Gesellschaft
Kantonsarzt und Gesundheitsdirektor im Gespräch

Das Zuger Contact Tracing ist am Anschlag

Dr. med. Rudolf Hauri, Kantonsarzt Zug in seinem Büro. (Bild: Fabrizio Vignali)

Das Wetter garstig, die Busse und Restaurants voll, das Virus fühlt sich pudelwohl. Das wiederum führt im Kanton Zug zu rekordhohen Corona-Fallzahlen. Wir haben die Entscheidungsträger gefragt, wie man Omikron entdeckt, warum erst jetzt verschärft wurde und was die nächsten Schritte bei einer Verschlimmerung der Situation wären.

Am Dienstag hat der Zuger Regierungsrat schärfere Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus beschlossen (zentralplus berichtete). Darunter etwa die Maskenpflicht in allen öffentlichen Innenräumen, ob man nun geimpft ist oder nicht. Auch Primarschülerinnen müssen neuerdings eine Maske tragen. Zumindest, bis sie am Pult sitzen.

Diese Massnahmen kommen nicht von ungefähr. Noch nie zuvor war die Inzidenz im Kanton so hoch wie heute, die Kurve steigt steil an. Wir haben den Zuger Entscheidungsträgern die drängensten Fragen zur aktuellen Lage gestellt.

Die Corona-Mutation Omikron ist in aller Munde. In dutzenden Ländern sind bereits Fälle nachgewiesen worden. Kann es sein, dass die Mutation hierzulande schon aktiv ist?

Kantonsarzt Rudolf Hauri: Das ist durchaus denkbar. In der Romandie gibt es einen ersten Verdachtsfall, bei dem heute noch bekannt werden sollte, ob es sich um Omicron handelt. Dass es also bereits Fälle gibt, ist nicht ausgeschlossen.

Wie lässt sich diese Mutation nachweisen? Reicht dafür ein einfacher PCR-Test?

Hauri: Bei den hierzulande verwendeten Tests würde man merken, dass etwas auffällig ist. So wird zwar ein positives Resultat angezeigt, doch auch eine Auffälligkeit sichtbar. Diese Probe müsste sequenziert werden damit sichtbar wird, um welche Variante es sich tatsächlich handelt.

«Die Geschwindigkeit des Anstiegs stimmt uns besorgt.»

Rudolf Hauri, Zuger Kantonsarzt

Die epidemiologische Lage im Kanton Zug wurde vor kurzem von «kritisch» auf «bedrohlich» gesetzt. Was bedeutet das?

Hauri: Zum einen, dass wir mit 118 Fällen pro Tag bei einer Inzidenz angelangt sind, die es zuvor nie gab. Das ist eine ganz neue Dimension. Dazu kommt die Gesamtbeurteilung: Die Zahlen steigen nicht nur in Zug, sondern auch in den umliegenden Kantonen. Trotz relativ starker Immunität steigt nicht nur die Anzahl Fälle, sondern auch die Zahl der Hospitalisationen, mitunter auf den Intensivstationen. Wir verzeichnen einen Anstieg der Fälle bei Menschen im mittleren Alter. Weil deren Immunreaktion – sehr vereinfacht gesagt – nicht mehr so optimal ist wie etwa bei Jüngeren, aber auch nicht so eingeschränkt wie bei Älteren ist, ist es möglich, dass sie deutliche Krankheitssymptome aufweisen und deshalb auch länger in den Spitälern bleiben. Das ist denkbar, aber keine wissenschaftliche Aussage. Auch die Geschwindigkeit des Anstiegs stimmt uns besorgt. Steigt die Zahl stark exponentiell, kommt es zu Problemen in verschiedenen Bereichen.

Betreffend Contact Tracing liegt der Zeiger aktuell ebenfalls auf «bedrohlich».

Hauri: Wir können das Contact Tracing trotz personeller Verstärkung nicht mehr wie gewohnt umfassend durchführen und müssen es vereinfachen. Es funktioniert jedoch.

Kann es sein, dass unser Immunsystem durch die herumschwirrenden Grippe- und Erkältungsviren bereits geschwächt ist, und deshalb im Moment mehr Menschen an Corona erkranken?

Hauri: Das ist eine Mutmassung. Wenn wir stark erkrankt an einer der genannten Atemwegsinfektionen sind, ist das denkbar. Ist unser Immunsystem jedoch nur etwas stimuliert, könnte auch das Gegenteil der Fall sein: Dass es nämlich schon bereit ist und sich so schneller gegen andere Krankheitserreger wehren kann. Andererseits weiss man, dass die aktuelle Witterung, also das feuchte, kalte Wetter, uns durchaus anfälliger machen kann für Atemwegsinfektionen, wozu auch Covid gehört.

«Die Fallzahlen lassen von letztem Herbst und jetzt lassen sich nicht 1 zu 1 vergleichen.»

Martin Pfister, Zuger Gesundheitsdirektor

Die Fallzahlen steigen bereits seit Wochen steil an. Warum hat der Kanton Zug erst jetzt mit Massnahmen reagiert?

Gesundheitsdirektor Martin Pfister: Der Kanton Zug setzt bereits seit längerer Zeit eine grosse Zahl von Massnahmen um, die zum Teil weitergehen als in vielen anderen Kantonen – etwa mit den Reihentests in den Schulen. Zudem haben wir vor zwei Wochen Sofortmassnahmen ergriffen, wozu etwa die sehr schnelle Einführung der Booster-Impfung für alle im Kanton Zug gehört. Wir stehen heute an einem anderen Punkt wie noch letzten Herbst, nicht zuletzt aufgrund der Impfung. Die Fallzahlen lassen sich daher nicht 1 zu 1 vergleichen. Ein wichtiger Faktor ist die Überlastung des Gesundheitssystems. Solange dies nicht drohte, konnten wir auch höhere Fallzahlen akzeptieren.

Was wären die weiteren Massnahmen des Kantons, wenn die Entwicklung so weiter geht?

Pfister: Sollte die Lage noch kritischer werden, würden wohl einheitliche, nationale Massnahmen folgen. Ansonsten würde es schwierig werden, diese der Bevölkerung zu kommunizieren. Wir wissen nun, welche Massnahmen wirken: Die Einschränkung von Kontakten, etwa an Veranstaltungen oder bei privaten Treffen. Ebenfalls wäre eine Homeoffice-Empfehlung denkbar.

Wie geht es im Kanton Zug mit den Booster-Impfungen voran?

Pfister: Diese Woche sollten die Auffrischimpfung in den Zuger Alters- und Pflegeheime abgeschlossen werden. Bis am Montag wurden 9000 Booster-Impfungen verabreicht.

Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.