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Gelöcherte Zimmerpflanzen auf Zuckerwatten-Rosa
  • Kultur
  • Rezension
(Bild: Claire Hoffmann)

Ausstellung in Luzerner Neustadtstrasse Gelöcherte Zimmerpflanzen auf Zuckerwatten-Rosa

4 min Lesezeit 14.04.2016, 12:30 Uhr

Philip Ortelli zeigt im «sic! Raum für Kunst – Elephanthouse» eine fein abgestimmte Installation mit Brüchen und Löchern, an der man sich trotz des vermeintlich süssen Gesamteindrucks unversehens die Finger verbrennen kann.

Noch sind nicht alle Teile des USM-Haller-Möbelstücks zusammengeschraubt – das Spezialwerkzeug ging ihm leider am Nachmittag kaputt, erklärt der Berner Künstler Philip Ortelli (*1991) noch zwei Tage vor der Eröffnung im «sic! Elephanthouse». Die komplizierte Technik, mit der dieses urschweizerische Modular-Möbel zusammengebaut wird, eignete er sich eigens für diese Ausstellung in einem Workshop an. Eine USM-Haller-Landschaft steht selbstbewusst in der Mittelachse des Raumes – gewissermassen als Raumtrenner –und dient als Ablage für bunte Objekte, Pflanzen und Tablets für Videos.

 

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Das «en passant»

Oft arbeite er mit grösseren Installationen, komplizierteren und längerfristigen Projekten, erklärt Ortelli. Hier wollte er sich auf das Nebensächliche, Unwichtige konzentrieren, das «en passant» bei ihm im Atelier entstehe. Gerade dann, wenn er mit seinen grossen Projekten nicht weiterkomme, kämen solche Handübungen wie die bunten Schlangen aus Modelliermasse als Ablenkungen zustande, um der eigentlichen Arbeit auszuweichen. Diese Aktivität ernstzunehmen, das Nebensächliche und Unwichtige nicht zu marginalisieren und zu vergessen, sondern ebenfalls ins Licht – und in diesem Fall auf den Sockel – zu rücken, nahm sich Ortelli in dieser Ausstellung The Edge is the best Part of the Hole vor.

Bleiplatte bäumt sich über ein Marmorstück.

Bleiplatte bäumt sich über ein Marmorstück.

(Bild: Claire Hoffmann)

Manifest gegen die Randständigkeit

Der Rand ist das Beste am Loch – aber ist der Rand nicht auch das Beste am Ganzen, wie der Titel zumindest phonetisch auch gedeutet werden kann? Vom knusprigen Rand der Wähe bis zu den Rändern des Tages ­– Morgengrauen und Eindunkeln? Ortelli schreibt für diese Ausstellung an einem Manifest gegen die Randständigkeit, gegen die Marginalisierung von Dingen, zugunsten einer ungeteilten Aufmerksamkeit für die sonst übersehenen Aspekte des Lebens. Eine Studie in Achtsamkeit also?

«Achtsamkeit ja, aber auch eine gewisse Schärfe und Tücke verstecken sich hier.»

Auch in der chinesischen Teezeremonie, die der Künstler im Laufe der Ausstellung jede Woche für einen Gast einmal durchführt, gehe es genau darum, eine Pause einzulegen und dem Tee als Pflanze, als Getränk, als vom Gastgeber dargebotene Geste, ernstzunehmen. Und das werde in der chinesischen Geschäftswelt durchaus auch taktisch eingesetzt, erläutert Ortelli. Die Teepause, um schwierigen Fragen auszuweichen, das Gespräch danach neu ansetzen zu können. Achtsamkeit ja, aber auch eine gewisse Schärfe und Tücke verstecken sich hier.

Wandert man nun auf dem rosa Plüschteppich um das Display-Monstrum, fällt bald auf, dass die vielfarbenen Metallplatten zuweilen zu kurz geraten sind oder verkehrt rum montiert wurden. Auf einem Tablet sieht man Fundstücke aus einer Youtube-Fetisch-Community, wo beschuhte Füsse lustvoll Mandarinen und Computertastaturen zerstören. Daneben eine Zimmerpflanze, deren samtene Blätter scheinbar einem gelangweilten Büroangestellten zum Opfer gefallen sind, der akribisch jedes Blatt mit einem Locher durchbohrte. Dieser scheinbar aggressive Akt ist aber zugleich ein Experiment der wundersamen Vermehrung, denn die ausgestanzten Blatt-Teile liegen nun bei Ortelli im Atelier auf Watte und werden regelmässig mit Wasser begossen. Wer weiss, ob das Experiment gelingt, dass diese «Ränder» auch Wurzel schlagen? Doch warum brauchen diese an sich feinen Beobachtungen und Eingriffe diese Corporate-Ästhetik? Die zurzeit in der zeitgenössischen Kunst zu Beliebe durchdeklinierte Display-Thematik, gerne modular und in Regalsystemen, mag als Bezugsrahmen in ihrer Selbstreferentialität ein wenig ermüden.

(Bild: Claire Hoffmann)

Achtung, heiss!

Spannend hingegen ist die kinetische Skulptur, die als einziges Stück über diese vorgegebene Rahmung der Metallstruktur hinausragt: Da bäumt sich eine grosse Bleiplatte über ein Marmorstück, das mit einem Heizsystem ausgestattet ist. Wärmekreisläufe – auch ein aktuelles Thema, das gerade in Basel in zwei Ausstellungen zu sehen ist; zeigt die Kunsthalle Basel doch zurzeit eine Einzelausstellung von Sam Lewitt, der die Stromschienen der Neonröhren in Heizkreisläufe umleitet, die in den Raum abstrahlen, und im Tinguely-Museum ist eine Installation mit Glühdrähten von Jan van Munster zu sehen. Im Gegensatz zu diesen ebenfalls mit Wärme arbeitenden Künstlern ist die Metallskulptur Ortellis jedoch alles andere als statisch: Mit einem Mikrowellenradar versehen, werden die im Raum anwesenden Menschen gemessen, und entsprechend stärker oder schwächer fällt die Infrarotheizung aus, die in die Marmorplatte eingelassen ist. Rasch heizt sich so die weiche Bleiplatte auf und wird biegsam, fällt zusammen, schmiegt sich an, verändert sich laufend während der Ausstellung, eine Versuchsanlage mit offenem Ausgang – und Achtung, es wird glühend heiss!

Die Nebensächlichkeiten

Ortelli konnte Ersatzwerkzeug besorgen und hat seine wohl abgestimmte Inneneinrichtungsinstallation rechtzeitig für die Ausstellung fertig geschraubt. Die feinen Beobachtungen und unerwartete Doppelbödigkeit seiner Arbeit bleibt dabei ein Erlebnis, auf das sich jeder Besucher einzeln einlassen muss –oder darf. Und beim Herausgehen werden vielleicht die Nebensächlichkeiten unseres Alltags mit ihrer Schönheit und ihren Tücken neu gesehen – sei es die Zigarette, die wir mit Füssen treten, das Loch im Velosattel (aus dem nach dem Regen immer noch eine Restnässe austritt) oder die Teekanne, die endlich mal vom Regal herunterkommen darf und den fixfertigen Teebeutel ablöst …

 

Die Ausstellung läuft noch bis am 21. Mai 2016 im Ausstellungsraum sic! Elephanthouse.

Eröffnung: Samstag, 09. April 2016, 17.00 Uhr

Lesung: 20. Mai 2016, 19 Uhr, Manifest gegen die Randständigkeit. Mit Chinotto-Rum und Snacks

sic! Elephanthouse, Neustadtstrasse Luzern
vis-à-vis Restaurant zur freien Schweiz
CH–6003 Luzern

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