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Gefürchtet und gejagt: Droht den Schmutzlis das Ende?
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Ein Schmutzli der Chlaus- und Trychlergruppe Littau: Während sich Kinder vor ihnen fürchten, machen Jugendliche Jagd auf sie. (Bild: zvg)

Luzerner Samichläuse verzichten auf Begleiter Gefürchtet und gejagt: Droht den Schmutzlis das Ende?

4 min Lesezeit 2 Kommentare 06.12.2015, 05:55 Uhr

Kommt der Samichlaus zu Besuch, müssen Schmutzlis immer häufiger draussen bleiben – zu gross ist die Angst der Kinder. Während man mancherorts nicht auf die Helfer mit den verrussten Köpfen verzichten will, hat man sie andernorts gar abgeschafft. Denn: Gewaltsame Übergriffe auf Schmutzlis sind keine Seltenheit.

Es wird jeden Tag kälter, der Nebel liegt über den Strassen, und die Adventszeit hat begonnen: Nun ist er wieder unterwegs, der Samichlaus. Alle Jahre wieder – könnte man zumindest meinen. Doch in den vergangenen Jahren hat sich so einiges verändert.

Während der Samichlaus nach wie vor ein gern gesehener Gast in den warmen Stuben ist, gilt dies nicht mehr für alle Personen aus seiner Gefolgschaft. Genauer gesagt: Die Schmutzlis dürfen immer öfters nicht ins Haus. So wünschen es viele Eltern.

«Es ist eine zunehmend feststellbare Tendenz», sagt der Wäsmeli-Samichlaus Urs Lischer. «Ich finde diese Entwicklung schade», sagt der 59-Jährige, der seit bald zehn Jahren als Quartier-Samichlaus im Wesmelin unterwegs ist und den Schmutzli als treuen Begleiter schätzt. «Seine Aufgabe ist es, dem Samichlaus zu mehr Autorität zu verhelfen», meint er und betont, dass es dabei auf keinen Fall darum gehe, den Kindern Angst zu machen. Dennoch gäbe es viele Kinder, deren Angst so gross sei, dass die Eltern im Vorfeld anmerken, dass keine Schmutzlis erwünscht seien.

«Vor gut drei Jahren wurde einer unserer Schmutzlis mit dem Messer bedroht.»
Hansruedi Neff, Chlaus- und Trychlergruppe Littau

Eine Erfahrung, die auch Hansruedi Neff von der Chlaus- und Trychlergruppe Littau gemacht hat. «Selbstverständlich respektieren wir die Wünsche der Eltern», sagt er, «aber wir sind dennoch der Meinung, dass es den Schmutzli als ‹drohendes Element› oder ‹erhobenen Zeigefinger› braucht.» Dabei seien die Schmutzlis sehr rücksichtsvoll: «Wenn wir merken, dass ein Kind grosse Angst hat, dann hält er sich verstärkt im Hintergrund», so Neff.

Ein Instrument der «schwarzen Pädagogik»

«Der Schmutzli ist ein ‹Handwerkszeug der schwarzen Pädagogik› gewesen», erklärt Hans Roth, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Luzern. In diesem Sinne sei er auch ein Symbol für die Angst und nimmt eine negative, bestrafende Rolle ein. Dass der Schmutzli heute nicht mehr sonderlich beliebt ist, erstaunt Roth nicht. «Die Kindererziehung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten – zum Glück – verändert», meint er. Heute setze man mehr darauf, die Kinder für das zu loben, was sie Gutes getan haben, statt sie für ihre «Vergehen» zu schelten. «Ein Samichlaus, der Kindern droht oder diese blossstellt, ist sicher schädlich», meint Roth weiter. Eine «dunkle Gestalt» wie der Schmutzli müsse jedoch nicht in jedem Fall ausschliesslich negativ besetzt sein.

«Es artete oftmals aus»

Aber auch abgesehen von der Angst der Kinder haben die Schmutzlis ihren Zenit längst überschritten. «Vor 20 Jahren gab es in Littau noch richtige Schmutzlijagden», erinnert sich Neff. «Da waren 10 bis 15 Schmutzlis im Dorf unterwegs – und es artete oftmals aus.»

Heute seien die Schmutzlis deshalb auch nicht mehr alleine, sondern nur noch mit dem Samichlaus unterwegs. Aber auch dann gebe es keine Garantie, dass keine Angriffe erfolgen würden. «Vor gut drei Jahren wurde einer unserer Schmutzlis mit dem Messer bedroht», erzählt er. Seither sei man vorsichtiger geworden.

Nur noch wenige Schmutzlis in Littau

Bei der St. Niklausgesellschaft Littau (SNL) hat man den Schmutzli deshalb gar ganz abgeschafft. Die Präsenz von Schmutzlis habe zu einem regelrechten «Häuserkampf» im Dorf geführt, erzählt Daniel Küng, Präsident der Gesellschaft. «Jugendliche haben Jagd auf die Schmutzlis gemacht – und manchmal haben sich daraus fast schon kriegsähnliche Zustände ergeben», schmunzelt er.

«Man versucht heute vielleicht verstärkt, die Kinder vor Dingen zu beschützen, die sie verängstigen könnten.»
Urs Lischer, Wäsmeli-Chlaus

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum der Schmutzli den Samichlaus bei der SNL bereits seit Jahren nicht mehr begleitet. «Er hat viele Kinder unnötig verängstigt», so Küng weiter. Um den Kindern Lob und Tadel auszusprechen, brauche es ihn ohnehin nicht.

Und nicht zuletzt: «Wir sind eine Niklausgesellschaft, die sehr viel Wert auf das äussere Erscheinungsbild legt», erklärt Küng weiter, «und immer wieder hatten wir das Problem, dass sich die schwarze Farbe kaum aus den Gewändern auswaschen liess.» Da die Stoffe der Kostüme aus einem Kloster stammen und sehr kostbar seien, sei auch dies ein Grund gewesen, um auf die Begleiter mit den verrussten Köpfen zu verzichten. 

Wenn die Frechsten plötzlich still werden

Quartier-Samichlaus Urs Lischer.

Quartier-Samichlaus Urs Lischer.

(Bild: zvg)

Auf Schmutzlis zu verzichten, kann sich Urs Lischer hingegen nicht vorstellen. «Die gehören einfach dazu», meint er. «Schliesslich will der Samichlaus mit den Kindern auch kritisch über Themen reden können.» Und genau dafür seien die schwarzen Begleiter sehr wichtig.

Warum das viele Eltern anders sehen, darüber kann er nur Vermutungen anstellen. «Ich schätze, das ist eine Erziehungssache», sagt Lischer. «Man versucht heute vielleicht verstärkt, die Kinder vor Dingen zu beschützen, die sie verängstigen könnten.»

Dabei seien Schmutzlis gar nicht böse, sondern übernähmen eine wertvolle pädagogische Aufgabe, so Lischer. Gerade weil er im Wesmelin-Quartier wohne und somit die Kinder, die er besucht, auch unter dem Jahr sehen kann, weiss er, welche Wirkung so ein Schmutzli haben kann. «Manchmal sind es gerade die frechsten Kinder, die dann für einmal mäuschenstill werden», lacht er. Wichtig sei vor allem, dass man als Samichlaus den Tadel immer mit einer grossen Portion Humor vermittle. 

Die Themen, über welche der Samichlaus mit den Kindern spricht, seien übrigens über die Jahre hinweg mehr oder weniger dieselben gewesen. «Es geht um das Aufessen, um die Ordnung im Zimmer, das Zähneputzen, den Nuggi oder Windeln», erzählt Lisch. Zunehmend werde jedoch neben dem Fernseher auch der Computer angesprochen. 

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2 Kommentare
  1. Heinz Gadient, 07.12.2015, 10:06 Uhr

    Schmutzlis gehören zum Samichlaus, wie die Rute und die Süssigkeiten die er bringt. Kaum ein Kind wird vor dem Schmutzli Angst haben wenn man ihm nicht vorher mit ihm droht. Was abgeschafft gehört sin die doofen amerikanischen “Ho-Ho-Ho- Weihnachtsmänner” wie sie in fast jeder Werbung vorkommen und in allen Warenhäusern rumstehen. Die haben mit unserer St.Nikolaus nicht das Geringste zu tun. Samichlaus darf nicht zum Werbeevent verkommen. Also – ein bisschen Sorge tragen zu unsern Traditionen.

  2. Beatrix Kälin, 06.12.2015, 13:03 Uhr

    Der Samichlaus ist ein guter Mann! Er bringt feine Sachen und ab und zu auch Spielsachen! Der Schmutzli ist für die weniger guten Eigenschaften zuständig! Er gehört doch einfach dazu! Kinder sind nicht nur lieb und nett, sie können doch ganz schön nerven und über die Stränge schlagen! Dass nicht Alles toleriert werden kann, dafür ist der Schmutzli! Den braucht es einfach und wenn er nichts sagt und einfach nur dabei steht, reicht das schon. Es kommt auch immer darauf an, wie der Samichlaus der Familie begegnet! Er kann durchaus auch belehred auf die Kinder eingehen!
    Aber erziehen müssen die Eltern! Und packt die Kinder nicht ständig in Watte!