Gegen Gewalt an Frauen: Warum Väter für ihre Söhne wichtige Vorbilder sind
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Unter dem Hashtag #TextMeWhenYouGetHome erzählen zahlreiche Frauen, dass sie sich auf den Strassen nicht sicher fühlen. (Symbolbild: Adobe Stock)

Zuger Expertin im Interview Gegen Gewalt an Frauen: Warum Väter für ihre Söhne wichtige Vorbilder sind

6 min Lesezeit 27.03.2021, 18:00 Uhr

Nach dem Mord an einer jungen Frau in England geht auf sozialen Medien der Spruch «Educate your son» viral. Doch: Kann Erziehung Gewalt gegen Frauen verhindern? Antworten darauf hat Marie-Eve Cousin von der Pädagogischen Hochschule Zug.

Der Tod einer Britin, die sich auf den Weg nach Hause machte, wo sie nie ankam, wühlte viele Menschen auf. Unter dem Hashtag #TextMeWhenYouGetHome erzählen zahlreiche Frauen, dass sie sich auf den Strassen nicht sicher fühlen. Unsicherheiten und Ängste, die man auch in Luzern kennt (zentralplus berichtete).

Ein Bild, auf das man auf Instagram in den letzten Tagen besonders häufig trifft: Eine Tafel, auf der die Worte «Protect your Daughter» durchgestrichen sind. Mit roter Farbe steht: «Educate your Son.» Also auf deutsch: Schütze nicht deine Tochter, erziehe deinen Sohn.

Kann Erziehung eine gewaltfreie Welt schaffen?

Unter dem Bericht von zentralplus lehnt eine Frau an diese Aussage an: «Wir sollen nicht Mädchen dazu erziehen, nicht im Minirock auszugehen und sie in den Selbstverteidigungskurs zu schicken. Sondern Jungs darüber aufzuklären, was sie auslösen können mit ihrem Verhalten und ebenso wie sie dem entgegenwirken können.»

Wir haben Marie-Eve Cousin gefragt, ob die «richtige» Erziehung eine gewaltfreie Welt schaffen könnte – oder ob das reine Utopie ist. Marie-Eve Cousin ist ausgebildete Primarlehrerin und Doktorin der Psychologie. Sie ist als Dozentin für Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Zug tätig.

zentralplus: Marie-Eve Cousin, derzeit geben viele Frauen in den sozialen Medien Tipps an Männer, wie sich diese verhalten könnten, damit sich Frauen wohler und sicherer fühlen. Also dass man beispielsweise als Mann die Strassenseite wechselt. Bringt das denn etwas oder ist das reine Symptombekämpfung?

Marie-Eve Cousin: Das müsste man im Einzelfall anschauen. Die Frage stellt sich, ob die objektive Sicherheit oder nur das wahrgenommene Sicherheitsempfinden erhöht wird. Um beim Beispiel zu bleiben: Eine gewaltbereite Person würde sich vom Überqueren einer Strasse wohl kaum von ihren Absichten abhalten lassen. Gleichzeitig könnten sich Personen subjektiv und objektiv sicherer fühlen, wenn andere Personen mit Distanz ihre Wege kreuzen.

zentralplus: In den sozialen Medien fordern nun viele, dass man nicht Töchter schützen, sondern Söhne erziehen müsse. Eine sinnvolle Forderung?

Cousin: Es braucht sowohl für Töchter und Söhne beide Ansätze: Einerseits sollen Eltern mögliche Schutzstrategien aufzeigen und anderseits Wertvorstellungen vermitteln, die keine Gewalt akzeptieren. Von gewalttätigen, sexistischen Übergriffen sind übrigens nicht nur Frauen betroffen, sondern auch Männer wie beispielsweise durch Übergriffe auf homosexuelle Jugendliche durch Gruppen.

Marie-Eve Cousin ist Dozentin für Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Zug. (Bild: zvg)

zentralplus: Welchen Beitrag können Erziehung und Schulen leisten, wenn es um die Gewaltprävention geht?

Cousin: Töchter und Söhne sollten ein Bewusstsein dafür entwickeln, welchen potenziellen Gefahren man begegnen und was man selber präventiv tun kann, um nicht unnötige Risiken einzugehen. Hierzu können Elternhaus und Bildungseinrichtungen Beiträge leisten. Bezüglich der Erziehung lohnt es sich, alle Geschlechter mitzudenken. Obwohl bezüglich Gewaltausübung Geschlechtsunterschiede bestehen, wird Gewalt – in unterschiedlichen Formen – von allen ausgeübt.

«Wenn Kinder miterleben, dass der Vater gegenüber der Mutter respektvoll, einfühlsam und wertschätzend umgeht, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie dieses Verhalten auch übernehmen.»

zentralplus: Inwiefern kann Erziehung Gewalt gegen Frauen verhindern?

Cousin: Ob jemand gewalttätig wird, hängt von vielen Faktoren ab. So spielen biographische, soziale und personale Faktoren eine Rolle. Und es kommt auch auf situative Kontextfaktoren an, wie Gruppendruck, Alkoholisierung, Provokationen, Stress und Bedrohung. Gut belegt ist zum Beispiel, dass wir uns durch Modelllernen Verhaltensweisen aneignen. Die Forschung zeigt, dass zwischen in der eigenen Kindheit erlebte beziehungsweise beobachtete Gewalt und gewalttätigem Verhalten als Erwachsener ein Zusammenhang besteht – offenbar vor allem beim männlichen Geschlecht.

zentralplus: Wie meinen Sie das?

Cousin: Wenn Kinder beispielsweise miterleben, wie der Vater psychisch und/oder physisch gewalttätig gegenüber der Mutter ist, dann besteht das Risiko, dass über den Lernmechanismus des Modelllernens – also das Nachahmungslernen – entsprechende Verhaltensweisen von Kindern gelernt und später zum Beispiel in Beziehungskonflikten ähnliche Verhaltensweisen gegenüber der eigenen Partnerin gezeigt werden. Damit dies geschieht, braucht es jedoch – neben den bereits angesprochenen situativen Faktoren – noch andere (Risiko-)Faktoren: Unter anderem sind das geringe Impulskontrolle, mangelnde sozio-emotionale und kommunikative Kompetenzen, verinnerlichte gewaltbegünstigende Rollenbilder betreffend Mann-Frau oder ein Normendefizit.

zentralplus: Erwachsene nehmen also eine wichtige Vorbildfunktion ein, wenn es um die Gewaltprävention geht.

Cousin: Genau. Erwachsene – sowohl in Schulen und der Familie – müssen sich ihrer Vorbildfunktionen bewusst sein. Sie sollten sich aktiv und kritisch mit Werten und Rollenbildern auseinandersetzen und darüber hinaus zusammen gezielt an der Förderung von sozialen, personalen und kommunikativen Kompetenzen arbeiten.

zentralplus: Wie wichtig ist die Vorbildfunktion der Eltern?

Cousin: Eltern leisten einen sehr wichtigen Beitrag, indem sie ihren Kindern respektvolles Verhalten zwischen den Geschlechtern vorleben und aufzeigen, wie Konflikte gewaltfrei und konstruktiv gelöst werden können. Wenn Kinder miterleben, dass der Vater gegenüber der Mutter beziehungsweise generell gegenüber Frauen respektvoll, einfühlsam und wertschätzend umgeht, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie dieses Verhalten auch übernehmen.

«Empathie hilft, persönliche Grenzen – eigene und die des anderen Geschlechts – zu verstehen und zu respektieren.»

zentralplus: Was ist bei der Erziehung von Jungs wichtig, wenn es um sexistische Gewalt geht? Und was bei der Erziehung von Mädchen?

Cousin: Wahrscheinlich wäre ein erster wichtiger Schritt, das Thema Sexualität und sexuelle Bedürfnisse und den Umgang damit stärker zu enttabuisieren. Das offene Gespräch würde ermöglichen, dass andere Perspektiven wahrgenommen werden, was eine wichtige Grundlage für mehr Empathie darstellt.

zentralplus: Warum ist Empathie in diesem Zusammenhang so wichtig?

Cousin: Empathie schützt uns davor, andere Menschen ungebührlich zu behandeln. Sie hilft auch persönliche Grenzen – eigene und die des anderen Geschlechts – zu verstehen und zu respektieren. Wie zum Beispiel ungewolltes Berühren. In diesem Zusammenhang ist auch die Stärkung des Selbstbewusstseins der Kinder wichtig. Kinder sollten wissen, dass sie Rechte haben und auf diese pochen dürfen.

zentralplus: Was können Eltern weiter tun, um das Bewusstsein für sexistische Übergriffe und die Folgen davon zu stärken?

Cousin: Eltern können sich mit ihren Kindern kritisch über gesellschaftliche Werte wie beispielsweise Menschenrechte, soziale Normen und Rollenbilder auseinandersetzen. Des Weiteren können sie konkrete Verhaltensweisen vermitteln. Wie man sich beispielsweise in risikobehafteten Situationen verhalten kann, beziehungsweise gar nicht in solche Situationen kommt. So ist es zum Beispiel auch wichtig, dass bei Gewalt und sexistischen Übergriffen sofort und konsequent reagiert wird, um klarzustellen, dass diese in keiner Form toleriert werden.

zentralplus: Und weiter?

Cousin: Es kann das Bewusstsein gestärkt werden, was Gruppendruck mit uns machen kann und wie wir uns diesem Druck am besten entziehen können. Wichtig ist auch, dass nicht nur das unmittelbare soziale Umfeld wie Familie, Freundeskreis und Bildungseinrichtungen an der Sozialisation der Kinder beteiligt ist, sondern auch normative Einflüsse und Rahmenbedingungen der Gesellschaft.

zentralplus: Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?

«In der idealsten aller Welten ist eine massive Reduktion von sexistischer Gewalt durch Bildung und Erziehung denkbar.»

Cousin: Eine kritische Reflexion und eine offene Auseinandersetzung in Schule und Elternhaus wäre äusserst gewinnbringend bei Aspekten wie ungleicher Lohn für die gleiche Arbeit, Rollenbilder und Stereotypen in den Medien. Ebenfalls wäre wichtig, die weitere Betreuung und Begleitung von Täterinnen und Tätern und Opfern mitzudenken, um die Stigmatisierung und Wiederholungsgefahr zu unterbinden. So könnten Eskalationen und weitere Übergriffe verhindert werden.

zentralplus: Ist eine Welt ohne sexistische Gewalt theoretisch mit Erziehung zu erreichen oder reine Utopie?

Cousin: In der idealsten aller Welten ist eine massive Reduktion von sexistischer Gewalt durch Bildung und Erziehung denkbar. Es wird wahrscheinlich leider immer einzelne Individuen geben, die wegen biographischen, psychischen oder organischen Faktoren eine höhere Gewaltbereitschaft mitbringen und in bestimmten Situationen diese Bereitschaft auch ausleben. Auf alle Fälle braucht es eine sorgsame Zusammenarbeit aller – Gesellschaft, Familie und Bildungseinrichtungen.

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