Geschichte
Neues Buch beleuchtet Schicksale

Paul Erdös: Wie ein Luzerner die NS-Gräuel überlebte

Ein neues Buch beleuchtet unter anderem die bewegte Geschichte des Luzerners Paul Erdös. (Bild: Annette Boutellier)

Der 91-jährige Paul Erdös wohnt heute im beschaulichen Meggen. Seine Jugend war hingegen geprägt vom Terror des Naziregimes. Ein Sachbuch beleuchtet nun sein Schicksal – und das anderer Überlebender.

Der Krieg in der Ukraine zwingt Tausende Menschen zur Flucht. Tausende Schicksale, Tausende Geschichten. Jede ist anders, einzigartig. Jede wird das Leben der Betroffenen für immer ändern. Im Internet sieht die Welt die Bilder aus der Ukraine, die zerbombten Strassen und Häuser, die Gräber, das Leid. Es sind Bilder, wie sie die Geschichte leider immer wieder hervorbringt.

Die in Bern wohnhafte Autorin Simone Müller bringt in ihrem Buch «Bevor Erinnerung Geschichte wird» 15 Geschichten ans Licht. Einzelschicksale, nicht aus der Ukraine, sondern aus einer Zeit, die für viele so weit zurückliegt – für einige wenige aber immer noch schmerzhaft nah ist. In Erinnerungen, in Träumen. Müller porträtiert in ihrem Buch Überlebende aus der Zeit des Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkriegs. Menschen unterschiedlichster Couleur, die heute in der Schweiz leben. Einer von ihnen: Paul Erdös. Der gebürtige Ungar lebt heute in Meggen im Kanton Luzern.

Simone Müller trifft den 91-jährigen Paul Erdös in einem Restaurant im Luzerner Bahnhof. «Schneeweisser, luftiger Haarkranz, Schnauz, sieht ein wenig aus wie Albert Einstein», beschreibt sie Erdös. Im Laufe der Arbeit für das Buch «Bevor Erinnerung Geschichte wird» trifft sie Paul Erdös mehrmals in Luzern, spricht mit ihm über seine Kindheit, seine Flucht und seinen späteren Werdegang.

Gerüchte über Vernichtungslager werden laut

Der studierte Physiker beginnt seine Erzählung im Buch kurz vor Kriegsausbruch mit der Handschuhfabrik seines Vaters. Emil Erdös führte in Budapest eine Fabrik, die Lederhandschuhe herstellte. In den kalten Wintern Ungarns ein florierendes Geschäft. Paul Erdös wird von seinem Vater ebenfalls ins Handwerk eingeführt, eher widerwillig. Der Junge interessiert sich mehr für die Schule, fürs Lernen.

1938 werden in Ungarn die «antijüdischen Gesetze» eingeführt, in Anlehnung an die Nürnberger Rassengesetze. Der Vater wird gezwungen, die Fabrik abzugeben. Dann werden die Gerüchte immer lauter, die Gerüchte über deutsche Vernichtungslager in Polen. Bei Teilen der Bevölkerung stösst das auf Gleichgültigkeit, bei manchen gar auf Verständnis.

Paul Erdös hat den Zweiten Weltkrieg als Jugendlicher erlebt. (Bild: Annette Boutellier)

Am 19. März 1944 besetzte die Wehrmacht Ungarn. Der erst 14-jährige Erdös sieht von seinem Fenster aus, wie deutsche Panzer durch die Strassen rollen. Wenige Tage später wird der gelbe Davidstern als Kennzeichen für Juden eingeführt. Im Mai fahren erste Züge nach Auschwitz. Unter den Opfern ist auch Paul Erdös’ Tante, ihre Tochter und sein Cousin.

Ein Kind wird Zeuge von Tod und Zerstörung

Ab Juni mussten jüdische Familien in sogenannte Gelbsternhäuser umziehen – eine Massnahme, welche die Deportation vereinfachen sollte. «Wir zogen zu viert in ein einziges Zimmer», erinnert sich Erdös. Er, seine Eltern und seine Schwester Edith. In der gleichen Wohnung lebten noch fünf weitere Menschen. Dann zog die Familie in eine Kammgarnspinnerei am Rande von Budapest, die Militäruniformen herstellte. Obwohl sie auch hier diskriminiert wurden, versprach der kriegswichtige Betrieb einen gewissen Schutz – bis die Bomben fielen. Die Familie Erdös ging zurück ins Gelbsternhaus.

Später beschlossen die Eltern, dass sich die Familie trennen soll. Es sei sicherer, sich einzeln zu verstecken. Pfeilkreuzler, ungarische Sympathisanten des NS-Regimes, machten Jagd auf Juden. Nur mit Glück und der Hilfe von Nachbarn gelang es Paul Erdös, den mörderischen Trupps zu entkommen. In den kommenden Wochen wurde er mehrfach Zeuge von Mord und Zerstörung.

Die Schwester als Heldin

Erdös sagt, dass er sein Leben seiner zehn Jahre älteren Schwester verdankt. «Ohne sie hätte ich nicht überlebt.» Er bezeichnet sie als Heldin. Edith Erdös kam unter falschen Angaben beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz unter, verschaffte ihrem kleinen Bruder einen Platz in einem Kinderspital.

Doch die Pfeilkreuzler führten auch hier Razzien durch. Eine Krankenschwester schickte den Jungen nach oben, in einen kleinen Raum im Liftschacht, wo sich bereits zwei andere junge Männer versteckten. Hier harrte er aus, schlief ein. Amerikanische Flugzeuge bombardierten die Stadt. Als Erdös erwachte, waren die beiden jungen Männer weg. Er fand sie später im Treppenhaus, ermordet von den Pfeilkreuzlern.

Paul Erdös «verschläft» die Befreiung

«Als ich erwachte, war es ungewöhnlich ruhig im Haus, niemand war mehr da. Ich hatte buchstäblich meine Befreiung verschlafen», erinnert er sich. Auf der Strasse sah er russische Soldaten. Da wusste der 14-jährige Paul Erdös: «Jetzt bin ich frei.»

Die Autorin Simone Müller beschreibt Erdös als ruhigen Erzähler, als «sachlicher Chronist seiner Biografie». Das Erlebte beschäftigt ihn aber noch immer. Albträume, die ihn bis heute heimsuchen, aus denen er schreiend erwacht.

Nach dem Krieg trifft er seine Eltern wieder, die unter falschen Namen ausserhalb von Budapest überlebt hatten. Der Krieg war vorbei, das Leiden noch nicht. Hunger, Kälte, später die Kommunisten. Dem Vater wurde die Arbeitserlaubnis entzogen, die Handschuhfabrik verstaatlicht, die Wohnung beschlagnahmt. «Sie sind zweimal enteignet worden. Zuerst, weil sie Juden waren und dann, weil sie keine Kommunisten waren. Gerecht ist das nicht», sagt Erdös zur Autorin.

Der Physiker landet in der Schweiz

Über Umwege landete Erdös schliesslich einige Jahre nach Kriegsende in der Schweiz, studierte an der Universität Zürich, dann an der ETH. Später zog es ihn für rund zehn Jahre in die USA, nach Florida. An der State University in Tallahassee lehrte und forschte er theoretische Physik, ein Thema, das ihn schon immer interessiert hatte. Danach kehrte er zurück in die Schweiz und besuchte die ETH Lausanne. Später ging er in den Kanton Luzern nach Meggen, wo er heute lebt.

Die Zeit in Florida, die er mit seiner Tochter und ihrer Mutter verbrachte, bezeichnete er als die Schönste in seinem Leben. Licht gibt es aber auch heute noch. «Eigentlich bin ich das noch immer, lebenslustig», sagt er zu Simone Müller und korrigiert sich gleich darauf: «Lebensfreudig.»

Zum Buch «Bevor Erinnerung Geschichte wird»

In «Bevor Erinnerung Geschichte wird» porträtiert die Autorin Simone Müller 15 Überlebende der NS-Gräuel, die heute in der Schweiz leben. Die freischaffende Fotografin Annette Boutellier begleitete sie und die Protagonisten mit der Kamera. Entstanden ist ein eindringliches Buch über eine Zeit, die für viele von uns kaum mehr greifbar ist, aber dank Geschichten wie der von Paul Erdös erhalten bleibt.

Das 256-seitige Buch hat 36 Farbfotografien. Es erschien im Oktober im Limmat-Verlag.

(Bild: Limmat Verlag)
Verwendete Quellen
  • Buch «Bevor Erinnerung Geschichte wird», Limmat Verlag
  • Schriftlicher Austausch mit Rahel Beyerle, Limmat Verlag
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