trägt sie lockig und wild, die Lippen leuchten purpurfarben. Unter den Scheinwerfern glitzert ihr Paillettenkleid, Whitney Houstons warme Stimme klingt aus den Boxen. «There's a boy I know, he's the one I dream of.» «Heute fühl ich's», sagt Rachel und lacht schallend.

Die Perücke im Koffer

Hinter ihr ist auf einem kleinen Tisch alles zu finden, was sich eine Dragqueen wünscht: Make-up-Pinsel, Puder, Wimpern zum Ankleben, Lippenstift, Lidschatten, Nagellack, und, und, und …

Gehört auf jeden Schminktisch einer Dragqueen: Prosecco und Glitzer. (Bild: ida)

Rachel Harder wirft ihr Haar zurück. Angesehen zu werden, das scheint sie sichtlich zu geniessen. Sie lächelt, hebt ihre rechte Hand und winkt verführerisch den Beobachterinnen zu.

Drei Stunden zuvor haben wir sie als Christian Raschke kennengelernt. In bequemer Jeans, Hoodie und Sneakern begrüsste uns der 36-Jährige herzlich. Die Perücke lag noch im grossen Koffer, die Highheels lagen griffbereit auf dem Boden. Dazwischen lagen gut zwei, drei Stunden Schminken, Ankleiden, Perücke richten. Raschke machte sich quasi an die Verwandlung. Und zeigt damit: Es braucht nicht viel, um aus einem Mann eine Frau zu machen.

Als Dragqueen will Rachel Harder mit «sie» angesprochen werden

Schlüpft Raschke in seine Rolle als Dragqueen, so spricht er über sich selbst in der weiblichen Form. Geschminkt und «im Fummel» – wie sie selbst sagt, also Perücke, enge Kleider und Highheels – will sie auch mit dem Pronomen «sie» angesprochen werden.

«Ich sagte ihm, dass ich ein Mann bin, der sich gerne als Frau schminkt. Ich bin bewusst bei dieser binären Geschlechterordnung geblieben, um ihm das zu vermitteln.»

Als Dragqueen ist Rachel Harder derzeit vielerorts anzutreffen: Sei das mit der queeren Veranstaltungsreihe im Südpol – die nächste Party steigt am 6. Mai – an Partys im Neubad oder dieses Wochenende im Sedel (zentralplus berichtete). Oder eben auch an diesem Freitag, wo sie für eine Aktion des Luzerner Theaters engagiert wurde. Drag ist für sie ein «Nebending», ihre Kunst, mit der sie sich ausleben kann. Auch beruflich ist Raschke im kreativen Bereich tätig: Er arbeitet als Projektleiter und Disponent am Theater Neumarkt in Zürich.

Schon als Kind zog sich Raschke gerne Frauenkleider über. Aufgewachsen in einem konservativen Umfeld in Bayern, war es für ihn nicht einfach, diese Seite an ihm zu akzeptieren. Gut zwölfmal in seinem Leben zog er um, lebte während des Studiums in grösseren Städten wie Berlin und Paris. Da lernte er andere Dragqueens kennen, die ihn in diese Welt einführten. Nun lebt er seit zweieinhalb Jahren in Luzern. Während der Pandemie, als das Leben für alle gefühlt stillstand, setzte sich Raschke bei sich zu Hause vor den Spiegel, schminkte sich stundenlang. Die ersten Partys als Drag feierte sie in ihrer Küche, ganz alleine. Von einem «Hobby» würde Rachel Harder nicht reden. Es ist viel mehr: «Es ist ein Lebensgefühl.»

Christian Raschke vor seiner Umwandlung in eine Dragqueen. (Bild: ida)

Alle gucken – und lächeln oder machen ein «Daumen hoch»

Jetzt sitzen wir da, sie auf dem Holzstuhl, wir auf dem olivfarbenen Polsterhocker. «Heute ist ein guter Tag», sagt Rachel Harder. An manchen Tagen könne sie diesen ganzen «Fummel» an sich selbst gar nicht leiden. Heute fühlt sie's – und wie!

Ein älterer Mann mit Hornbrille hält vor der Glasbox. Er zückt sein Handy, lächelt breit und knipst ein Foto. Rachel Harder prostet ihm mit dem Sektglas zu, kichert und flirtet durch die Scheibe. Später klopft der Mann an der Tür, um mit Rachel Harder noch ein paar Worte zu wechseln. Und um nochmals ein paar Fotos zu machen. «Ach, sind diese Menschen putzig», sagt Rachel Harder. Keine einzige negative Reaktion habe sie an diesem Tag gespürt. «Vorhin kam eine ältere Dame, die erst ein wenig skeptisch schaute», erzählt Rachel. «Ich dachte erst: ‹Uh, die gehört wohl eher zum konservativen Lager …› Doch dann hielt sie beide Daumen hoch.»

Ein älterer Herr habe sie eben auch begutachtet und ein wenig verdutzt geguckt. Auch mit ihm sprach Rachel Harder. «Er fragte mich, was dies hier sei», erzählt sie. Wie erklärte sie ihm, was eine Dragqueen genau ist? «Ich sagte ihm, dass ich ein Mann bin, der sich gerne als Frau schminkt. Ich bin bewusst bei dieser binären Geschlechterordnung geblieben, um ihm das zu vermitteln.» Sonst hätte sie ihn vermutlich ein wenig überfordert.

Sie fühlt sich nirgendwo wohler als in Luzern

Als Dragqueen fühlt sich Rachel Harder in Luzern unglaublich wohl. Mittlerweile lebt sie seit gut zweieinhalb Jahren hier. «Ich liebe diese Stadt unfassbar. Noch nie habe ich mich an einem Ort so aufgehoben und wohl gefühlt wie hier.»

«Die Gesellschaft ist in der Schweiz im Vergleich zur realen Politik voraus. Insbesondere punkto Mentalität und Offenheit.»

In Luzern herrsche eine extrem offene Kultur, sagt sie. «Mein subjektiver Eindruck aber ist: Die Gesellschaft ist in der Schweiz im Vergleich zur realen Politik voraus. Insbesondere punkto Mentalität und Offenheit. In Deutschland ist das anders. Die Politik ist zwar weiter, hat beispielsweise bereits 2017 die Ehe für alle geöffnet oder kennt schon länger ein Antidiskriminierungsgesetz – doch im Alltag stösst man als queere Person in Deutschland viel eher auf Gegenwehr und Ablehnung.»

In Luzern wurde sie noch nie verbal oder körperlich angegriffen. Weder als homosexueller Mann, noch wenn sie als Dragqueen unterwegs ist. «Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, wird mir echtes Interesse entgegengebracht – und nie Ablehnung.»

Wurde noch nie blöd angemacht – auch nicht in ihrem «Fummel»: Rachel Harder. (Bild: ida)

Dieses verflixt binäre Geschlechtersystem

Ein Mann steht vor der Glasbox, auch er guckt erst ein wenig irritiert. Rachel Harder hat vollstes Verständnis. «Schliesslich sitze ich hier als eine Person, die nicht sofort und klar in einem binären Geschlechtersystem zuzuordnen ist. So werde ich erst einmal zu einer Projektionsfläche.» Für sie ist klar: «Es gibt unendlich viele Geschlechter.»

«Dieser Weg zu dem, was ich als Kunstfigur heute entworfen habe, ist der Protest gegen diese ganzen Verletzungen und das ständige Runtermachen in meiner Jugendzeit.»

Was wohl im Kopf des Mannes gerade vorgeht? Vermutlich rattert's da gerade ordentlich. Rachel Harder stellt das Prosecco-Glas auf den Schminktisch, sie setzt sich in Pose. Der Mann lächelt. Er winkt – und Harder schickt ihm einen Luftkuss zu.

Eine Dragqueen zu sein, ist für sie etwas Politisches. Das sei unabdingbar. «Jede Dragqueen ist automatisch eine politische Figur.» Zum einen will sie dazu beitragen, das strikt binäre Geschlechtersystem zu durchbrechen. Auf der Bühne zu stehen, etwas zu bewirken. Und eben auch queer-feministische Kultur in Luzern zu popularisieren.

Der Protest

Auch wenn sie sich heute, in dieser Stadt, als queere Person akzeptiert fühlt: In ihrer Jugend stiess sie nicht nur auf Akzeptanz. «Lange Zeit quälte mich der Gedanke, dass ich falsch in dieser Welt sei. Dass mit mir etwas nicht stimme – weil mir andere dieses Gefühl gaben», erzählt Rachel Harder. «Dieser Weg zu dem, was ich als Kunstfigur heute entworfen habe, ist der Protest gegen diese ganzen Verletzungen und das ständige Runtermachen in meiner Jugendzeit. Ich wehre mich gegen die ganzen Ungerechtigkeiten, die mir damals widerfahren sind.»

Rachel Harder blickt raus – vier Jugendliche spienzeln ins Innere der Glasbox. Immer wieder gucken sie weg – und blicken wieder zu Rachel Harder. Minutenlang bleiben sie stehen, reden miteinander ein paar Worte.

An Stärke gewonnen

Schliesslich stehen sie zu viert vor der Tür, der eine hält sein Handy an die Scheibe. «Döffe mer es Selfie mache?» hat er zuvor in sein Handy getippt. Rachel Harder kann nicht mehr. «Gott, ist das süss!» Minuten später posiert sie – den linken Arm um den einen, den rechten Arm um die Schulter des anderen gelegt – vor Rolf Brems «Schafhirt mit Schafen».

Drag zu sein, das hat für Rachel Harder viel mit Stärke zu tun. Schon früher habe sie andere Dragqueens für ihre Eleganz und ihre unglaubliche Stärke bewundert. «Als Kunstfigur an die Öffentlichkeit zu treten, war für mich mit einer wahnsinnigen Angst verbunden», sagt Rachel Harder noch. Für sie sei es ein langer Prozess gewesen, sich selbst in ihrer eigenen Figur ernstnehmen zu können. Und darüber zu stehen, wenn sie auf Gegenwind gestossen ist. Und diese Stärke strahlt Rachel Harder heute selbst aus – auch abseits von grossen Bühnen.

Verwendete Quellen
  • Persönliches Gespräch mit Christian Raschke
  • Augenschein vor Ort
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