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Geglotzt wurde schon lange vor dem Fernseh- und Computerzeitalter
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Sonderausstellung «Sehwunder. Trick, Trug & Illusion» ist noch bis am 1. Dezember 2019 im Bourbaki zu sehen. (Bild: zvg)

«Sehwunder. Trick, Trug & Illusion» im Bourbaki Geglotzt wurde schon lange vor dem Fernseh- und Computerzeitalter

3 min Lesezeit 29.06.2019, 14:02 Uhr

Was eine Wundertrommel mit einem YouTube-Filmchen zu tun hat, wird derzeit in der kleinen Ausstellung «Sehwunder. Trick, Trug & Illusion» im Luzerner Bourbaki Museum gezeigt. Denn seit Jahrhunderten befassten sich Künstler und Tüftler damit, Dreidimensionalität und Bewegung ins Bild zu bringen.

In die Glotze starren; ob zur Unterhaltung, Zerstreuung oder als Flucht vor der Realität. Der menschliche Hunger nach Bildern existiert schon lange und animierte Erfinder seit jeher ausgeklügelte Apparaturen herzustellen und weiterzuentwickeln. Das zeigt die kleine Sonderausstellung «Sehwunder. Trick, Trug & Illusion» im Bourbaki Museum. Zu sehen sind einige Guckkästen aus vergangenen Jahrhunderten, wie etwa das Stereoskop oder die Laterna magica.

Panoramabild als Vorläufer des bewegten Bildes

Zuvor zeigt die Museumsleiterin Irène Cramm jedoch das riesige Panoramabild, das 1881 von Edouard Castres realisiert wurde und gleich eine ganze Reihe von Geschehnissen dargestellt.

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Wir stehen auf der erhöhten Plattform in der Mitte des kuppelförmig angelegten Bildes und drehen uns langsam im Kreis. Auf diese simple Art erschliesst sich uns die Szenerie nun wie in einem Film. Denn der Maler stellt hier dar, was er im Winter 1871 als Rotkreuz-Helfer im jurassischen Val de Travers mit eigenen Augen gesehen hatte: Wie nach der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg 87’000 erschöpfte französische Soldaten die Schweizer Grenze überquerten, wie sie vom Schweizer Militär entwaffnet, von zivilen Helfern erstversorgt und vom Roten Kreuz medizinisch betreut wurden.

«Dieses einmalige Rundbild zeigt die grösste Flüchtlingsaufnahme, die die Schweiz je bewältigt hat», sagt Cramm dazu. «Überhaupt lassen sich über dieses Bild zahlreiche Bezüge herstellen. Dieses Ereignis war der erste Einsatz des Schweizerischen Roten Kreuzes und bietet sich daher an, über Humanität, Friedenseinsätze oder die Schweizer Neutralität zu diskutieren», so Cramm weiter. Aber auch grössere Zusammenhänge der europäischen Geschichte können über das Bild erschlossen werden und Fragen eröffnen, wie: Warum kam es überhaupt zu diesem Krieg? Wer war Kaiser Napoleon der Dritte, der nach der Niederlage gefangen genommen wurde? Wer Bismarck? Und warum rief Deutschland kurz nach dem Sieg das deutsche Kaiserreich aus?

Das 19. Jahrhundert: das Jahrhundert der Sehmaschinen

Wie sich Bastler, Künstler und Erfinder das Wissen der Optik schon früh zunutze machten und damit das dreidimensionale Sehen ermöglichten, oder wie sie Bilder in Bewegung brachten, ist an den ausgetüftelten Apparaturen zu bestaunen. Ein technisch ausgefeilter Apparat aus dem 17. Jahrhundert etwa ist die Laterna magica, die Vorgängerin des Diaprojektors und Beamers. Denn damit liessen sich Bilder als Grossprojektion auf eine Wand übertragen. Ein gemeinsames Kinoerlebnis war damit geschaffen.

Oder der hölzerne Kasten da, ein sogenanntes Stereoskop, mit zwei Löchern zum Hineinsehen: Zwei Bilder mit dem gleichen Sujet, aber je durch einen leicht abweichenden Betrachtungswinkel dargestellt, werden im Innern des Kastens nebeneinander arrangiert. Mit diesem einfachen, aber raffinierten, optischen Trick entsteht im Gehirn des Betrachters ein räumliches Bild. Eine Radierung aus dem Jahre 1790 zeigt, wie sich an einem grossen Guckkasten gleich mehrere Menschen durch die Gucklöcher Stadtansichten von Rom, Kairo, Paris oder London ansehen.

Das Prinzip eines jeden YouTube-Filmchens kann anhand des ausgestellten Praxinoskops, das 1877 von einem Franzosen patentiert wurde, jedem Computerkid von heute auf faszinierende Art gezeigt werden. Basil Vogt, Dozent von der Hochschule – Design und Kunst, schuf mit seinen Studenten Papierstreifen, die auf mehreren Bildern eine Handlungsabfolge darstellen. Diese Streifen können nun gleich selber in die eigens dafür angefertigte Wundertrommel hineingelegt werden. Drehen, und der Film läuft.

Zusammenarbeit mit Künstlerkollektiv Seico

Um das Panoramabild in einen zeitgenössischen Zusammenhang zu stellen, wurde zudem das Künstlerkollektiv Seico aus Emmenbrücke für eine künstlerische Umsetzung der Themen Krieg, Flucht und Humanität beauftragt. Herausgekommen sind dreidimensionale Schaukästen (Dioramen), die mit einfachen, fantasievollen oder humoristischen Mitteln Fremdenfeindlichkeit und Flucht in den Kontext des heutigen Lebens setzen.

Eines wird in dieser Ausstellung klargestellt: Geglotzt wurde schon lange vor dem Fernseh- und Computerzeitalter!

Die Ausstellung dauert bis am 1. Dezember 2019.

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