Das heutige Theater Luzern.
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Das heutige Theater Luzern. (Bild: Marc Benedetti)

Luzern Geht das Theater jetzt erst richtig los?

7 min Lesezeit 19.04.2013, 09:46 Uhr

Ein neuer Theatersaal in der Nähe des KKL und ein Produktionszentrum für die Freie Szene im Südpol: In Luzern soll eine neue Theaterwelt geschaffen werden. Vorläufig ist es ein Zukunftstraum, doch es stellen sich bereits die ersten grundsätzlichen Fragen. 

Noch ist «Theater Werk Luzern» eine Vision: Beim KKL ist bis 2022 ein neuer Theatersaal als moderner Bühnenraum für Opern, Musiktheater, Schauspiel und Tanz vorgesehen. Zudem soll der Südpol zu einem Produktionszentrum für die Freie Szene erweitert werden. Das alte Luzerner Stadttheater an der Reuss hätte damit ausgedient.

Wird dieser Zukunftstraum schliesslich zur Wirklichkeit, entsteht in Luzern eine neue Theaterwelt. Eine Welt, die gefällt? zentral+ ist auf Stimmenfang gegangen.

Engagement für Freie Szene wird begrüsst

Zuerst fallen lobende Worte. «Es ist sinnvoll, dass die Theaterstrukturen neu ausgerichtet werden sollen», sagt Adrian Albisser, Vorstandsmitglied des Vereins Neubad. Denn bezüglich der Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren gebe es noch viel Potenzial. «Positiv zu werten ist ausserdem, dass der Freien Szene ein stärkeres Gewicht beigemessen wird.»

Ein Punkt, der ebenso von Spoken-Word-Veranstalter und Verleger Matthias Burki angesprochen wird. «Grundsätzlich sehe ich erst einmal ein positives Zeichen – gerade für die ‹nicht-etablierte Szene› –, denn die Freie Theaterszene erhält endlich mehr Mittel und Raum.» Auch die IG Kultur Luzern begrüsst «Theater Werk Luzern». «Die Probleme sind erkannt und Theatergruppen der Freien Szene erhalten neue Fördermittel», sagt Geschäftsleiterin Cathérine Huth.

Theater verdrängt Musik

Dann folgt das grosse Aber. «Der Südpol wird zur zweiten Spielstätte neben dem Theaterhaus. Als Dachverband aller Kulturschaffenden in Luzern fragen wir uns deshalb, wie andere Kultursparten, die ebenfalls im Südpol produzieren möchten, reagieren, wenn das Theater den Platz einnimmt», so Huth. Diese Frage stellt sich auch Thomas Burri, Präsident der Interessengemeinschaft Kulturraum Boa (IKU Boa). Er stellt eine klare Forderung auf: «Es ist wichtig, dass die Erweiterung des Südpols zu einem Produktionszentrum nicht auf Kosten der Sparte Musik geschieht.»

Dass genau dies geschehen wird, ist jedoch die Befürchtung. Matthias Burki: «Das Kulturzentrum Südpol wird wohl in der jetzigen Form verschwinden.» Das sei ein grosser Verlust, insbesondere für die Musikszene, die schon wieder nach Räumen suchen müsse. «Mehr Bedarf ist von Bands, Veranstaltern und Publikum jetzt schon vorhanden, die Situation wird sich verschärfen und insbesondere die Stadt wird Lösungen anbieten müssen», sagt der Verleger.

Freiräume schaffen

Ähnlich argumentiert Philipp Ambühl, Pressesprecher der IG Industriestrasse. «Der Plan, aus dem Südpol ein Theaterproduktionszentrum zu machen, führt vermutlich zu einer Verdrängung der alternativen Kunstszene, deren Vertreter – wie schon oft – erneut zu Nomaden gemacht werden», sagt er.

Ambühl definiert Alternativkultur als «die nicht kommerziell ausgerichtete Kultur und diese braucht Freiräume». Die IG Industriestrasse und die Gemeinnützige Wohnbaugenossenschaft Industriestrasse (GWI) würden genau diese Problematik des dauernden Verdrängens der Alternativkultur progressiv auf dem Gelände der Industriestrasse angehen wollen.

Das Theater verdrängt im Südpol die Musik und die Alternativkultur – ist diese Befürchtung berechtigt? «Das ist eine der offenen Fragen, die nun im Rahmen der weiteren Arbeit erörtert werden müssen», lautet die Antwort von Rosie Bitterli, Kulturchefin der Stadt Luzern.

Braucht es einen Neubau?

Nicht nur die Zukunft des Südpols, auch der geplante neue Theatersaal in der Nähe des KKL wird angesprochen. Adrian Albisser vom Neubad steht den Plänen, «einen neuen Prestigebau zu erstellen», kritisch gegenüber.

Dominique Mentha, Direktor des Luzerner Theaters, jedoch betont, ein neues Theaterhaus zu erstellen sei die bessere Lösung, statt sehr hohe Investitionen für das renovationsbedürftige und veraltete Theater an der Reuss zu tätigen, «das von der Infrastruktur her ein Auslaufmodell ist».

Offene Fragen zur Finanzierung

Dann spricht Adrian Albisser die finanziell angespannte Situation der Stadt an. «Die Finanzierung des neuen Theatersaals darf nicht auf Kosten anderer Kultursparten gehen», sagt er und fügt an: «Dabei ist zu bedenken: Die Ausgaben für die Realisierung sind das eine, die späteren, teilweise hohen Unterhaltskosten das andere.» Ein neuer Bau könne also später einmal finanzielle Mittel binden, die dann für die Realisierung von Produktionen fehlen.

Gedanken zur Finanzierung, insbesondere zur Finanzierung des Betriebs in einem neuen Theatersaal, hat sich auch Dominique Mentha gemacht. Denn heute leisten Stadt und Kanton für den Theaterplatz jährlich einen Betrag von 24,4 Millionen Franken. Für «Theater Werk Luzern» wird nicht mehr Geld fliessen.

Im Gegenteil, die Politik setzt eher auf Ab- denn auf Ausbau. Zur Erinnerung: Als der Kantonsrat im letzten Dezember das Budget 2013 debattierte, schlug er einen rigorosen Sparkurs ein. Im Bereich Kulturförderung soll konkret der Vertrag mit dem Zweckverband Grosse Kulturbetriebe gekündigt und neu verhandelt werden. Geplant ist, dass die Kulturbetriebe mit 700’000 Franken weniger auskommen sollen. Verteilkämpfe sind programmiert.

Attraktiv für Sponsoren werden

«Ein neues Theater muss mehr Geld generieren durch attraktive Gastspiele, Kooperationen oder gastronomische Angebote», skizziert Dominique Mentha einen möglichen Weg. «Es braucht ein neues Geschäftsmodell, um auch für Sponsoren attraktiv zu werden, ansonsten fliessen die Drittmittel nicht.»

Wohin die Reise auf der finanziellen Ebene gehen könnte, illustriert Mentha am Beispiel der österreichischen Stadt Linz. Dort habe man für 200 Millionen Euro ein neues Musiktheater gebaut, dann aber rasch gesehen, dass die Betriebsmittel nicht reichen: «Man musste das Budget um 20 Prozent erhöhen.» Trotzdem bleibt Mentha, was die Chancen für die neue Luzerner Theaterwelt angeht, «vorsichtig optimistisch».

Erhoffte Dynamik

Und was sagt die Politik? Bisher hat einzig die SP Stadt Luzern offiziell zur neuen Theaterwelt Stellung genommen. Sie ist positiv gegenüber einer breiten Theaterkulturdiskussion eingestellt und begrüsst unter anderem, «dass der heute finanziell unterdotierte Südpol in der weiteren Planung als zentraler Partner gefördert werden soll». Die anderen Parteien werden sich dann wohl zur neuen Theaterlandschaft äussern, wenn der Planungsbericht über die kantonale Kulturförderung Ende April in die Vernehmlassung geht.

Nino Froelicher, Fraktionschef der Grünen im Kantonsrat, der besagtes Papier mit einer Motion eingefordert hat, freut sich über die durch «Theater Werk Luzern» ausgelöste Dynamik im Bereich Theater, von der er eine Stärkung der Freien Szene erwartet. Froelicher hofft, dass diese Dynamik im kantonalen Planungsbericht festgeschrieben wird.

«Weitere Sparten müssen folgen»

Kritischer sieht das Ganze sein Fraktionskollege, Kantonsrat Hans Stutz. «Es ist offensichtlich, dass man sich auf das teure Musiktheater konzentrieren will. Offen bleibt dabei, ob man das Schauspiel vor allem der Freien Szene überlassen will und ob diese ein kontinuierliches Angebot überhaupt abdecken kann.» Und was passiere mit den anderen Sparten, «dem Ballet, aber auch den Kunstsparten ausserhalb der Theaterwelt; der nicht-klassischen Musik und der bildenden Kunst? Je teurer das Musiktheater, desto weniger Geld wird für den Rest übrig bleiben», so Stutz.

Wünschenswert wäre deshalb, sagt Adrian Albisser, «wenn sich Kanton und Stadt auch für die Freie Szene beispielsweise im Bereich der bildenden Künste und der Musik engagieren würde». Spoken-Word-Veranstalter und Verleger Matthias Burki: «Insgesamt braucht die ‹nicht-etablierte Szene› dringend mehr Produktionsgelder. Wenn es nun für die Theaterszene realisiert wird, ist dies nur ein erster, begrüssenswerter Schritt. Weitere Sparten müssen folgen.»

Kommt eine alte Forderung auf den Tisch?

Auch Thomas Burri von der IKU Boa findet: «Auf die Alternativ- beziehungsweise Subkultur hat das Projekt meines Erachtens kaum Einfluss. Unsere Anliegen bleiben nach wie vor die gleichen.» Es brauche Ateliers und Räume, die ohne starre Strukturen genutzt werden könnten. «Industriebrachen sind deshalb nicht einfach abzureissen und durch Neubauten zu ersetzen, leer stehende Gebäude müssen für Zwischennutzungen zur Verfügung stehen.»

«Vielleicht gibt es heute keine alternative Kultur als solche mehr», schreibt provokativ die «Familie Simsek», eine Gruppe, die das ehemalige Restaurant Hammer in Littau besetzten. Denn einige Richtungen der alternativen Kultur seien in der Vergangenheit stark kommerzialisiert, andere wiederum verdrängt worden. «Seit der Schliessung der Boa fehlt es ihr ausserdem an einer starken Basis.»

Trotzdem, für die Aktivisten ist klar: Es müsse in Luzern möglich sein, kulturelle Anlässe an Orten zu organisieren, an denen nicht schon die Saalmiete 1000 Franken betrage und das Bier 10 Franken koste. «Alternative Kultur, die unangepasst, bunt und wild ist, lässt sich nicht von Richtlinien und Vorschriften einengen.»

Und so fragt sich Cathérine Huth, Geschäftsleiterin IG Kultur Luzern, wie es wohl weitergeht. «Wird wieder die – berechtigte – Forderung nach einem ‹alternativen› Luzerner Kulturzentrum laut?»


Mitarbeit:Yvonne AnlikerMarc BenedettiAlain BrunnerRobert MüllerSandra Monika Ziegler 

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