Geschichte
Verbrechen der sozialen Fürsorge

Zuger Verdingkind: «Das Blut lief mir über die Beine»

Patienten im ummauerten Hof des «Franziskusheims» um 1909. Adolf Iten landete auch hier. (Bild: zvg)

Jede Woche kommen an dieser Stelle Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen im Kanton Zug zu Wort. Heute springen wir weit zurück in der Zeit, bis ins 19. Jahrhunderts. Was Adolf Iten erlebte, ist so erschreckend, dass einem die Worte fehlen.

Um seinen Standpunkt in einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Bürgerrat seiner Heimatgemeinde zu erläutern, schilderte Adolf Iten, in welchen Verhältnissen er aufgewachsen war. Und klagte die Bürgerräte an, sich nicht ausreichend um ihn gekümmert zu haben.

In den 1880er-Jahren gerieten die Eltern von «durch ihre Lebensweise» in «äusserste Armut» und benötigten daraufhin die Unterstützung der Bürgergemeinde. Der Vater, ein Trinker, lebte im Armenhaus, die Mutter brachte den Sohn später ebenfalls dorthin. Als der Knabe vier Jahre alt war, verstarb sein Vater. Ein kinderloser Onkel und dessen Frau nahmen Adolf bei sich auf. Damit begann für ihn eine schwierige Zeit der Gewalt.

Wegen Bettnässens wurde er von seinem Onkel regelmässig mit der Rute so stark geschlagen, dass ihm «das Blut über die Beine» lief. Das gesundheitlich schwache Kind wurde zudem wiederholt mit Nahrungsentzug bestraft. Eines Abends mitten im Winter setzte die Tante den Knaben mit einem kleinen Bündel Habseligkeiten vor die Tür und versuchte ihn so loszuwerden. Glücklicherweise wurde jemand zufälligerweise auf das weinende und frierende Kind aufmerksam.

Vom Regen in die Traufe

Das Martyrium von Adolf schien vorläufig ein Ende zu nehmen, als er zu einem anderen Onkel und dessen Frau kam. Vom neuen «Pflegevater» hatte er keine Schläge mehr zu befürchten, doch war dieser stark alkoholabhängig. Nachdem Hab und Gut vergantet worden waren und die Frau den Hof verlassen hatte, musste Adolf die Haushaltsarbeiten und die Pflege seines Onkels übernehmen, dessen Gesundheitszustand sich stetig verschlechterte.

Er «lag den ganzen Tag im Bett oder ging im Adamskostüm im Haus herum; Bett oder Stube dienten ihm als Abort, den ich auskehren musste». Auf regelmässigen Schulbesuch musste der mittlerweile zehnjährige Knabe verzichten, da er auch das Vieh des Onkels zu versorgen hatte. «Ich [war] ganz verwahrlost», so beschrieb Adolf seinen Zustand. An dieser Stelle machte er den Bürgerräten grosse Vorwürfe: «Wozu ist denn das Waisenamt einer Gemeinde da?»

Erst als er durch eine unbehandelte Augenentzündung beinahe sein Augenlicht verlor, wurde der Bürgerrat aktiv. Nach einer Behandlung bei einem Augenarzt und einem Aufenthalt bei einem anderen Onkel holte ihn jedoch der alkoholabhängige Onkel wieder zurück, und «die alte Geschichte gieng wieder los».

Nun als Zuger Verdingkind

Dieses Mal jedoch beschwerte sich Adolf bei den zuständigen Behörden und bekam vom Bürgerrat einen Vormund zugewiesen, der ihn kurzerhand bei einem Bauern verdingte. Nach acht Tagen wurde er allerdings davongejagt, weil er «voll Ungeziefer [und] die Kleider ebenfalls voll Läuse waren». Nachdem seine Kleidung im Armenhaus gereinigt worden war, verdingte ihn der Vormund bei einem anderen Bauern, der in der Gemeinde für seine Wutausbrüche und seinen Jähzorn bekannt war.

Adolf berichtete, dass der Bauer deswegen keine Knechte fand, und vermutete, dass er als Lückenbüsser herhalten musste. «Da gabs Ohrfeigen, dass mir Sehen [und] Hören verging.» Der Bauer stiess ihn in den Mistgraben und «traktierte» ihn «auch noch mit Fusstritten», so erinnerte er sich an die Gewaltexzesse. Aber auch die harte Arbeit setzte Adolf stark zu: Während der zweieinhalb Jahre musste er jeweils morgens und abends die schwere Milchkanne in die Käserei tragen – eine Aufgabe, die für ihn kaum zu bewältigen war.

Die Arbeitstage waren lang, und er konnte sich nie genügend ausruhen. In der Folge wurde er krank; er litt an Gelbsucht und seine Augenprobleme kehrten zurück. Obwohl ihn ein Bürgerrat, der Arzt war, medizinisch behandelte und deshalb seine Situation genau kannte, musste er weiterhin beim gewalttätigen Bauern bleiben. Seine Rettung kam in Gestalt eines Polizisten, der eines Tages zufälligerweise beobachtete, wie der Knabe die viel zu schwere Milchkanne schleppen musste. Als daraufhin beim Vormund eine Beschwerde einging, durfte er den Bauernhof verlassen.

Auf eigenen Beinen stehen

Ein neuer Vormund verschaffte dem 15-Jährigen eine Stelle in der Ziegelei in Cham. Wie der Kantonsarzt festhielt, kam es hier zu sexuellem Missbrauch, bei dem Adolf mit Syphilis infiziert wurde. Ein syphilitisches Geschwür am Gaumen war inoperabel, ob eine antisyphilitische Kur durchgeführt wurde, ist ungewiss. Nach zwei Jahren und auf Anraten eines Pfarrers verliess Adolf die Stelle in Cham, ohne seinen Vormund zu fragen: «[Ich] wurde mein eigener Herr.»

Während einiger Jahre war er als Pförtner im Kloster Sarnen tätig. Nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte, verliess er die Stelle, weil man ihn offenbar «nicht mehr gebrauchen» konnte, da er alles vergass. Danach wechselte er von einem Ort und einer Stelle zur andern, bis er in Einsiedeln als «Bruder Kandidat» aufgenommen wurde.

Nach einem erneuten Schlaganfall und einem längeren Klinikaufenthalt lebte er bei der Schwester in Luzern. Doch scheint er gesundheitlich beeinträchtigt gewesen zu sein: «Im Geschäft war ich zu wenig geschickt, zu vergesslich. Meine Schwester schimpfte immer mit mir und könne mich nicht brauchen.» Nach verschiedenen weiteren Stellen und einem dritten Schlaganfall wurde er im Kapuzinerkloster in Cham aufgenommen, wo er jedoch nicht lange blieb.

Das Erbe will die Bürgergemeinde einsacken

In dieser Zeit erbte er 2400 Franken, doch wollte ihm die Bürgergemeinde das Geld nicht aushändigen: «Der gleiche Bürgerrat, das gleiche Waisenamt, [die] den armen Waisenknaben [...] beinahe zugrunde gehen liessen, auf Plätze verdingten [...], wo er körperlich [und] geistig verdorben [und] für sein ganzes Leben dem traurigsten Schicksal preisgegeben wurde», forderte seine Erbschaft als Rückerstattung für die für ihn getätigten Armenauslagen.

Aufgrund von «Injurien & schriftlichen Drohungen gegenüber dem Bürgerrate [...] & speziell gegen dessen Präsidenten» veranlasste die Bürgergemeinde die Internierung in der Strafanstalt. Da Adolf sehr aufgeregt war und Selbstmordgedanken äusserte, ordnete die Polizeidirektion beim nunmehr 30-Jährigen eine sanitätsärztliche Untersuchung an.

Der Weg in die Psychiatrie eines Zuger Verdingkind

Anschliessend wurde er zur Beobachtung in die psychiatrische Anstalt Franziskusheim gebracht und blieb dort während sechs Monaten gegen seinen Willen interniert – obwohl ein Gutachten bescheinigte, dass er nicht «geisteskrank» war. Dagegen beschwerte sich Adolf Iten beim Zuger Regierungsrat; unterstützt wurde er vom Rechtsanwalt Dr. Carl Rüttimann. Der Regierungsrat entschied zu seinen Gunsten, er wurde «auf Wohl- verhalten» hin entlassen.

Drei Jahre später war Adolf armengenössig. Gestützt auf ein 21-seitiges ärztliches Gutachten, das seine Geisteskrankheit nachwies, beantragte die Bürgergemeinde beim Regierungsrat seine Versorgung in der Vorarlberger Anstalt Valduna. Einer Bewilligung des Regierungsrates bedurfte es nicht, wie dieser mitteilte:

«Iten ist, wie aus dem Schreiben des Bürgerrates [...] zu entnehmen ist, armengenössig und da hat der Bürgerrat freie Hand, den armengenössigen, geistig abnormalen Iten Adolf, in jene Irrenanstalt zu verbringen und dort dauernd auf seine Kosten zu versorgen, in welcher er glaubt, dass Iten Adolf am rationellsten und zweckentsprechendsten aufgehoben sei.»

Ab jetzt jede Woche eine weitere Geschichte

zentralplus hat sich entschieden, die Geschichten der mutigen Betroffenen zu veröffentlichen. Wir wollen dafür sensibilisieren, was im vergangenen Jahrhundert im Namen der Fürsorge geschah und welche Verbrechen begangen wurden. In diesem Winter veröffentlichen wir daher jede Woche ein weiteres Kapitel aus dem Zuger Forschungsbericht «Fürsorgen, vorsorgen, versorgen». Wir danken der Beratungsstelle für Landesgeschichte und der Regierung des Kantons Zug für die Erstellung des Berichts. Die bisher erschienen Artikel findest du hier.

Verwendete Quellen
  • Forschungsbericht «Fürsorgen, vorsorgen, versorgen» des Kantons Zug
  • Artikel zur Pressekonferenz der Veröffentlichung des Berichts auf zentralplus
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