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Gemeinsam Leere aushalten statt billiger Trost
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Franz Zemp, Leiter der Pfarrei MaiHof, ist seit letztem August auch Seelsorger der Gassenarbeit. (Bild: Natalie Ehrenzweig )

Luzerner Pfarreileiter im Dienst der Randständigen Gemeinsam Leere aushalten statt billiger Trost

4 min Lesezeit 27.03.2016, 05:10 Uhr

Franz Zemp ist der Leiter der unkonventionellsten Pfarrei Luzerns. Die Kirche habe eine sozialpolitische Aufgabe, ist er überzeugt. Als Seelsorger unterstützt er drogenabhängige Menschen auf der Gasse – und begleitet diese über den Tod hinaus.

«Ostern ist natürlich das zentrale Kirchenfest. Für mich geht es darum, dass mit der Auferstehung erst die Verbreitung der Botschaft von Jesus begann: sein konsequenter Einsatz für die Randständigen, seine Kritik gegen die Obrigkeit», erklärt Franz Zemp (51) die Bedeutung, die Ostern für ihn hat. Der Leiter der Pfarrei MaiHof ist seit letztem August auch Seelsorger der Gassenarbeit.

Obwohl für viele Ostern nicht nur die Auferstehung bedeutet, sondern auch für das Leiden und den Tod von Jesus steht, hat Franz Zemp einen anderen Fokus: «Es ist eine Zusage von Gott. Trotz allem Leid soll der Mensch leben und Hoffnung haben. Trotz Frust gilt es, die Menschlichkeit, die Menschenfreundlichkeit zu leben. Wir sollen mutig sein, gemeinsam aufstehen», führt der Seelsorger aus.

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«Es geht eher darum, die Leere und Sinnlosigkeit gemeinsam auszuhalten.»
Franz Zemp, Pfarreileiter MaiHof und Seelsorger

Für die Leute auf der Gasse ist Ostern weniger ein Thema als Weihnachten. «Obwohl kirchlich Ostern wichtiger ist, sind mit Weihnachten viel mehr Traditionen verbunden, die diese Menschen potenziell ausschliessen. Viele haben zum Beispiel keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie», erzählt Franz Zemp. Das Publikum der Gassenarbeit sei nicht mehr oder weniger gläubig als der Rest der Gesellschaft. «Sie sind eher ein Spiegel unserer Gesellschaft. Es gibt solche, denen der Glaube wichtig ist, andere, die nicht gläubig sind.»

Abschiedsrituale für Drogenopfer

Aber ob gläubig oder nicht, diese Menschen seien viel konkreter mit existenziellen Fragen wie dem Tod oder der Frage nach dem Sinn des Lebens konfrontiert. «Im Schnitt einmal pro Monat stirbt jemand direkt am Drogenkonsum oder an den Spätfolgen. Teil meiner Arbeit ist, das Abschiedsritual zu gestalten, das wir jeweils in der Gassenküche abhalten. Dabei entstehen sehr viele Gespräche über Sinn, über Scheitern, über Angst, der Nächste zu sein», erklärt der Theologe.

«Oft brauchen diese Menschen einfach jemanden, der ihnen zuhört.»
Franz Zemp 

Menschen mit solch existenziellen Fragen liessen sich nicht mit einfachem Gottesglauben vertrösten. «Es geht eher darum, die Leere und Sinnlosigkeit gemeinsam auszuhalten», betont Franz Zemp. Sein Menschen- und Gottesbild motiviert den Seelsorger, die Hoffnung nie aufzugeben: «Tod, Scheitern, Sinnfragen – das gehört alles zum Leben. Mir kommt da die Geschichte von Moses mit dem brennenden Dornbusch in den Sinn, als Gott ihm seinen Namen sagt. Er bedeutet ‹Ich bin da›.»

Keine Antworten

Die Kirche erwecke manchmal den Anschein, auf alles eine Antwort zu haben. Doch auch der Theologe habe nicht auf alles eine. «Oft brauchen diese Menschen einfach jemanden, der ihnen zuhört. Das entlastet sie und gibt ihnen ihre Würde ein Stück zurück. Denn sie machen sehr viele unwürdige Erfahrungen und werden von der Gesellschaft stigmatisiert», sagt Franz Zemp. Mit seiner Arbeit hilft er ihnen, untereinander zu trauern. Ausserdem arbeitet der Entlebucher auch mit den Herkunftsfamilien – wenn diese das wollen.

«Ich habe bis jetzt einmal erlebt, dass die Herkunftsfamilie gar nichts mit den Leute von der Gasse zu tun haben wollte, und somit natürlich auch nicht mit mir», erzählt er. Mehrheitlich würden die Abschiedsrituale aber geschätzt. «Auch die Eltern sind mit Fragen zur Schuld und Verantwortung konfrontiert. Und auch sie brauchen Entlastung. Kein Scheitern oder keine Fehler rechtfertigen eine Stigmatisierung», ist der Theologe überzeugt.

«Ich frage mich immer öfter, wer in unserer Gesellschaft noch Platz hat.»
Franz Zemp 

Progressiv und unkonventionell

Die Pfarrei MaiHof, die Franz Zemp seit 2004 hauptberuflich leitet, hat ihn angezogen, weil sie schon in den 70er- und 80er-Jahren den Ruf hatte, offen und progressiv zu sein. Der Theologe führt seine Pfarrei ebenfalls unkonventionell, öffnete den Kirchenraum auch für andere Organisationen. Franz Zemp treibt die Frage um, was aus der Kirche in Zukunft wird: «Die Kirche muss glaubwürdig und authentisch sein, die Menschen unterstützen und ihnen Halt geben. Sie muss sich für Randständige und für Schwächere engagieren.»

Franz Zemp, Leiter der Pfarrei MaiHof, ist seit letztem August auch Seelsorger der Gassenarbeit.

Franz Zemp, Leiter der Pfarrei MaiHof, ist seit letztem August auch Seelsorger der Gassenarbeit.

(Bild: Natalie Ehrenzweig)

Immer mehr Leute schaffen es nicht, die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen. Der Seelsorger: «Ich frage mich immer öfter, wer in unserer Gesellschaft noch Platz hat. Insofern hat die Kirche meiner Meinung nach auch einen sozialpolitischen Auftrag.» Diese Perspektive und das Bedürfnis, sich vermehrt mit Lebensfragen auseinanderzusetzen und noch mehr mit der Basis zu arbeiten, lassen sich in seinen zwei Jobs bestens vereinen.  

Mehr als «der tote Mann am Kreuz»

«Die Ostergeschichten handeln alle von Begegnungen, von Menschen, vom Leben. Und darum geht es mir auch in unseren Osterritualen hier im MaiHof. Feuer und Wasser, die Symbole des Lebens, werden gesegnet. Das sind für mich auch die christlichen Symbole, viel mehr als der tote Mann am Kreuz. Leiden gehört zwar zum Leben, doch Religion muss auch befreien. Der tote Jesus am Kreuz ist auch ein Symbol für die Morde in unserer Gesellschaft und eine Erinnerung daran, dass wir vergeben müssen», findet der engagierte Theologe.

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