Gesellschaft
Expertin über Drogenmissbrauch in Luzern

«Schneller, besser, weiter – nicht verwunderlich, dass man sich mit Substanzen optimiert»

Der Mischkonsum von Medikamenten, Drogen und Alkohol stellt eines der grössten Risiken für Konsumenten dar. (Bild: Adobe Stock)

Gedopte Schüler und zugedröhnte Partygänger. Die jüngsten Vorfälle und Berichte in Luzern zum Thema Drogenmissbrauch werfen Fragen auf. Suchtexpertin Jacqueline Mennel will das Phänomen nicht überbewerten. Sie rät aber, die Augen offen zu halten und mit Betroffenen das Gespräch zu suchen. Der Kontakt mit der Polizei könne für sie auch ein Weckruf sein.

Die Staatsanwaltschaft teilte am Freitag mit, dass sie einen Drogenring ausgehoben hat. In dessen Zentrum: 50 Schüler und Jugendliche im Alter von 16 bis 21 Jahren, die illegale Substanzen und Medikamente aus dem Darknet bestellten, diese konsumierten – und auch damit handelten (zentralplus berichtete).

Auch der Wochenendkonsum von Partydrogen wie Kokain, Ecstasy oder Amphetamine nimmt laut dem neuesten Sicherheitsbericht der Stadt Luzern zu (zentralplus berichtete). Aus dem Bericht geht ebenso hervor, dass in der Öffentlichkeit wieder «wie selbstverständlich» gekifft wird (zentralplus berichtete).

Nicht jeder Konsument ist ein Junkie

Die jüngsten Vorkommnisse werfen Fragen auf und schüren auch bei Angehörigen Unsicherheit. Gehören Partydrogen, Alkohol und Medikamente heute einfach dazu? Wie viel ist zu viel? Und: Was soll ich tun, wenn ich bei einer Freundin oder einem Arbeitskollegen Medikamenten-, Alkohol- oder Drogenmissbrauch vermute? Jacqueline Mennel ist bei der Beratungsstelle Akzent Luzern für den Bereich Prävention zuständig. Sie hat Antworten aus der Praxis.

Suchtexpertin Jacqueline Mennel von der Beratungsstelle Akzent Luzern Prävention und Suchttherapie. (Bild: zvg) (Bild: )

zentralplus: Doping im Sport, Medikamente an Schulen oder Aufputschmittel am Arbeitsplatz. Auch im Ausgang sind Alkohol und Pülverchen verbreitet. Jacqueline Mennel, inwiefern ist es ein Zeitgeistphänomen, dass offenbar immer mehr Menschen zusätzliche Mittel benötigen, um zu funktionieren?

Jacqueline Mennel: Die Erwartung, immer Topleistungen zu liefern, ist enorm und nimmt stetig zu. Immer schneller, besser, höher, weiter – im Sport, bei der Arbeit, sogar in der Freizeit. Es ist von daher nicht verwunderlich, dass man sich mit Substanzen optimiert. Die Gesellschaft ist dabei für junge Leute leider kein gutes Vorbild.

«Oft braucht es solche Weckrufe, damit man den Ernst der Lage einsieht. Von daher ist der Ermittlungserfolg der Polizei ein wichtiger Aspekt.»

zentralplus: Wie erklären Sie sich das?

Mennel: Der Druck ist seit den Nullerjahren enorm gestiegen aber auch die Erhältlichkeit übers Darknet. Diese beiden Aspekte verstärken sich gegenseitig. 

zentralplus: Alkohol, Medikamente, Ecstasy, Kokain, Amphetamine oder Cannabis. Wie schätzen sie die Risiken unterschiedlicher Substanzen ein?

Mennel: Alkohol ist vor allem im Ausgang Droge Nummer 1, die nach wie vor unterschätzt wird. Er war auch im Fall der Luzerner Jugendlichen oft im Spiel. Oftmals werden die anderen Substanzen und Alkohol zusammen eingenommen, sogenannter Mischkonsum. Solche Kombinationen können verheerend sein. Wir raten sehr davon ab.

zentralplus: Wie unterscheidet sich der Partydrogenkonsum von leistungssteigerndem Konsum, wie es die Luzerner Jugendlichen – oft in einer Kombination verschiedener Substanzen – praktiziert haben sollen? Die Mittel scheinen ja dieselben zu sein.

Mennel: Die Substanzen sind zum Teil dieselben, aber die Motive unterscheiden sich: Partydrogen werden genommen, um in der Freizeit, im Ausgang am Wochenende Spass zu haben, um auch teils den stressigen Alltag zu vergessen. Und leistungssteigernde Medis, um den Erwartungen der Leistungsgesellschaft gerecht zu werden. Bedenklich ist, dass davon immer mehr jüngere Menschen betroffen sind.

«Der grösste Teil der Jugendlichen kommt ohne solche Substanzen aus.»

zentralplus: In der Regel streiten Betroffene ja den Konsum ab – oder zumindest den Missbrauch. Kann es wie im Fall der Luzerner Jugendlichen sogar helfen, wenn die Polizei gegen einen ermittelt, um vom exzessiven Konsum wegzukommen?

Mennel: Ja, das kann sicher dazu führen, dass der eine oder andere die Situation endlich ernst nimmt und sich Hilfe holt. Die einfache Erhältlichkeit im Internet verstärkt, dass Jugendliche die Situation komplett unterschätzen. Oft braucht es solche Weckrufe, damit man den Ernst der Lage einsieht und eine Veränderung, etwa eine Therapie angeht. Von daher ist der Ermittlungserfolg der Polizei ein wichtiger Aspekt – vor allem für jene Jugendlichen, welche aus reiner Neugierde und Profitdenken mit den Substanzen experimentiert haben.

zentralplus: Nicht bei allen Konsumenten gibt es diesen «Weckruf». In der Regel fällt ja derjenige, der am Wochenende gerne eine Pille oder eine Linie Kokain konsumiert im (Berufs-)Alltag nicht auf – er ist kein «Junkie».

Mennel: Dem ist so. Viele pflegen einen Konsum am Wochenende und können damit auch verantwortungsvoll umgehen. Sie sind keine Junkies im eigentlichen Sinn. Problematisch wird es, wenn am Wochenende immer mehr und häufiger konsumiert werden muss, damit die erwünschte Wirkung eintritt. Wichtig ist, dass Schule, Eltern und Arbeitgebende hinschauen, sich dessen bewusst sind und Gegensteuer geben.

zentralplus: Gibt es überhaupt einen unproblematischen Konsum?

Mennel: Wie überall, macht es die Menge aus. Wenn der Konsum sich auf einem niedrigen Level befindet und nur ab und zu ist, kann auch unproblematisch konsumiert werden. Dabei kommt es aber auch immer auf die Substanz selber an und auf das eigene Befinden. Natürlich sind auch das Alter und die jeweilige Lebenssituation mitentscheidend.

«Man soll die Beobachtungen mitteilen, diese aber nicht werten.»

zentralplus: Wie erkennt man problematisches Suchtverhalten beim Konsum von Drogen? An sich selber? Bei Freunden oder beim Arbeitskollegen?

Mennel: Anzeichen sind beispielsweise, dass es nicht mehr nur bei den Wochenenden bleibt, sondern auch unter der Woche konsumiert werden muss. Zudem können sich Aussetzer und Vergesslichkeit bemerkbar machen, die auch im Arbeitsalltag auffallen. Oft kreisen die Gedanken immer häufiger um den Konsum. Es kommt zur Vernachlässigung von Essen, der Körperpflege, der Kleidung. Die Sozialkontakte werden weniger. Anzeichen sind auch depressive oder aggressive Stimmungen.

zentralplus: Wie soll ich als Aussenstehender eine Person ansprechen, bei der ich Drogen-, Alkohol oder Medikamentenmissbrauch vermute?

Mennel: Man soll die Beobachtungen mitteilen, diese aber nicht werten. Auffälligkeiten sollten von der vorgesetzten Person angesprochen werden, aber nicht in einem anklagenden Ton und ohne voreilige Diagnose. Anschuldigungen oder Vorwürfe sind zu unterlassen. Aber man darf seine Sorge mitteilen.

zentralplus: Soll ich Beweise sammeln, um jemanden zu «überführen»?

Mennel: Es lohnt sich, Beobachtungen aufzuschreiben, um gut dokumentiert zu sein. Diese sind keine Fichen, können aber in einem Gespräch hilfreich sein, um auf der sachlichen Ebene zu bleiben. Wir haben dazu einen Leitfaden mit Checkliste für Vorgesetzte entwickelt.

zentralplus: Zum Schluss noch: Der Fall der Luzerner Jugendlichen – ist er ein Einzelfall oder nur die Spitze eines Eisbergs?

Mennel: Der grösste Teil der Jugendlichen kommt ohne solche Substanzen aus. Sie pflegen einen verantwortungsbewussten Umgang. Daran gilt es sich zu orientieren. Diesen gilt es auch zu stärken.

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