Gastronomie
Neue Jazzbar in der Stadt Zug

«Hidén Harlekin» zelebriert Live-Jazz und Lebensgenuss

Die Crew, die hinter dem HidénHarlekin steht (v.l.): Fabian Werder (Clubmanager), Kevin Tarō Bicker (Betreiber und Art Director), Brian Manguru (Bartender), Pascal Schönenberger (Chef de Bar) (Bild: Zoran Cvetkovic)

Sie vereint die Schönheit des Vergänglichen mit innovativer Cocktailkultur. Die neue Jazzbar Hidén Harlekin in Zug soll Leute aller Couleur zusammenbringen.

«Hidén Harlekin, Jazz Kissa, Cocktails, Bohème.» So kündigt sich auf ihrer Website die neue Bar an der Zuger Bahnhofstrasse an. Sie ist in den ehemaligen Räumlichkeiten des vor knapp zwei Jahren geschlossenen Topas-Club beherbergt. Die Affiche verspricht Stil – angereichert mit einem Hauch von Exotik. Doch was verbirgt sich hinter diesem vollmundigen Versprechen?

«Eine Jazzbar wollte ich schon immer aufmachen», sagt der 30-jährige Kevin Tarō Bicker, Absolvent der Hotelfachschule Luzern, Sohn einer Japanerin und eines Zugers. Vor allem aber: Ästhet mit starkem Drang, sich künstlerisch auszudrücken.

«‹Hidén› bedeutet auf japanisch ‹Tor zu einer anderen, mysteriösen Welt›.»

Kevin Tarō Bicker, Betreiber und Art Director

Weil an diesem Freitagabend mit dem vorgesehenen Auftritt einer Jazzband schon viel Betrieb herrscht in der Bar, findet das Gespräch mit dem Barbetreiber in einem Nebenraum statt. Der gross gewachsene Man mit Schirmmütze vereinigt ist kein Unbekannter in der Zuger Gastroszene und vereint nicht nur zwei Ethnien, sondern auch sonst viele Talente.

So schafft er in Nachfolge seiner japanischen Grossvaters, eines Kalligraphen, schwungvolle Tuschezeichnungen. Und mit dem Studio Tarō lebt er seine Hingabe zum Schönen als Möbeldesigner und Gestalter von Innenräumen aus. Doch was steckt hinter dem Namen «Hidén Harlekin»?

«Hidén», so sagt er, «bedeutet auf japanisch ‹Tor zu einer anderen, mysteriösen Welt›. Gleichzeitig knüpft der Begriff an das englische Wort ‹hidden›, also ‹versteckt›, an.» Die schillernd doppeldeutige Figur des Harlekin, erläutert er, verstärke diese Ambivalenz. Auch der Harlekin mache den Menschen eine andere Welt zugänglich.

Jazz Kissa - das achtsame Musikhören kommt nach Zug

«Ich freue mich, meinen Traum von der eigenen Bar wahrmachen zu können», äussert er sich mit warmherzig verträumter Begeisterung. Dass sie sich im Untergrund befindet, passt in sein Konzept: Denn er möchte die japanische Tradition der sogenannten Jazz Kissa nach Zug bringen.

Jazz Kissa ist audiophile Barkultur pur. Sie hat sich im Untergrund japanischer Städte seit den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt und war lange verboten. Was nicht verwundert: Junge Japaner hatten damals ein grosses Bedürfnis danach, wenigstens stundenweise aus den engen Normen ihrer Kultur auszubrechen.

Über einen langen Zeitraum gewachsene Gegenkultur

Dafür stiegen sie gerne in illegale Untergrundbars hinab. Dort konnten sie sich ihres Kimonos entledigen und in den westlichen Kleidern, die sie darunter trugen, dem Musikhören frönen. Was konnte sie dabei mehr reizen als der pure Gegenentwurf zum japanischen Gemeinschaftssinn: Der wilde, improvisationsgetriebene amerikanische Jazz. Wobei «Kissa» ursprünglich nichts weiter meint als Musik hören bei einer Tasse Tee.

Doch wenn es um Tee geht, ist bei den Japanern die Ritualisierung nicht fern. Entsprechend haben sich die noch heute in voller Blüte stehenden Kissas zu Flüsterbars entwickelt. Das Hören von atmosphärischer, auf Vinyl gepresster Musik wird zelebriert, störende Gespräche sind verpönt. Bicker hat diese Kultur als Teenager aufgesogen.

Sinn für einen gepflegte Barbetrieb

«Bei uns dürfen die Leute selbstverständlich reden», sagt der frischgebackene Clubbetreiber mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Was er den Gästen aus der Kultur der Kissa vermitteln will, ist die Hingabe an die Musik – ob sie nun live erklingt oder von der Vinylplatte kommt. Passend dazu gibt es erlesene Cocktails zu geniessen. Zu diesem Zweck hat sich Bicker den im Ägerital aufgewachsenen Pascal Schönenberger als Chef de Bar dazugeholt.

Der vielgereiste Getränkespezialist kennt die aktuellen Trends – inklusive der jüngst vermehrt nachgefragten alkoholfreien Mocktails. Das Einmaleins des Barmannes liegt ihm im Blut. So veranstaltet er ein Ritual um die Herstellung der Getränke – durchaus zu Gunsten eines wertigen Trinkgenusses. Diverse Zutaten wie etwa Sirup oder Cream stellt er selber her.

Ein Erlebnis an Zeremoniell und Trinkgenuss: Pascal Schönenberger gibt für den Spezialdrink Maple Leaf Old Fashioned den Bourbon-Ahornsirp-Bitterstoffe-Mix in das von Eichenholzbeize rauchgeschwängerte Glas. (Bild: Michael Flückiger)

Für den alkoholischen Special-Drink «Smoked Maple Old Fashioned» mit Balleit Bourbon zaubert er dichten weissen Rauch aus gebeizten Eichenholzschnitzeln ins Cocktailglas. Die übrigen Zutaten mixt er im Shaker und giesst sie schwungvoll dazu. Der Genuss des Getränks hält eine reizvolle Irritation bereit. Die Nase ist dominiert von rauchigen Holznoten. Über den Gaumen rinnt eine geschmeidig süssliche Mischung aus Ahornsirup, Bourbon und Bitterstoffen.

Intime Atmosphäre mit bewusst gesetzten Details

Die Einrichtung des Lokals steht ganz im Zeichen eines stilvollen Ambientes. Die Wände des neu gestalteten Clubs zieren handgewalzte Tapeten in unaufdringlicher Musterung. Obwohl er – abgesehen von einer mit Glaswänden abgetrennten Lounge mit Polstersesseln – offen ist, verströmt der Raum eine intime Atmosphäre. Dezent hoch angebrachte Baldachine entlang den Seiten unterstützen diesen Eindruck.

Die Getränkebar bildet zwar Blickfang und Zentrum des Lokals. Doch fügt sie sich mit ihrer zurückhaltend eingesetzten Hufeisenform harmonisch in den Raum. Die mit Tischen und Stühlen besetzte freie Fläche ist gross genug, damit sich eine jede Besucherin ihr Plätzchen suchen kann.

Im «Hidén Harlekin» sollen Geniesser unterschiedlichster Couleur ihren Alltag für wenige Stunden abstreifen können. «Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der sich alle wohlfühlen. Hier können sich unterschiedliche Leute unabhängig von ihrem Beruf kennenlernen und austauschen», unterstreicht der Barbetreiber seine Ambition.

Wöchentlicher Live-Jazz für anspruchsvolleres Publikum

Auf der Bühne rüsten sich derweil vier Jazzmusiker zum Soundcheck. Lukas Gernet (piano), Samuel Leipold (guitar), Raphael Walser (bass) und Alex Huber (drums) sind etablierte Jazzmusiker mit regelmässiger Auftrittspraxis. Kevin Tarō Bicker möchte gehobene Liveerlebnisse für Musik bieten. «Indem wir direkt mit Dozenten der Jazzakademie der Hochschule Luzern zusammenarbeiten, können wir hier regelmässig erstklassige Musiker begrüssen. Wir starten vorerst mit Livekonzerten jeden Freitagabend. Am Mittwoch können die Gäste zudem einen Live-Pianisten hören.»

Der umtriebige Barbetreiber ist gegenüber verschiedensten Kunstformen aufgeschlossen. So schwebt ihm für den Donnerstagabend ein Standup-Comedy-Format vor, oder er kann sich vorstellen, Kunst in der Bar auszustellen.

Barrückwand als Statement für genussvolles Musikhören

Die Rückwand der Bar ist ein Statement: Die JBL 4333A-Studioboxen aus den 70er-Jahren stechen heraus. Sie stehen bei Audiophilen hoch im Kurs. Prädikat: Legendäres Hörerlebnis. Im Regal stehen Vinylpressungen mit Aufnahmen, die sich Aficionados noch heute andächtig ins Ohr träufeln. Passt also: In den 50ern, 60ern und 70ern wurden Jazzalben in wenigen Takes und in Vollbesetzung aufgenommen, was eine grosse Unmittelbarkeit schafft.

Die Musik entstand erst im Studio, die Interpreten bekamen die Noten, oft nur in Form von Grundschemen, teils erst vor Ort. Die Hingabe an den Moment ist alles. Noch heute elektrisiert der improvisierte Dialog auf diesen Tonträgern. Die atmosphärische Dichte dieser Aufnahmen entfaltet eine enorme Sogwirkung.

Einfluss des japanische Konzepts des Wabi-Sabi

Der Raum atmet Geschichte. Das setzt sich bis in die sorgfältig ausgewählte Möblierung fort. «Seele kann sich in den Dingen erst durch Zeit entwickeln», sinniert Kevin Tarō Bicker und kommt auf die ästhetische Kultur des «Wabi Sabi» zu sprechen.

Entgegen dem westlichen Gedanken der ästhetischen Verfeinerung geht es hier darum, im Altern der Gegenstände wie auch im Zerbrochenen das Schöne und Besondere zu erkennen. Daher sind in der Bar Hidén Harlekin fasst ausschliesslich ältere Möbel im Einsatz. Japanisch sozialisiert, vertraut der Barbetreiber einer Aura, die erst durch den Gebrauch und dessen Spuren entsteht.

An diesem Abend füllt sich die Bar rasch, die Besucherinnen und Besucher machen einen entspannten Eindruck. Reagieren Sie auf die vom Kunst- und Musikästheten umsichtig kreierte Atmosphäre? Wenn, dann wohl eher unbewusst. Was aber den Zweck erfüllt.

Mit dem Chicago-Club verfügt Zug über eine etablierte Musikbar (zentralplus berichtete). Mit «Hidén Harlekin» ist nun eine zweite, etwas kleinere Jazz- und Genussbar am Start. Auch sie ist unique und dürfte ihr Publikum finden.

Verwendete Quellen
  • Besuch der Bar mit Livekonzert vom 6. Januar
  • Gespräch mit Kevin Tarō Bicker
  • Website mit Konzertprogramm der Bar Hiden Harlekin
Deine Ideefür das Community-Voting

Die Redaktion sichtet die Ideen regelmässig und erstellt daraus monatliche Votings. Mehr zu unseren Regeln, wenn du dich an unseren Redaktionstisch setzt.

Deine Meinung ist gefragt
Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte unsere Netiquette.
Apple Store IconGoogle Play Store Icon