Gefängnis-Seelsorger: «Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit geht an keinem spurlos vorbei»
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Hansueli Hauenstein, der reformierte Gefängnisseelsorger, in einer Zelle im Grosshof in Kriens. (Bild: ber)

Hafturlaube sind in Luzern gestrichen Gefängnis-Seelsorger: «Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit geht an keinem spurlos vorbei»

5 min Lesezeit 21.03.2020, 17:00 Uhr

Hansueli Hauenstein weiss aus beruflicher Erfahrung, welche körperlichen und psychischen Auswirkungen es haben kann, sich nicht mehr frei bewegen zu können. Der Gefängnisseelsorger im Grosshof hat einige Ideen, wie ihr die nächsten Wochen übersteht.

Ein bisschen wie im Gefängnis kommt man sich derzeit vor. Wenn immer möglich, sollen die Leute zu Hause bleiben. Wer sich trotzdem draussen mit Freunden trifft, wird mit Lautsprechern aufgefordert, die Versammlung aufzulösen (zentralplus berichtete) und es drohen Bussen von 100 Franken.

Diese Massnahmen sind gemäss Bundesrat zwingend nötig, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Die Kehrseite: Sie haben massive Auswirkungen auf das Zusammenleben.

«Ich höre von Familien, für die es schwierig ist, dass jetzt alle daheimbleiben müssen. Von einem Tag auf den anderen haben sich die Tagesabläufe und räumlichen Verhältnisse drastisch verändert», sagt der reformierte Pfarrer Hansueli Hauenstein. «Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit geht an keinem spurlos vorbei.»

«Es kann sein, dass Menschen nun ähnliche Erfahrungen machen, wie die Menschen im Vollzug.»

Hansueli Hauenstein, Seelsorger

Hauenstein arbeitet im Luzerner Gefängnis Grosshof als Seelsorger. «Es kann sein, dass Menschen nun ähnliche Erfahrungen machen, wie die Menschen im Vollzug», meint er. Auf die eigene Wohnung beschränkt zu sein, führt in vielen Fällen zu Bewegungsmangel. «Mit den bekannten Folgen wie beispielsweise Rückenschmerzen, weil man viel liegt und sitzt.»

Seine Gesprächspartner im Gefängnis berichten zudem häufig von Konzentrationsschwierigkeiten. «Das ist interessanterweise genau das, was sich nun bei den Kindern bemerkbar macht, die zu Hause unterrichtet werden müssen.» Das habe einerseits mit der Ablenkung zu tun, aber auch mit der Fixierung auf einen Raum.

Ein Thema dominiert die Gespräche und die Gedanken

Nach Hauensteins Erfahrung reagieren Menschen auf zwei Arten, wenn sie sich längere Zeit eingesperrt fühlen: aggressiv oder depressiv. «Ich beobachte oft eine Antriebslosigkeit und Verstimmtheit. Manche haben kaum noch Kraft und wollen lieber nur noch liegen bleiben», berichtet er.

Die andere Seite sei, dass die Schwelle für Aggressionen tiefer werde. Nur: Was kann man dagegen tun? «Wichtig ist, eine Tagesstruktur zu finden und für Abwechslung zu sorgen», findet Hauenstein.  «Oft merke ich, dass gestalterische Bedürfnisse entstehen. Die Menschen beginnen beispielsweise plötzlich, ein Mandala zu malen. Auch wenn das eine simple Tätigkeit ist – es scheint vielen gut zu tun, sich auf diese Art zu beschäftigen.»

«In den Familien könnte es wichtig sein, dass man sich bewusst Themen überlegt, über die man sprechen kann.»

Hansueli Hauenstein, Seelsorger

Wichtig findet Hauenstein, dass weiter Gespräche geführt werden und die Menschen nicht in Schweigen verfallen. «In den Familien könnte es wichtig sein, dass man sich bewusst Themen überlegt, über die man sprechen kann.»

Vielleicht über ein Buch, dass alle gemeinsam lesen. Oder man erzählt sich Familiengeschichten, während man sich alte Fotos anschaut. «Das sind einfache Mittel, damit sich nicht alles um das eine Thema dreht.»

Allenfalls könne man auch bewusst zusammen kochen. Auch religiöse Rituale könnten hilfreich sein, wenn die Menschen einen Zugang dazu haben.

Zusätzliche Einschränkungen im Strafvollzug

Hauenstein selber war letzte Woche zuletzt im Grosshof. Ob er weiterhin in gewohnter Art Besuche machen kann, weiss er noch nicht. Die Corona-Krise macht sich jedenfalls auch dort bemerkbar, wie sich auf Nachfrage beim Kanton zeigt.

«Die Anordnungen des Bundes werden auch im Justizvollzug umgesetzt. Wir versuchen aber, das Anstaltsleben möglichst wie gewohnt aufrechtzuerhalten», sagt Stefan Weiss, Leiter der Dienststelle Militär, Zivilschutz und Justizvollzug.

Wenn die Gefangenen erkranken, werden sie in der Justizvollzuganstalt Grosshof isoliert und, sobald die Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen sind, in einer separaten Pflegeabteilung untergebracht. Ein kleines Team übernimmt dann die Betreuung.

«Wir versuchen, das Anstaltsleben möglichst wie gewohnt aufrechtzuerhalten.»

Stefan Weiss, Leiter Justizvollzug

«Diese Mitarbeitenden tragen Schutzmasken, Schutzbrille und Handschuhe. Essen und Medikamente werden durch die Luke gereicht», so Weiss. Neue Gefangene werden zuerst zwei Wochen in einer spezifischen Abteilung isoliert, bevor sie in den regulären Anstaltsbetrieb integriert werden.

Aber auch wer gesund ist, muss mit Einschränkungen leben. Wer im Wauwilermoos untergebracht ist, kann keinen privaten Besuch mehr empfangen. Im Grosshof hingegen wurden in den Besucherzimmern als Sofortmassnahme Trennscheiben installiert, um Ansteckungen zu verhindern. 

Eingriff in die Grundrechte ist heikel

Hafturlaube sind im ganzen Kanton gestrichen. Das ist ein harter Schlag für all jene, die längere Zeit auf diese Vollzugslockerung gehofft haben. Ist das noch mit den Grundrechten vereinbar?

Aus Sicht von Regula Mader, Präsidentin der nationalen Kommission zur Verhütung von Folter, schon. Sie hält die vom Kanton Luzern getroffenen Entscheide für sinnvoll. «Es ist klar, dass die Massnahmen des Bundes auch im Strafvollzug umgesetzt werden müssen», sagt sie.

«Die Eingriffe müssen aber trotzdem verhältnismässig sein. Das Recht der Gefangenen, sich eine Stunde pro Tag an der frischen Luft bewegen zu dürfen, muss aus meiner Sicht beispielsweise eingehalten werden. Eine Einschränkung dieses Grundrechts würde aus meiner Sicht zu weit gehen.» Wichtig wäre aus Sicht von Mader jetzt, dass der Bund in dieser besonderen Situation einheitliche Regelungen festlegt für alle Vollzugsanstalten.

«Das Recht der Gefangenen, sich eine Stunde pro Tag an der frischen Luft bewegen zu dürfen, muss eingehalten werden.»

Regula Mader, Präsidentin Anti-Folterkommission

Hauenstein ist überzeugt, dass die Gefangenen teils sehr enttäuscht sein werden, wenn ihr Hafturlaub gestrichen wird. Diese werden ja nur gewährt, wenn man sich im Vollzug vorbildlich verhält. «Aber solche Änderungen gehören zu dem Gefangenendasein dazu», sagt Hauenstein.

«Fast alle erleben im Vollzug mal, dass neue Massnahmen angeordnet werden, die ihnen nicht passen. Das ist die entscheidende Differenz zwischen einem freien Menschen und einem gefangenen: dass man nichts mehr selber zu bestimmen hat.»

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