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Gemein: Cologna durfte 40 Minuten früher los
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Die Läufer auf dem gefrorenen Silsersee kurz nach dem Start. (Bild: swiss-image.ch/Remy Steinegger)

zentralplus sportlich: Am Engadiner Skimarathon Gemein: Cologna durfte 40 Minuten früher los

7 min Lesezeit 13.03.2017, 16:55 Uhr

728 Langläufer aus den Kantonen Luzern und Zug haben diesen Sonntag am Engadiner Skimarathon teilgenommen. zentralplus hat sich ebenfalls Skier angeschnallt – um herauszufinden, was die Menschen an 42 Kilometern Strapazen so fasziniert. Die Verfolgung von Lokalmatador Dario Cologna hat jedoch nicht ganz geklappt.

Es ist 2.30 Uhr, mein Wecker klingelt. Ich frage mich, warum ich mir das antue. Eine Frage, die sich an diesem Tag nicht zum letzten Mal in mein Bewusstsein schleichen wird. Weitere Gedanken schiessen mir durch den Kopf: Andere Leute sind um diese Zeit in den Bars und Clubs unterwegs. Natürlich wäre eine solche Vorbereitung undenkbar angesichts der bevorstehenden Herausforderung.

Denn mich erwartet der Engadiner Skimarathon: 42 Kilometer auf zwei dünnen Brettern, 13’000 andere Läufer und ein Volksfest. Wenigstens ist schönes Wetter angesagt.

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Ein Paradox

Wie bereitet man sich am besten auf so einen Anlass vor? Wir haben bei Philipp Furrer nachgefragt. Der Horwer hat «zirka zehn Engadiner» bestritten, wie er sagt, allesamt in den letzten Jahren. «Für mich hat sich eine organisierte Langlaufwoche am Anfang des Winters als ideal herausgestellt.» Dabei könne man, je nach Anbieter, verschiedene neue Skimodelle ausprobieren (siehe Box am Textende).

«Ausserdem wird an der Langlauftechnik gefeilt, was auch für Fortgeschrittene wichtig ist.» Daneben müsse man natürlich im Winter regelmässig auf den Langlaufskiern stehen. Gar nicht so einfach, wenn es mittlerweile erst ab 1500 Metern über Meer den ganzen Winter Schnee hat.

Früh muss rauf, wer am Skimarathon teilnehmen will.

Früh muss rauf, wer am Skimarathon teilnehmen will.

(Bild: swiss-image.ch/Andy Mettler)

Wenn man mit dem Bus nach Maloja zum Start fährt, führt die Strasse am Silser- und am Silvaplanersee vorbei. Über diese Seen führt danach die Strecke. Ich werde mir des Paradoxons bewusst: Jetzt zehn Kilometer in die eine Richtung fahren, damit ich dann auf den Langlaufskiern zurückfahren kann. In anderen Ländern dieser Erde würden sie uns dafür für verrückt erklären.

Der Boxenstart und seine Vorteile

Am Start herrscht emsiges Treiben. Es ist vergleichbar mit dem Lucerne City Marathon. Es gibt Stände von Ausrüstern, die letzten Startnummern können abgeholt und der letzte Toilettenbesuch erledigt werden. «Es ist dieses Massenerlebnis, die verschiedenen Levels der Läufer, die verschiedenen Ziele und die unterschiedlichen Motive, welche die Faszination Engadiner ausmachen», sagt Furrer. Dagegen würden die Langlaufrennen in der Innerschweiz – beispielsweise der Langis Sprint auf dem Glaubenberg oder das Nachtrennen im Eigenthal – oft nur von sehr ambitionierten Hobbysportlern oder Profis besucht.

Über 13'000 Langläuferinnen und Langläufer sind am 49. Engadiner Skimarathong gestartet.

Über 13’000 Langläuferinnen und Langläufer sind am 49. Engadiner Skimarathong gestartet.

(Bild: swiss-image.ch/Remy Steinegger)

«Da ist man als durchschnittlicher Volksläufer oft hintenab», so Furrer. Ich kann ihn voll und ganz verstehen. Durch den Boxenstart hat man kurz Zeit, seine Mitläufer kennenzulernen – ich habe nicht das Gefühl, dass hier einer zu verbissen auf den Sieg hofft. Wäre auch schwierig, schliesslich starten wir Amateure 40 Minute nach der Elite.

Der Boxenstart wurde vor vier Jahren aus einer Not heraus eingeführt. Früher fuhren alle gleichzeitig los, einer hinter dem anderen. Nun stellt man sich mit den Skiern in der Hand in eine Box mit 1’000 anderen Läufern. Die Box wird geöffnet und man läuft zu einer Zone, in der man die Skier anziehen darf. Erst rund 50 Meter weiter wird dann die Zeit gestartet. «Der Boxenstart hat zu viel weniger Gedränge geführt, und man fühlt sich weniger unter Druck von hinten. Entsprechend läuft man auch weniger Gefahr, zu schnell loszulaufen», sagt Furrer.

Idyllisch – könnte man meinen

Dann geht es los. Das Rennen lässt sich in vier etwa gleich lange Teilstrecken einteilen. Das erste Viertel der Strecke geht gut voran: Hier führt die Strecke über eben jene zwei zugefrorenen Seen. Der Schnee scheint gut zu sein, ich komme schnell voran. Im zweiten Viertel kommt zuerst die Schanze: Ein steiler Anstieg, etwa 30 Höhenmeter. Es staut an dieser Stelle auch an diesem Engadiner, zehn Minuten Wartezeit sind keine Seltenheit.

Mitten im Volkslauf: Der zentralplus-Autor mit der Startnummer 17574.

Mitten im Volkslauf: Der zentralplus-Autor mit der Startnummer 17574.

(Bild: swiss-image.ch/Andy Mettler)

Ich höre gerade den Speaker sagen, dass Lokalmatador Dario Cologna das Rennen gewonnen hat. Nun, bei uns dürfte es noch eine Weile dauern. Es folgt ein Abschnitt durch den Wald und etwas coupiertes Gelände. Idyllisch, könnte man meinen – aber die Strecke ist schmaler geworden, man ist nicht allein und nicht der erste Läufer hier. Die Anstrengung, die (Über-) Motivation gewisser Mitstreiter sowie das Schlafmanko der vergangenen Nacht lassen einige gehässige Diskussionen entstehen, etwa, wenn der Hintermann nicht mehr bremsen konnte.

Karussell der Gedanken

Es ist dieses Wechselspiel der Eindrücke, die das Erlebnis ausmachen. Zum einen fährt man durch kleine Dörfer, wo man angefeuert wird, wo Musik läuft oder der Speaker Stimmung macht. Andererseits fährt man über Felder und Seen und hört der Natur zu. Oder sich selbst.

Tückische Abfahrt: Manch ein Teilnehmer meistert den Engadiner nicht ohne Sturz.

Tückische Abfahrt: Manch ein Teilnehmer meistert den Engadiner nicht ohne Sturz.

(Bild: swiss-image.ch/Andy Mettler)

Dies ist mein dritter persönlicher Engadiner. Noch jedes Mal habe ich beim Abzweiger zum Ziel des Halbmarathons ebenfalls an ein Abbiegen gedacht. Diesmal, aufgrund der guten Schneeverhältnisse, etwas weniger. Die Hälfte ist geschafft. Nach diesem Zwischenziel geht es nochmals relativ flach weiter. Die Verpflegungsstände kommen nun in kleineren Abständen. Bei Kilometer 30 denke ich an die Worte von Philipp Furrer: «Man sollte in der Vorbereitung einmal eine längere Distanz, etwa 30 Kilometer, als Übung gelaufen sein.» Da wären wir also. Ich fühle mich recht gut.

Der «Engadiner»

Der Engadiner Skimarathon ist einer der grössten Breitensportanlässe sowie der grösste Langlauf-Event der Schweiz. Er findet jedes Jahr am zweiten Sonntag im März statt. Die Strecke führt von Maloja nach S-chanf. Seit 1969 organisieren elf Engadiner Langlaufclubs gemeinsam den Anlass. In den letzten Jahren wurden mit jeweils 13‘000 Anmeldungen konstante Läuferzahlen verzeichnet. Nebst vielen Hobbysportlern sind auch Fahrer der Weltelite am Start

Abgerundet wird der Engadiner mit den «Golanhöhen», wie sie im Volksmund genannt werden. Hier geht es auf den letzten sieben Kilometern immer wieder bergauf und bergab, jedes mal 30 bis 50 Höhenmeter. Man hört bereits die Durchsagen des Zielspeakers.

Die Extrawünsche der Königin

Die letzten Kilometer jedes Marathons werden auch «the Queen’s Mile» genannt. Ein Marathon betrug vor den Olympischen Sommerspielen 1908 «nur» 40 Kilometer. Damals wollte die Queen von England die Marathonläufer vor ihrem Wohnsitz auf Schloss Windsor starten sehen – die Strecke wurde kurzerhand um zwei Kilometer verlängert. Ein leises «God save the Queen» für diese Extrameile gehört deshalb fast schon zum guten Ton.

Nun ist mentale Stärke gefragt. Ich bedenke, dass Schnee nichts anderes ist als aufgetürmte kleine Eiskristalle und sage mir: Ich werde nicht von gefrorenem Wasser geschlagen.

Der Skimarathon ist Sportanlass und Volksfest zugleich.

Der Skimarathon ist Sportanlass und Volksfest zugleich.

(Bild: swiss-image.ch/Andy Mettler)

Dann kommt der letzte Kilometer, der es noch einmal in sich hat: Eine kurze Abfahrt (was nach dieser Distanz gar nicht so einfach ohne Sturz zu überstehen ist), gefolgt von einem schlangenlinienförmigen Abschnitt. Die letzten 300 Meter: nochmals leicht bergauf. Wer bisher noch nicht an seine Grenzen gestossen ist, macht dies spätestens jetzt. Kurz vor dem Ziel werde ich von drei Damen am Streckenrand angefeuert – jede mit einem Cüpli in der Hand. Ein ironischer Moment.

Schlussspurt – unmöglich

Dann der Augenblick, in dem man sich wie die Stars am Fernsehen fühlen darf. Aus einer breiten Strecke werden vier nebeneinander verlaufende Spuren, durch Nadeläste getrennt: die Zielgerade. Einen Spurt hinzulegen, ist für mich unmöglich. Doch es geht auch ohne. Ich überquere die Ziellinie und bin zu erschöpft, um mich richtig freuen zu können. Ich habe die Strecke geschafft – und die Strecke hat mich geschafft.

So klappt es mit dem Engadiner

Ein paar Tipps für alle, die sich für’s 2018 anmelden möchten – dann wird der 50. Engadiner über die Bühne gehen. Eine gute Basis verschafft sich, wer Anfang der Saison eine Langlaufwoche absolviert. «Wenn man im Freundeskreis Personen kennt, die bereits Erfahrung haben, hilft das zudem sehr», sagt Philipp Furrer, der bereits etliche Engadiner absolviert hat. Diese kennen sich im Startgelände aus und können die Nervosität nehmen.

Ausserdem sollte man im Training auch mal längere Strecken, um die 30 Kilometer, gelaufen sein, um ein Gefühl für die Länge der Strecke zu bekommen. Am Tag selber gelten die gleichen Regeln wie für alle Rennen dieser Art: Sich vorher über die Anreise Gedanken machen und genug Pufferzeit einplanen.

Wer nicht mit dem Auto anreisen will, hat nur limitierte Möglichkeiten, an den Anlass zu kommen. Die Anreise am Vortag sollte man frühzeitig planen: Betten sind meist schon Monate vorher ausgebucht. Dann bleibt nur die Anreise mit dem Reisecar. Die Firma Gössi reist seit über 20 Jahren an den Engadiner und hat in dieser Zeit etwa 1‘000 Langlaufbegeisterte an den grössten Langlaufevent der Schweiz gefahren. Was als Zusammenarbeit mit dem Skiclub Horw begann, wird heute vom Reiseunternehmen selbst organisiert und vermarktet. Andere angefragte Carreiseunternehmen der Region bieten keine entsprechenden Reisen an.

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