Geschichte
Humbug oder Heilmittel?

Die skurrilste Urkunde Luzerns wird 500 Jahre alt

Feiert auf den Tag genau ihren 500. Geburtstag: die Drachenstein-Urkunde. (Bild: Staatsarchiv Kanton Luzern)

Ein historisches Dokument aus Luzern feiert seinen runden Geburtstag. Die eigenwillige Urkunde thematisiert den Drachenstein – ein Objekt aus Legenden und Sagen.

Jeder Sagenschatz, der etwas auf sich hält, hat einen Drachen zu bieten. Da haben sich auch die Luzerner des Spätmittelalters nicht lumpen lassen und nebst diabolischen Sagengestalten wie dem Türst oder der Sträggele – zu denen es übrigens ein zentralplus-Quiz gibt – die Drachen vom Pilatus im Sortiment.

Zum ersten Mal soll 1421 ein Drache zum Pilatus geflogen sein und dabei einen Bauern derart erschreckt haben, dass dieser in Ohnmacht fiel. Als der Mann wieder zu Bewusstsein kam, soll neben ihm ein eigenartiger Stein gelegen haben. Kugelrund, knapp 250 Gramm schwer, mit einem Durchmesser von sechs Zentimetern und bemalt mit geschwungenen Symbolen. Ein Fundstück, das als Drachenstein in die Schweizer Geschichte einging.

Vor allem, weil ihm heilende Kräfte nachgesagt werden. Und hier kommt die im Titel erwähnte Urkunde ins Spiel. Vor exakt 500 Jahren, am 12. November 1523, stellte der Schultheiss und Rath von Luzern dem Gerichtsschreiber und Wundarzt Martin Schriber eine Urkunde aus, die dem Stein seine angeblichen Heilkräfte urkundlich bestätigte.

Die Urkunde vom Drachenstein

Der Arzt war angeblich schon seit 1509 im Besitz der verzierten Steinkugel und soll damit zahlreiche Leute von der Pest, Blutruhr und anderen Gebrechen geheilt haben – durch blosses Bestreichen oder Festbinden am Körper des Leidenden. Wenn man nun von Ärzten zu jener Zeit als austherapiert galt und Aderlass, Kräutersude sowie andere archaische Mittel versagten und einem nur noch die letzte Ölung blieb, konnten sich leidende Luzernerinnen nun einen amtlich beglaubigten Wundarzt mit seinem Drachenstein ins Haus holen.

Das angebliche Luzerner Allheilmittel des Spätmittelalters: der Drachenstein. (Bild: Museum Luzern)

Wie das Museum Luzern in einer Mitteilung schreibt, sei es nicht nur für das heutige Verständnis sonderbar, sondern auch für die damalige Zeit aussergewöhnlich, dass ein politisches Gremium für einen Arzt eine solche Urkunde ausgestellt hätte. Wie es so weit kam, wird wegen mangelnder Schriftlichkeit wohl nie abschliessend geklärt werden.

Gemäss Museum ist es nämlich ebenso denkbar, dass das Zertifikat einfach dazu diente, die Bekanntheit des Wundarztes Schriber und den Wert des Drachensteins zu steigern. So oder so, das uralte Dokument «zeugt vom hohen Stellenwert, den der sagenumwobene Drachenstein für die Gesellschaft gehabt haben muss».

Erste Zweifel kommen auf

Mit den Jahrhunderten wandelte sich allerdings die Bedeutung des Drachensteins. Seine angeblich heilenden Fähigkeiten wurden immer mehr infrage gestellt. Trotzdem bleibt der Drachenstein rätselhaft. Beispielsweise ist bis heute nicht klar, woher der Stein wirklich stammt – im Laufe der Jahrhunderte wechselte er zigmal den Besitzer, ehe der Kanton Luzern ihn 1929 von der Familie Meyer von Schauensee abkauft und fortan ausstellt.

Bis vor wenigen Jahren gab auch das Material und der Kern des Steins Rätsel auf. Handelte es sich wirklich um Meteoritgestein, wie eine frühere These lautete? Moderne Untersuchungen sorgten bei Sagenbegeisterten wohl für Ernüchterung. Eine tomografische Untersuchung im Jahr 2006 brachte nämlich die Erkenntnis: Der Stein besteht aus gebranntem Ton. Und zwar in einer selben Dichte, die Forscher auch bei Tonscherben aus dem 14. Jahrhundert feststellten.

Der Drachenstein krallt sich an seine Geheimnisse

Trotzdem: Gänzlich gibt die Kugel ihre Geheimnisse nicht preis. Nebst der unklaren Herkunftsgeschichte des Steins bleibt auch immer noch die Möglichkeit, dass der Drachenstein trotz allem mit einem Meteoritenereignis in Verbindung stehen könnte. Wenn auch nur indirekt. Früher wurden gemäss einer Mitteilung der Naturforschenden Gesellschaft Luzern ungewohnte Ereignisse am Himmel, wie etwa in die Atmosphäre eindringende Gesteinsbrocken, die mit feurigem Schweif gen Erde donnern, nämlich oft mit Drachen erklärt.

Johann Leopold Cysats Gemälde von 1661, das den Fund des Luzerner Drachensteins darstellt. (Bild: ETH-Bibliothek Zürich)

Auch die Bedeutung der Malereien auf dem Drachenstein sind nicht abschliessend geklärt. Eine Interpretation besagt, dass es sich bei den Zeichnungen um symbolische Lindwürmer handelt. Zwar wird weitherum vom Drachen von Pilatus gesprochen, in alten Texten ist aber oft von Drachen und Lindwürmern die Rede. Zur Erklärung für all diejenigen, die ihren Tolkien gerade nicht zur Hand haben: Drachen sind geflügelte Echsenwesen mit vier Gliedmassen. Lindwürmer hingegen haben keine Flügel und nur zwei Beine.

Der Luzerner Stein ist ein Unikat

Seis drum: Der Luzerner Drachenstein ist schweizweit ein Unikat. Zwar gebe es noch einen mit «Draconites» beschrifteten Stein im Haus zum Dolder in Beromünster, wie Tamara Emmenegger, Konservatorin vom Museum Luzern, auf Anfrage erklärt. Dieser besteht aber aus Felsit – also einem natürlichen Gestein –, und ihm fehlt auch die schriftlich überlieferte Geschichte, die den Luzerner Drachenstein seit Jahrhunderten so interessant macht.

Wer heute angebliche Heilsteine sucht, kann sich die Strapazen einer Drachenbegegnung sparen. Mehrere Luzerner Geschäfte verkaufen Quarze, Mineralien, Drachenblutpulver oder Engelessenzen, die für zahlreiche Gebrechen gut sein sollen.

Wer hingegen lieber das Original bestaunen möchte, kann das im Natur-Museum beim Kasernenplatz tun. Der sagenumwobene Stein ist seit der Eröffnung des Natur-Museums 1976 fester Bestandteil der Ausstellung. Und bekommt im Rahmen der aktuellen Sonderausstellung «Sagenhafter Alpenraum» bald Gesellschaft von einem Replikat der 500-jährigen Urkunde. Die echte Urkunde liegt sicher verwahrt im Staatsarchiv Luzern.

Verwendete Quellen
  • Schriftlicher Austausch mit Tamara Emmenegger, Konservatorin Museum Luzern
  • Medienmitteilung Museum Luzern
  • Artikel Naturforschende Gesellschaft Luzern
  • Website Drachenweg Pilatus
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